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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-09 · 37 (9.9.1904) · p. Seite 521

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 521 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 621. Das an der Straße gelegene Vorhaus der Synagoge ist ein Neligionsschulgebäude. Der Einweihung der Synagoge folgte unmittelbar die Einweihung der Schule — unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Es ist nicht recht verständlich, weshalb man hier die Eröffnung einer Religionsschule als ein pudendum ansieht. Ein pudendum ist doch höchstens die Art, wie solche Feier veranstaltet wird. ver Deut$cbd$raelitl$cbe Gemeindebund. „Was ist, will und leistet der Deutsch-Israelitische Gemeindebund?" Unter diesem Titel ist ein Schriftchen erschienen (Berlin, Druck von R. Voll), dessen Inhalt vom Bureau des Gemeindebunds in folgender Weise skizziert wird: „Das Schriftchen versucht unter Uebergehung der Geschichte des Bundes, die bei einer späteren Gelegenheit geschrieben werden soll, ein Gesamtbild der vielverzweigten Wirksamkeit des D.-J. G.-B., wie sie sich auf der Grundlage der von den Statuten vorgeschriebenen Aufgaben im Verlauf eines 35jährigen Bestehens ausgestaltet hat, zu geben. Wir lernen zuerst den Bund als Organisator kennen. Es ist ihm gelungen 2 staatliche Behörden für jüdische Angelegenheiten, sämtliche 11 auf der Grundlage der Freiwilligkeit aufgebaute Verbände von Gemeinden, von denen die größte Zahl seiner Initiative ihre Konstituierung verdanken, und 850 Gemeinden, darunter alle großen und fast alle mittleren, sowie zahlreiche kleine, in sich zu vereinigen. Zu wünschen bleibt, daß die ihm noch fernstehenden Gemeinden sich anschließen, um der ideellen und materiellen Vorteile, die der Bund zu gewähren vermag, teilhaftig zu werden. Die wichtigste ideelle Leistung ist die Fürsorge für den Religionsunterricht in kleinen Gemeinden, denen es ohne die Mitwirkung der „Gemeinde-Unterstützungs-Kommission" nicht möglich wäre, einen sachmäßig ausgebildeten Religionslehrer anzustellen. Im letzten Jahr wurden 180 Gemeinden unterstützt und 2200 Kindern ist die Wohltat eines guten, gewissenhaft inspizierten Unterrichts zuteil geworden. Zu den Kosten der Ausbildung jüdischer Seminaristen trägt die Herzheimer-Stiftung des Bundes bei, während für die Ausbildung akademisch gebildeter Lehrer, die besonders an höheren Schulen gebraucht werden, eigene Vorlesungskurse abgehalten werden, ebenso wie auch Fortbildungskurse für Kantoren. Auch für Bauzwecke (Schulhäuser, Lehrerwohnungen) ist ein Etatstitel vorhanden. Auf allen diesen Gebieten ließe sich mit Hilfe der dem Bund zur Verfügung stehenden sachverständigen Hilfskräfte noch viel größeres leisten, wenn sich Wohltäter in größerem Stil fänden, die die erforderlichen größeren Mittel zur Verfügung stellen wollten. Mit der Inspektion des Religionsunterrichts hängt die Schaffung freiwilliger Bezirksrabbinate zusammen, eine Aufgabe, die der Leitung des Bundes durch den letzten Gemeindetag gestellt worden ist. Naturgemäß schließt sich hieran eine Darstellung der Leistungen des Bundes zu Guusten der materiellen Lage der Gemeindebeamten an. Der Bund besitzt in seiner Philippson- Stiftung einen Fonds für Fälle unverschuldeter Not der Kultusbeamten, die ihm nahestehende Nachod-Stiftung mit dem Sitz in Leipzig kleidet ihre Beihilfen in der Form von Ehrengaben. Die unvergleichliche wichtigste Leistung aber wird von der Friedrich Wilhelm-Viktoria-Stiftung, Zentral-Versicherungs- und Pensionskasse für jüdische Gemeindebeamte, dargestellt. Durch die dieser Stiftung auf Grund eines Vertrags mit der Viktoria zu Berlin, Allgemeine Versicherungs-Aktien-Gesellschaft, zufließenden Mittel konnte dieselbe bis Ende 1903 1100 Versicherungen von Kultusbeamten, die ein versichertes Gesamtkapital von 4 803 200 M. darstellen, subventionieren. Da die Stiftung etwa ein Viertel der zu zahlenden Gesamtprämie trägt, so bedeutet das ein Gesamtgeschenk an die jüdische Beamtenschaft im Wert von 1 200 000 Mark. Zu dieser beachtenswerten materiellen Leistung kommt die moralische Unterstützung, die der Bund den Bestrebungen des Verbandes der jüdischen Lehrervereine, an dessen Begründung er einen wichtigen Anteil hat, des Rabbinerverbands, des Komitees der Kultusbeamten, die auf Hebung des Ansehens und der wirtschaftlichen Sicherstellung aller dieser Beamtenkategorien gerichtet sind, leiht. Sehr umfangreich sind auch die Arbeiten des D.-J. G.-B. auf sozialem Gebiet. Er bildet Handwerkslehrlinge und Studierende technischer Berufsarten aus (bis Ende 1903 waren es 270 Handwerkslehrlinge und 76 studierende Techniker), gewährt würdigen jüdischen Handwerksmeistern Darlehen aus seiner Kristeller-Stiftung, während die in Leipzig domizilierende „Deutsch-Israelitische Dahrlehnskasse für Frauen und Jungfrauen" die Ausbildung des weiblichen Geschlechts für selbständigen Beruf sich zum Ziel setzt. An der Schaffung der alle einschlägigen Bestrebungen zusammenfassenden Zentrale des „Verbands der Vereine für Handwerk und Bodenkultur" hat der D.-J. G.-B. euren wichtigen Anteil. Eine besondere Abteilung beschäftigt sich mit der Fürsorge- Erziehung der verwahrlosten Kinder. Der Bund besitzt je eine Anstalt für Knaben (in Repzin bei Schivelbein in Pommern, Eugen und Amalie Rosenstiel-Stiftung) und für Mädchen (in Plötzensee bei Berlin), in denen die durch Richterspruch zur Fürsorge-Erziehung bestimmten jüdischen Minderjährigen, die von den Staatsbehörden aus ganz Deutschland den Anstalten zugewiesen werden, zu anständigen Mitgliedern der jüdischen Glaubensgemeinschaft erzogen werden sollen — eine schwierige, aber gerade darum unerläßliche Aufgabe der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Auch der jüdischen Strafgefangenen nimmt sich der Bund an, indem er Schritte tut, durch die deren rituellen und religiösen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Von größter praktischer Bedeutung sind die von dem Bund entworfenen Maßnahmen zur Beschränkung des schweren Mißstandes, der Wanderbettelei. Bis jetzt finden sie leider seitens der nächstbeteiligten Armenkassen zu wenig Unterstützung. Der einzige ausgeführte Teil des umfassenden Programm» ist vom Bund selbst realisiert worden: die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee bei Berlin. Die Leistungen dieses Instituts, das sich während eines 2 jährigen Bestehens bereits eine ungemeine Popularität erworben hat, finden in den Jahresberichten erschöpfende Darstellung. Als Gegengewichte gegen diese mehr materiellen Arbeiten des Bundes sind seine der Wissenschaft des Judentums gewidmeten Leistungen anzusehen. Hierher gehören: Die materielle Unterstützung literarischer Leistungen, die Editionen der „Historischen Kommission", die vom Bureau herausgegebenen „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" und das von ihm bearbeitete „Statistische Jahrbuch der jüdischen Gemeinden", das ein für die deutsche Judenheit ehrenvolles Gesamtbild aller von ihnen in Angriff genommenen organisatorischen, Humanitären und wissenschaftlichen Leistungen bietet. In diesem Zusammenhang ist auch der Bibliothek des D.-J. G.-B. und des geplanten Gcsamtarchivs der deutschen Juden zu gedenken.

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