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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · p. Seite 663

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
Seite 663 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 663. Uotterdam, 11. November. (Diamantene Hochzeit.) Vor einigen Tagen hat hier das Simon van den Berghsche Ehepaar das Fest der diamantenen Hochzeit gefeiert. Am Vorabend des Festtages brachten die 1900 Arbeiter der van den Berghschen Fabriken dem Jubelpaar einen Fackelzug, und die Festlichkeit selbst erhielt dadurch ein besonders würdiges Gepräge, daß die Familie van den Bergh und ihre Freunde namhafte Zuwendungen an die Wohlfahrtsanstalten machte, denen der alte Herr seine Tätigkeit gewidmet. Der Verein „Montefiore", dessen Präsident Herr van den Bergh ist, hat die reichsten Gaben erhalten; sein Hauptzweck ist bekanntlich die Unterstützung und Förderung der auf der Durchreise befindlichen jüdischen Auswanderer aus Rußland und Rumänien. London, 14. November. (Die jüdische Abteilung im Londoner Krankenhaus.) Die feierliche Einweihung und die Eröffnung des jüdischen Flügels im Londoner Krankenhaus hat heute stattgefunden. Lord Rothschild hat den Eröffnungsakt vollzogen, Rabbiner S. Singer hat die Weiherede gehalten und die gottesdienstlichen Gebete in Gemeinschaft mit Rabbiner S. Levy vorgetragen. Der Letztgenannte hat die Seelsorgertätigkeit für das Hospital übernommen. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Am Dienstag, 15. November, hielten die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan in Braunschweig Propaganda-Vorträge für den Hilfsverein der Deutschen Juden mit gewohntem Erfolg. — Wir haben in voriger Nummer die Berufung des Herrn Dr. Kahn aus München in das Bureau des Hilfsvereins der Deutschen Juden gemeldet. Wir hatten ihn irrig als neuen Generalsekretär bezeichnet. Herr Dr. Kahn ist, da es im Hilfsverein einen Generalsekretär überhaupt nicht gibt, einer von drei gleichgeordneten Sekretären. — In Straßburg i. Elsaß erscheint seit kurzem ein neues jüdisches Wochenblatt unter dem Titel „Israelitisches Wochenblatt für Elsaß-Lothringen." Vakanzen. Randegg (Baden). Sem. u. mus. geb. Rel.- L., K., Sch., orthod., 900 Mk. Geh., 450—500 Mk. Nebeneink., fr. W. u. Heiz. Meld. an Herrn Dr. Rothschild. — Schwegenheim (Rheinpf.). Rel.-L., K., Sch., (led.) 500 Mk. Geh., fr. W. u. Heiz., 150 Mk. Nebeneink. Meld. an Herrn S. Loeb. — Feuilleton. 3) Sabbat. Eine Studie von Hermann Heijermans jr. Autorisierte Uebersetzung von R. Rüben. (Fortsetzung.) Das plattbrüstige Mädchen, bleich und schlaff, nahm das Stück Gurke von der Mefferspitze, biß hinein, mit schmückendem Geräusch, Saft und Gurkenfleisch zugleich aufschlürfend und dabei in die anderen Töpfe und Füßchen mit sauren Gurken und Zwiebeln spähend. An einer Ecke des Wagens lag eine angeschnittene Leber, mit trocken-schwarzer Rinde den schwangeren Bauch berührend. Das plattbrüstige Mädchen im Straßengewühl verschwand wieder — weit offenen Mundes gähnt? in dem tiefbraunen, schwermütigen Schatten des Lattenwerks die schwangere Sauerjüdin, unbewegt durch das heiser klingende Geschrei der Verkäufer, und atmete die eklen Gerüche rundum ein. Stärker beleuchtet, in dem von den Dächern herabfallenden Licht, stumpfsinnig, saß da ein Mandeljüdchen. Zwischen den schmackenden, blutvollen Lippen steckte eine plumpe schwarze Zigarre. Seine Augen blinzelten im Schlaf hinter seinen Verkaufswaren, hinter Mandeln, reifklebrigen Datteln, Nüssen, Kastanien, alles von Preis-Täfelchen durchspeicht. Und er neigte sich in nickendem Gedusel, die Aeuglein verziehend, dicht neben der beuligen Wagschale, die matt-kupfern an der Querstange erglänzte. Neben ihm wartete, verschlafen nickend, die Hände im Schoß, den Rücken an eine leere Apfelsinenkiste gelehnt, mit starr träumerischen Augen, eine alte Jüdin. Ihr silberweißes Haar lag halbwegs glatt unter einem schwarzen falschen Scheitel. Das Fettfalten-Gesicht strammte sich unter dem fremden Gewirr falschen Haares über dem leicht sich kräuselnden Silberhaar. An den gelben, verschrumpelten Oehrchen hingen lange Blutkorallen-Glocken. Die mageren Knochenhände lagen im Schoß, der Mund verzerrte sich beim Atemholen. Die Augen träumten starr weg über den Lärm der sich fortbewegenden Juden, der sich in den Hüften wiegenden Jüdinnen. Auch noch der Schuhputzer. Es war ein alter, in Schmutz verrosteter Jude mit schwabbeligem Hängebauch. Faul auf die Ellenbogen gestützt, lehnte er in einem mattgeflochtenen Lehnstuhl. Graubraun schlotterte der zerfetzte Rock um seine Schultern, an losgezerrten Knöpfen um den herabhängenden Schmerbauch gehalten. Die fetten Schenkel füllten die enge kurze Hose. Der Schlitz stand offen und schmuddeliges Leinen schimmerte aus ihm hervor. Das träge fette Kinn mit beutelndem Unterkinn quoll über den zerschlissenen Shlips weg. Graue dichte Bartstoppeln umstanden das Fett des Kinns und des Halses. Vor seinen, in zerriffenen, viereckig grauen Schuhen steckenden Füßen stand der Putzkasten mit den Bürsten. In seinem Lehnstuhl, faul und krankhaft fett, die Unterkinnlappen auf die Brust gesunken, schwer atmend und schwitzend, mit ausgespreizten Beinen, räkelte er da, und das ganze Lärmleben der Breestraat rummelte an ihm vorüber. * * * Die Breestraat durchschneidend, spie der Uilenburgersteeg das wogende Geschrei in die Houtkoopersdwarsstraat. Der Strom nahm jetzt diese Richtung, weil der Straßenweg durch das Karren-Gewirr, mit der Tram mitten darin, versperrt war. In der Ferne wallte die Kopfbewegung des Waterloopleins. . Schwülstig, dicklippig, roh aus heiseren Kehlen heraus, ergoß sich das wüste Geschrei des Pleins durch die Dwarsstraat, die wie ein heißtrockenes Bett zwischen den Schnüren schwarzqualmiger Häuser dalag. Vor dem Ausbau der Schenke, einem schwarzen Loch in der Mauer, nach dem Wagendurcheinander in der Breestraat blickend, lehnte eine Frau, braunrot ihre Röcke, ihr Tuch. Die Bändermütze plackte auf dem falschen Scheitel. Der spähende Mund zeigte angegangene Zähne, die Brüste hingen dick und schlaff herab. Vor ihr in dem Kanal der aufgebrochenen Straße stand mit über der Erdrinne ausgespreizten Beinchen ein Junge. Daneben ein Mützenhändler mit schwarzem Schnurrbart und bläulichem Kinn. Eine Judenfrau trat auf ihn zu mit ihrem Söhnchen, einem Jüngelchen mit listigem Gesicht. „Was die Mütz' fein sitzt . . . seht doch 'mal, seht!" — sagte der Mann, die Mütze auf den Kopf des Jungens herunterdrückend. Eine Spiegelscherbe nahm er in die Hand. Das listige Jüngelchen sah hinein, ein sinniges Gesichtchen mit gebogener Nase und kirschroten Lippen, — die Mütze über den Kopf gestülpt. Mutter sah auch eifrig mit hinein in die Spiegelscherbe, und der Mützenjud' auch. Und dann an's Handeln, mit heftigem Gebühren gegen einander an ... (Fortsetzung folgt.)

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