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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · p. Seite 245

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18. Israelitische Wochenschrift. Seile 246. seit dem 18. Jahrhundert zwei Perioden durchlaufen hat, die Periode des Gemüts ohne Reflektion und die des einseitig reflektierenden Verstandes ohne gemütliche Wärme, d. h. ohne Sinn für die geschichtliche Vergangenheit des Judentums, ohne Sinn für seine geschichtliche Entwicklung, trat die dritte Periode ein, die, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen durchdringen soll. Auf die Periode des reflektierenden Verstandes und seichten Rationalisierens folgte die der historischen Kritik und der jüdischen Wissenschaft, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Judentums aneinanderknüpfte, indem sie die Trümmerdecke von der großen Vergangenheit des Judentums wegräumte, sodaß der darunter verschüttete Gottesgedanke zum Vorschein kommen konnte. Diese dritte Periode in unserer Religionsanschauung, herbeigeführt durch die historisch-kritische Schule, ist gewifsermaßen die versöhnende Periode, indem sie, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen zu durchdringen und die Religion von allen Gebilden der überwuchernden Phantasie und des überschwänglichen Gemüts, mit denen sie die vergangenen Zeiten bekleidet hatte, zu befreien sucht. Durch die Entwicklung dieser versöhnenden Periode entsteht freilich für das ungeübte Auge der Anschein des Niederganges der Religion und der Frömmigkeit; allein dieser in der letzten Zeit gerügte Jndifferentismus kann in keiner Hinsicht als ein Mangel an religiösem Gefühl überhaupt betrachtet werden, da dieses psychologisch bei keinem Menschen fehlt; sondern er ist die not. wendige Folge des noch unentschiedenen Kampfes zwischen den beiden abgelaufenen Perioden und der noch in der Entwicklung begriffenen. Daher der ernste Kampf mit der Gegenwart bei denen, die die erste Periode in ihrer früheren Jugendkraft wieder herzustellen sich abmühen, die öde Leere in der Brust derer, die für die aufgegebenen Religionsformen neue befriedigende suchen und nicht finden. Der Gegensatz jedoch zwischen Orthodoxie und Reform, der sich in der früheren Periode bis zur Feindseligkeit gesteigert hatte, zeigt jetzt diesen schroffen Charakter nicht mehr. Man ist jetzt auf beiden Seiten duldsamer in subjektiven Glaubensangelegenheiten und fester, wo es sich um gemeinsame Angelegenheiten, um vitale Interessen des Judentums handelt. Die objektive Einheit des nationalen und historischen Judentums beherrscht jetzt die subjektive Glaubensverschiedenheit. Tauchen hier und da Reformgelüste auf, so bleiben diese doch in gewissen individuellen Schranken, ohne Einfluß auf die maßgebenden Kreise, die das jüdische Leben zu würdigen und zu schonen wissen. Darum war es möglich, die verschiedensten Bewegungen im jüdischen Volk in den letzten Jahrzehnten hervorzurufen, die die soziale Emanzipation und die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Auge haben. Diesen Bewegungen schließen sich alle Glaubensnuancen, orthodoxe wie freidenkende Juden, auf dem ganzen Erdenrund an. Hier haben wir den tatsächlichen Beweis, welch mächtiger Faktor das historische Band ist, das alle Juden umschlingt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aneinanderknüpft, daß die moderne Wiffenschaft und das moderne Leben keine Gefahr für das Judentum ist. Die XTuriner Bibliothek. Bon Professor Dr. A. Berliner. III. Ein drittes Literaturwerk, deffen Handschrift in dem Brande untergegangen ist, ist durch den bereits vor 30 Jahren erfolgten Abdruck erhalten geblieben. Es ist der Kommentar zur Chronik aus dem zehnten Jahrhundert, aus der Schule Saadia Gaons. Als ich die betreffende Handschrift zum erstenmal erblickte, erregte sie meine große Neugierde. Denn auf dem Titelblatt war angegeben, daß sie den Kommentar des Abraham ibn Esra zur Chronik enthalte. Ein solches Novum mußte mir Herzklopfen verursachen. Mit Hast blätterte ich darin, um bald konstatieren zu können, daß dieser Kommentar dem ibn Esra nicht angehöre, aber der älteren gaonäischen Zeit, mit wertvollem Material. Ich ließ eine Abschrift anfertigen, von der ich in meinem Magazin Mitteilung machte, die bald zur Auffindung einer zweiten Handschrift dieses bis dahin fast unbekannten Kommentars führte, nämlich in der Universitäts- Bibliothek zu Rostock. Der leider zu früh verstorbene Dr. Donath war damals beschäftigt, die aus dem ehemaligen Besitz des Professors Tychsen stammenden hebräischen Manuskripte zu untersuchen, wobei er auch den von mir in Turin aufgesundenen Chronik-Kommentar in einer aus drei Bänden bestehenden Raschi-Handschrist bemerkte und die Identität feststellen konnte. Bekanntlich besitzen wir keinen Raschi-Kommentar zum Chronikbuch. Unsere Ausgaben bieten dafür einen anderen Kommentar, dessen Verfaffer nicht mit Sicherheit zu ermitteln ist. Die Handschrift in Turin wie die in Rostock enthalten hierfür jenen Kommentar, der einem Schüler Saadia Gaons angehört. Die 1874 erfolgte Drucklegung dieses Kommentars verdanken wir einer besonderen Gelegenheit, die der Privatgelehrte Raphael Kirchheim ergriff. Er wünschte, seinen siebzigsten Geburtstag durch einen literarischen Akt, sozusagen, zu begehen. Er erhielt auf seinen Wunsch von uns die Abschriften, die er, mit einer Einleitung versehen, zum Druck beförderte, um dann seinen Freunden und verschiedenen Gelehrten mit dem Buch eine besondere Aufmerksamkeit zu erweisen. In diesem Kommentar findet sich eine weitläufige Auslassung über die Organisation der 24 Priesterordnungen, ein Thema, für welches die Quellen sehr spärlich fließen. Aber bereits im Josephus finden sich Mitteilungen über diese Tempelwachen, und ihre Namen sind zum Teil von Kalir in seinen Klageliedern zum neunten Ab aufbewahrt. Zunz, der auch hierauf seinen forschenden Blick gelenkt hat, macht in der Literaturgeschichte der synagogalen Poesie S. 602 noch verschiedene Angaben hierfür, welche merkwürdiger Weise bis jetzt die Aufmerksamkeit unserer jungen Doktoranden nicht rege gemacht haben. Es gilt, eine alte Baraita, die noch zur Zeit Raschis vorhanden war, daM- 'über verloren gegangen ist, wenigstens ihrem Jnhaft^Mch zu rekonstruieren. In der Durchforschung des gMnmelten Materials liegt der Stoff zu einer wissenschaWlHen Dissertation, um die doch heutzutage so viele Ve^eMnheiten entstehen und nach der oft wie mit der Laternsoes Diogenes gesucht wird. 3m Grdiilhtllis Salonton Sichers. Von Eduard Birnbaum. VI. Als Ende 1840, "gleichzeitig mit Mannheimers „Festgebeten" (Machsor), Sulzers „Prospectus" zu seinem „Schir Zion" erschien, wurde er von der maßgebenden jüdischen Journalistik mit Freuden begrüßt. Der berühmte Geschichtsschreiber Jost schreibt unterm 4. September (Annalen 1840, S. 308): „Vor wenigen Tagen ist in Wien der'.Prospectus eines musikalischen Werkes erschienen, welches der Aufmerksamkeit aller Kantoren und aller Sachverständigen empfohlen werden muß. Dasselbe führt den Titel: ]ps 'Ytt', Zyklus aller beim

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