Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Gesaiiitiiitereffeil des Judentums. Webst öem Werbtcrtt: Züöilcbes LittevcrtuvbLcrLt. Verantw. Redakt.: M. A. Rlausner, Serliu W., Tanenzienstr. 19 a. Telephon: Amt IX, Ar. 5367. ^er»eriiH^r*MU^^ 3*em ' Bezugspreis vierteljährlich: Telephon: Amt l, Ar. 572Y.! Deutschland u. Oesterreich-Ungarn 3,00MK. Post-Aeitungslifte Ar. 3934i alle anderen Länder 8,50 Mk. Nr. 30 Berlin. 22. Äuli ^90^. Jahrgang XlII. Erscheint an jedem Freitag, das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Zu beziehen durch die Post oder unsere Expedition: Berlin C. 19, Roß-Straße 3. Anzeigen für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 80 Pf. Bei Wiederholungen Preisermäßigung. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen. Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich an die Adresse: Berlin^., Tanenzienstr. 19a. M. A. Klausner. Die heutige Nummer enthält das Jüdische Litteraturblatt Nr. 14. Inhalt. Artikel: Zum 9. Ab. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz"- Cöthen. — Gedächtnisrede für Dr. Herzl. Von Rabbiner Dr. Eschelbacher. — Sprechsaal: Aufruf. — Politik: Die jüdischen Studentenverbindungen. — Merkwürdiger Eifer. — Die unerwünschten Ausländer. — Die Juden in Italien. — Wochenchrouik: Wochenkalender. — Berlin: Kischinew-Komitee. — Wien: Vom Zionismus. — Vom zionistischen Aktionskomitee. — Paris: Krankenhaus für Augenleidende. — Brüssel: Russische Anleihe. — Petersburg: Auswanderung. — Bukarest: Der Eid „moru judaico“. — Vakanzen. — Feuilleton: Ein Frauenleben. Von C. Berg. (Fortsetzung.) — Inserate. Zum y. Hb. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Die Geschichte hat das Vorrecht, gleich ihrer unendlichen Schwester Natur, nur auf die Endergebnisse, auf die Schlußfolgerungen ihrer Geschehnisse zu achten und als über eine Notwendigkeit über die Seufzer und Schmerzen der Individuen hinwegzusehen. Die Natur will immerfort und unaufhörlich Leben Hervorbringen, aber sie kann das Leben nur durch den Tod erlangen; um zahllose neue Geschlechter zu schaffen, muß sie zahllose alte Geschlechter untergehen lassen; um das Leben zu ernähren, muß sie Leben töten. Also fordert auch die Geschichte die Schmerzen und den Untergang zahlloser Individuen, um dem Menschengeschlecht eine fortschreitende Entwicklung, eine immer größere Zukunft, ein immer herrlicheres Dasein zu bereiten. Von diesem Standpunkt aus erscheinen die vielen Opfer der Geschichte bei jeglichem Volk und in einer jeglichen Zeit als in einem höheren Dienst dargebracht, und die Geschichte, die sonst nur ein trauriges Gemälde von den Leiden und den Leidenschaften der Menschen, von Herrschaft und Sklaverei, von Gewalt und Untergang sein würde, wird aus diesem höheren Gesichtspunkt der erhebende Bericht von dem unaufhörlichen Ringen des Menschengeschlechts nach höheren Zuständen, nach dem Sieg der Wahrheit und des Rechts. Sehen wir auch die Geschichte Israels in der Zerstreuung von diesem höheren Gesichtspunkt an, so erscheint uns diese fortwährend im Dienst der religiösen Idee, deren Vertreter und Träger das jüdische Volk war; und alles, was dieses Volk erlitten, und alles, wöourch es durch anderthalb Jahrtausende bedrängt war und in einem großen Teil noch ist, erscheint uns als eine Notwendigkeit, die, so traurig sie auch war, zur Lösung der großen Aufgabe nicht vermieden werden konnte. Ja, statt das Gefühl der Trauer über die Verirrung der Menschheit gegenüber einem so äußerst friedfertigen Stamm uns einzuflößen, wird uns diese Geschichte vielmehr zur Bewunderung hinreißen, wie die innere Kraft des Geistes allen äußeren Gewalten zu trotzen, zu widerstehen und sie zu besiegen vermag. Auch der Talmud hat diesem Gedanken — daß die Zerstörung Jerusalems uns traurig stimmt, sobald wir an das Ereignis selbst, an den Schrecken und an den Sturz, an die Verödung und Verwüstung des Landes denken, und hoffnungsreich, sobald nnr die Folgen ins Auge fassen — einen besonders geistvollen Ausdruck verliehen in den sinnreichen Worten: „der Messias sei am 9. Ab geboren worden", d. h. die Zerstörung des Tempels und der ganze Jammer, der sie begleitete, waren gleichsam die Wehen, unter denen der Begriff einer Weltreligion geboren wurde. Es ist auch charakteristisch, daß, je dunkler der Himmel ist, der sich über dem Buch des so schwer geprüften Propheten Jeremias ausbreitet, desto freundlicher und heller an ihm der Regenbogen des Friedens und des Trostes erscheint, den wir am Ausgang der großen Trauerreden erblicken. Der größte Prophet der Klage ist zugleich der größte Prophet des Trostes und der Verheißung; sein tiefer Schmerz ist durch die Stärke seiner Gesinnung verklärt in dem erhebenden Bild von der Zukunft Israels, von seinem unzerstörbaren Beruf in der Weltgeschichte. Wie bitter daher auch die Erinnerung an den 9. Ab für uns ist, sie tut uns dennoch wohl; denn sie erzählt uns nicht nur vom Leid, sondern auch von der Kraft unseres Volkes, nicht nur von seiner Not, sondern auch von seinem Mut; sie erzählt von seiner begeisterten Hingebung an bie hohen Güter der Erkenntnis, des Rechts und der Tugend.