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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · p. Seite 693

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 693 (sequence 14)
Language
German
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*rJr -^^Fsraclitische Wochenschrift. Seite 693. Y?? ' ' [einer Rede g^dzr dulden hat, so lauge er nicht dem Arm der , ^'"^erechmgkeit verfällt." Das Schreiben stammt aus dem preußischen Staatsinwisterium vom — 31. Oktober 1836. * * * (Russische Zustände.) Die russischen Reservisten der ältesten Jahrgänge 1887 bis 1889 sind zum größten Teil nach ihren Heimatorten wieder entlassen worden. In Radomsk erklärte der aus Warschau zur Abschiebung der Mannschaften eingetroffene Generalmajor, daß die christlichen Reservisten der alten Jahrgänge (1887—89) entlassen, die jüdischen derselben Jahrgänge aber zunächst nach Dwinsk und dann nach dem Kriegsschauplatz befördert werden sollten. Ein Trupp von 500 bis 600 jüdischen Reservisten protestierte dagegen, daß die christlichen Reservisten zurückgestellt, die jüdischen derselben Jahrgänge aber eingestellt würden. Der Generalmajor ließ hierauf diejenigen, die sich weigerten, die Fahrt nach Dwinsk anzutreten, verhaften und drohte mit kriegsgerichtlicher Aburteilung. Durch Vermittlung des Rabbiners in Radomsk wurde von den Reservisten eine Depesche an die Warschauer Militärbehörde abgesandt, worauf an den Bezirkskommandeur in Radomsk der Befehl eintraf, die Reservisten aller Religionsgesellschaften der Jahrgänge 1887, 1888, 1889 sofort zu entlassen. Die hierauf freigelasienen jüdischen Reservisten brachten stürmische Hoch auf die Warschauer- Behörden aus. * (Russische Flüchtlinge in London.) In Whitechapel, dem \ besonders von polnischen und russischen Juden bewohnten Stadtteile Londons, haben die Londoner Juden zeitweilige -Yin^rkunstsräume für die armen Glaubensgenossen errichtet, denn es gilt, viele russische Flüchtlinge unterzubringen, die sich dem Kriegsdienst durch Flucht entzogen haben. Doch stehen diese Unterkunftsräume, obgleich sie eine jüdische Einrichtung sind, auch christlichen Flüchtlingen zu Gebote. Sie enthalten Schlafstellen und man erteilt dort Auskünfte über Reiseangelegenheiten und Auswanderungsbedingungen, so daß arme Auswanderer davor bewahrt werden, auf der Durchreise durch London Ausbeutern in die Hände zu fallen. Hunderte von russischen Staatsbürgern machen von dieser Unterkunftsgelegenheit Gebrauch. Fast 95 v. H. dieser Leute betrachten England nur als Durchgangsstation nach Amerika. Südafrika steht augenblicklich nur noch den Bessergestellten offen. Ein Berichterstatter der „Daily News" schildert die Ankunft eines Transports von 77 solcher russischen Flüchtlinge. Es waren meistens gedrungene, 'kräftige Gestalten mit frischen, sonnverbrannten Gesichtern. Fast alle trugen Pelzkappen. Es waren Juden und Christen gemischt, und alle erzählten, daß die russische Regierung bemüht ist, die Reservisten zu überrumpeln, da diese sonst zu entkommen versuchen. Einer der Flüchtlinge erzählte: „Ohne jede Bekanntmachung, manchmal mitten in der Nacht, kommt man, Reservisten zu holen. Das Dorf wird umstellt und jedes Haus abgesucht. Wenn die Hausbewohner nicht sofort die Tür öffnen, wird diese eingeschlagen. Alle Männer im Alter von 21 bis zu 43 Jahren werden zusammen eingeschlossen und nach einem oder nach zwei Tagen nach einem entfernten Teil des Landes geschickt. Dort werden sie einige Tage einexerziert, und dann geht's auf den Kriegsschauplatz". Der Berichterstatter fragte, ob man den Verwundeten erlaube, in die Heimat zurückzukehren. Die Antwort lautete: „Nein. Wenn ein Mann geholt wird, so hört man in der Rege! nicht mehr von ihm". Ein anderer beschrieb, wie er und seine Begleiter entkamen: „Wir lebten in dem Distrikt Kowno, etwa 110 Km. von der Grenze. Wir hörten, daß in einem Nachbardorf alle Männer in einer Nacht ausgehoben und wegtransportiert worden waren, und unser Ort geriet dadurch in Schrecken. Einer nach dem andern begann zu fliehen. Man versteckte sich aus Wagen unter Holzladungen. Als wir in der Nähe der Grenze kamen, schlichen wir uns in der Nacht hinüber. Die Grenzposten helfen übrigens oft den Leuten über die Grenze, statt sie festzuhalten, denn auch sie gehören ja zum Volk. Jedenfalls hilft etwas Geld sicher über die Grenze nach Deutschland, wo wir uns ganz sicher fühlen und die Sympathie des Volkes haben. Unsere Frauen und Kinder haben wir mit alten Männern zu Haus gelassen. Sie müssen sehen, wie sie durchkommen. Mit dem Vieh und dem Getreide werden sie wohl vor Hunger gesichert sein. Ich habe Frau und drei Kinder zurückgelaffen". Auf dre Frage, was denn aus den unbemittelten Reservisten wird, antwortete der Flüchtling: „Es sind in der Regel die Armen, die in den Krieg geschickt werden, in einigen Fällen haben jedoch die reicheren Juden den armen Glaubensgenossen zur Flucht verholfen". Der Berichterstatter wollte noch wissen, wie die Leute entkämen, die weiter im Innern des Landes wohnen. „Für sie ist es schwieriger", lautete die Antwort. „Sie bringen es aber doch fertig, mit dem Zug irgendwo in der Nähe der Grenze zu kommen, und sie schleichen sich dann hinüber, oder es gelingt ihnen, die Zollbeamten und die Grenzwächter zu bestechen. Jeden Tag fliehen Hunderte über die Grenze". „Was wird aus den Leuten, wenn man sie fängt?" Die Antivort lautete: „Das hängt von dem Offizier ab, der Gewalt über Leben und Tod hat. Im allgemeinen werden die Flüchtlinge aber nicht grausam behandelt. Sie rverden aber sofort zur Front geschickt, und das ist auch ganz genug, denn von dem Augenblick an hört man nichts mehr von ihnen". (Der Krawall-Prozeß in Homel.) Während der Vertreter der Anklage und die Verteidiger der christlichen Angeklagten davon ausgehen, daß in Homel zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung ein Raffen- und Religionshaß bestanden habe, beweisen die Aussagen, daß dieser Annahme jede tatsächliche Unterlage fehlt. Von den bereits vernommenen 140 Zeugen der Anklage hat niemand jemals irgendwelche Spuren eines Hasses im Sinn der Anklage beobachtet. Typisch sind in dieser Beziehung die Aussagen des Homler Bezirksvorstehers Elenski, der „von amtswegen" der natürlichste Verteidiger der Polizei und des Militärs ist. Was aber die gegenseitigen Beziehungen anbetrifft, so sagte er etwa folgendes aus: „Ich wohne und walte meines Amtes in Homel schon seit 23 Jahren, habe verschiedene Zeiten gesehen, mit mehreren Generationen und verschiedenen Schichten der hiesigen Bevölkerung amtlich und gesellschaftlich viel verkehrt — haoe aber nie irgendwelche Feindseligkeiten der Juden gegenüber den Christen beobachtet, ich habe auch nie von solchen gehört. Viele würdige jüdische Familien habe ich kennen und achten gelernt. Wahr ist es, daß in den guten alten Zeiten die Juden sich ruhiger verhalten haben, sie waren fromm und gottessürchtia, haben sich wenig um öffentliche Angelegenheiten gekümmert und gingen ausschließlich ihren Geschäften nach. Die Zeiten sind aber vorüber. Namentlich nach Kischinew bemerkte ich eine große Veränderung: die Juden wurden mißtrauisch; belästigten fortwährend die Polizei mit ihren Befürchtungen; verkündeten eine Art Trauer und besuchten nicht die Theater und öffentlichen Veranstaltungen; in den Beziehungen zu den christlichen Bekannten trat eine gewisse Abkühlnvg ein. Das Schlimmste aber ist, daß unter der jüdischen Jugend sich eine neue Formation — /

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