Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 523 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37 Israelitische Wochenschrift. Seite 523 und Mädchenheims (E. V.) für das Winterhalbjahr 1903/4 ist soeben erschienen. Das Institut hat 32 Zöglinge — mehr könnnen in den zurzeit vorhandenen Räumen nicht untergebracht werden. Dem Verein, der in ausgezeichneter Weise wohltätig wirkt, ist weitere Zunahme von Mitgliedern und Mitteln zu wünschen. Kamöurg, 4. September. (Einweihung der Bnei Brith-Loge.) Am letzten Sonntag ist der in der Hartungstraße belegene Neubau der „Henry Jones-Loge vom Orden Bnei Brith" feierlich eingeweiht worden. Der Großmeister der deutschen Logen, Justizrat Timendorfer aus Berlin und Abgesandte anderer Logen haben der Feier beigewohnt. Der Vorsitzende der Loge, Herr Gustav Tuch, hielt die Festrede, in der er die Aufgaben der Loge auseinandersetzte und auf ihre Mitwirkung in der landwirtschaftlichen und erziehlichen Hebung des Ostens hervorhob. Das neue Logengebäude ist bequem und praktisch eingerichtet, enthält Räume für größere Zusammenkünfte und wird durchweg mit elektrischem Licht beleuchtet. Mann i. G., 4. September. (Unglaublich.) In Felleringen bei Thann war eine jüdische Frau gestorben und sollte am Sonntag, den 28. v. M, auf den jüdischen Friedhof in Jungholz überführt werden. Vorher wurde im Hof des Sterbehauses eine Trauerfeier abgehalten, zu der sich auch viele Katholiken einfanden, die, bevor sie in die gegenüberliegende Kirche zum Gottesdienst gingen, der Verstorbenen die letzten Ehren erweisen wollten. Während nun Dr. Mayer, der Rabbiner von Thann, die Trauerrede hielt, erschien am Eingang zum Hof des Trauerhauses ein katholischer Geistlicher im Ornat und forderte mit lauter Stimme die Katholiken auf, in die Kirche zu gehen. „Macht, daß Ihr da fortkommt und geht in die Kirche", rief er und verschwand. Während einige Katholiken der Aufforderung tatsächlich Folge leisteten, gaben andere im Verein mit allen Anwesenden ihrer Empörung über die taktlose Störung der Trauerfeier unverholen Ausdruck — Der Vorfall erscheint uns einfach unglaublich. Der katholische Geistliche kann unmöglich gewußt haben, daß er eine Trauerfeier störte. Kaag, 4. September. (Ein jüdischer Staatsminister.) Der als Mitglied der internationalen Friedenskommission auch im Ausland wohlbekannte Jurist Dr. Tobias M. C. Asser ist zum Staatsminister ohne Portefeuille ernannt worden. Seit 1893 war Dr. Asser Mitglied des Staatsrats, vorher dreißig Jahre lang Professor an der Universität Amsterdam. Dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten war er zwanzig Jahre hintereinander als juristischer Berater beigegeben. Bei der internationalen Friedenskonferenz im Haag war Dr. Asser Vorsitzender der Kommission, die die Anwendbarkeit der Genfer Konvention für die Schiffahrt zu beraten hatte, und späterhin wurde er bei einem Streit zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten und bei einem Streit zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von den Parteien zum Schiedsrichter gewählt. Dr. Asser, der jetzt 65 Jahre alt ist, hat schon in ziemlich jungen Jahren bedeutende Schriften veröffentlicht. Wir nennen nur seine Abhandlung über die Arbeiterkontrakte, über internationales Recht in den Niederlanden und über Handelsabgaben nach dem alten rheinischen Recht. Dr. Äffers Ernennung zum Mitglied des Staatsrats war der erste Fall, daß einem nicht aus dem Beamtenstand hervorgegangenen Mann diese Auszeichnung zuteil ward. Brsher hat es in Holland erst einen jüdischen Minister gegeben, auch einen Juristen, den Justizminister Godefroi, der vor ungefähr vierzig Jahren im Amt gewesen ist. London, 4. September. (Das Orient-Theater.) Das von einer jüdischen Gesellschaft begründete, jetzt im Bau begriffene Orient-Theater, das ausschließlich dem jüdischen Schauspiel dienen soll, wird ein überaus stattliches Gebäude. Das inmitten des Bezirks Stepney im Herzen des Ostends belegene Theater hat eine 170 Fuß breite Front nach dem Commerrial- Road und entsprechend großer Fassaden nach zwei Nebenstraßen. Der Plan ist vom Baumeister Bertie Creme entworfen, der Zuschauerraum faßt über 2000 Personen. Die Fertigstellung des sehr geschmackvollen Neubaues wird für nächsten Sommer erwartet. Es besteht die Absicht, den großen Theatersaal an hohen Festtagen unentgeltlich zur Abhaltung von Gottesdiensten zur Verfügung zu stellen. Am Sonntag nachmittag sollen ziemlich regelmäßig Konzerte stattfinden, deren Ueberschuß für wohltätige Zwecke bestimmt ist. Das erste Konzert wird zum Besten des London-Hospitals, das zweite zum Besten der jüdischen Armenkasse gegeben werden. Wew-^orK, 5. September. (Brandkatastrophe.) Eine Mietskaserne in der Attorneyftraße ist abgebrannt, wobei es vierzehn Tote und zwanzig Verletzte gab. Die Verunglückten sind alle russische Juden. Die Katastrophe ist darauf zurückzuführen, daß das Haus im Umbau war und daher die Feuernotleitern zur Zeit beseitigt waren. Montreal in Kanada, 22. August. (Einwanderung.) Der Verein für jüdische Auswanderer und das Informations- Bureau für jüdische Auswanderer in London haben ihren gemeinschaftlichen Sekretär Mr. H. Marks hierher geschickt, um hier Vorkehrungen für die Niederlassung jüdischer Handwerker und Landwirtschafttreibender zu treffen. In Kingston (Ontario) ist bereits für 200 Juden Arbeitsgelegenheit geschafft, hauptsächlich in Fabriken von Lokomotiven, Pianos, Schmucksachen und Bekleidungswaren. Der obengenannte Sekretär und die Leiter der von ihm vertretenen Vereine gehen von der Meinung aus, daß es richtiger ist, erst dann Leute nach Kanada auswandern zu lassen, wenn man vorher Arbeit für sie gesichert hat. Die Regierung hat schon wiederholt unangenehme Erfahrungen gemacht mit Arbeitern allerdings nicht osteuropäischen, sondern italienischen —, die nach Kanada gekommen waren und hier vergeblich passende Arbeit gesucht hatten. Es wird deshalb allen Juden, die nach Kanada auswandern wollen, dringend geraten, sich vor ihrer Abreise mit dem jüdischen Auswanderungsverein in London ins Einvernehmen zu setzen, es sei denn, daß sie in Kanada Angehörige haben, die sich sofort ihrer annehmen. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Baronesse Mathilde von Rothschild in Frankfurt a. M. hat die Rote-Kreuz-Medaille dritter Klaffe erhalten. - Die französische Regierung hat in das nächstjährige Budget für gottesdienstliche Funktionen in Algier 6000 Francs neu eingestellt, die die jüdische Gemeinde zur Schaffung zweier neuer Rabbinerposten in Provinzstädten verwenden soll. — Herr Dagobert Friedländer, einst außer Baron Mayer Karl von Rothschild das einzige jüdische Mitglied des preußischen Herrenhauses, ist auf seinem Gut Breitenstein bei Konstanz gestorben. Herr Friedländer stammt aus Bromberg, wo er viele Jahre lang Stadtverordneter, dann Stadtrat gewesen ist und die Stadt Bromberg auf dem Provinziallandtag vertreten hat. Seinen Sitz im Herrenhaus hatte er ebenfalls als Vertreter der Stadt Bromberg. — Wie die in Warschau in hebräischer Sprache erscheinende Zeitschrift „Hazefira" mitteilt, soll demnächst in Wien eine Wochenschrift unter dem Titel „Der Anti-Zionist" begründet werden. Herausgeber des neuen Blattes soll ein