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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · p. Seite 244

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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Seile 244. Israelitische Wochenschrift. Nr. 18 geworden. Diese veränderte Gestaltung unserer Gemeinschaftszustände hat für die Kinder unserer Zeit ganz unwillkürlich eine Erweiterung ihres moralischen Horizonts und eine Erhöhung der Gesichtspunkte mit sich geführt, die sie bei ihrem Tun und Lasien leiten. Durch die Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie jetzt bestehen, wird der Einzelne fast wider seinen Willen in irgend einem Maß aus der engen Beschränkung auf seine privaten Zwecke und Interessen herausgehoben, und durch die Fortschritte der Kultur wird er geradezu genötigt, sich für diese Erde seine Zwecke ohne Vergleich höher und würdiger zu stecken und namentlich auch unabhängiger von seinen persönlichen Interessen. Gehen wir speziell zum Judentum über, so finden wir keine Phase und kein Stadium in seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung, da ihm die irdische Welt kein geistiges Interesse geboten hätte, wo ihm die irdische Welt, das Sichtbare als profan, als geistig gehaltlos erschienen wäre. Vielmehr liegt der Charakter des Judentums gerade darin, daß es gleich dem ersten Menschen, nach einer alten Sage, fest auf der Erde steht und mit seinem Haupt den Himmel berührt. Himmlisches und Irdisches, Göttliches und Menschliches vermochte es stets mit gleicher Liebe versöhnend zu umfassen. Trotz der glutvollsten Ueberzeugung, daß es höhere Wonnen gebe, als unsere vergänglichen Genüsse, hat es stets einen offenen Sinn für die Freuden dieser Welt bewiesen. Nie hat seine andächtige Sammlung es zur Weltflucht geleitet, nie die Liebe zu seinem Gott es in die Einsamkeit getrieben, die Menschen und die „sündhafte" Welt zu meiden angeregt. Der Mensch erfüllt nach der Auffassung des Judentums seine wahre Bestimmung nur innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Um Gott treu zu bleiben, genügte es, das, was recht und billig ist und alles, was das nationale Bedürfnis gebieterisch verlangt, zu verrichten. Dieses aber faßt sie nicht in dem Sinn auf, daß sie darum aufhörte, die Unsterblichkeit des Geistes zu lehren, ein jenseitiges Leben, als die Erfüllung des Irdischen an das Erdenleben zu knüpfen; vielmehr hält sie diese ganze Heilslehre fest; nur verlegt sie nicht den Schwerpunkt des ganzen menschlichen Daseins in ein verdecktes, überirdisches Reich; sie erkennt vielmehr das Erdenleben als selbständig und vollgiltig, als Entfaltung des menschlichen Wesens in Gedanken und Tat, als verherrlicht durch die großartige Entwicklung der Menschheit aus der rohen Natürlichkeit der Individualität, der Selbstsucht zur allgemeinen Herrschaft der naturgemäßen Freiheit und Gleichheit, d. h. der wahrhaften Liebe, und findet hierin die selbständige göttliche Bestimmung der Menschen auf Erden. Das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen, kann demnach für das Judentum nicht darin liegen, daß etwa in ihr dem Judentum der geistige Sinn, das geistige Jntereffe für die irdische Welt aufgegangen wäre, da dieser Sinn ihm niemals fremd war. Das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen, muß daher für das Judentum auf einem andern Gebiet liegen. In jener Periode, als die Mauern des Hasses und des Vorurteils die Juden vom allgemeinen Völkerleben absperrten, ihnen das zeitliche Leben verleideten, als die Religion, ihr einziger Trost, ihnen um so teurer war, je größer die Opfer waren, unter denen die Väter sie ihnen vererbt hatten, da hing ihr Gemüt in unmittelbarer Verbindung an ihrem Glauben; und je mehr die Welt sie ausstieß, desto fester klammerten sie sich in schmerzlicher Wehmut an ihren liebenden Vater im Himmel. Da wurde nicht gedacht, sondern gelebt in der Religion; der überlieferte Schatz ihrer Väter war ihnen so lebendig, so gegenwärtig, wie ihre Leiden, so daß sie bei allen Prüfungen und Versuchungen des Lebens mit Joseph auszurufen imstande waren: „Wie soll ich diese große Uebeltat begehen, mich zu versündigen gegen den Gott meines Vaters". Alles war für sie unantastbare, geheiligte Tradition. Jener Zeit danken wir den Fond von Religiosität, die sich noch jetzt, trotz innerer und äußerer Stürme, bei der Volksmasse erhält, ihr jene treue Ausdauer, ihr die Existenz des Judentums. Ihr aber verdanken wir auch jene unterschiedslose Anhänglichkeit selbst an Unwesentliches. Je tiefer diese Eigentümlichkeiten in jener Periode wurzelten, desto greller trat der Kontrast in der folgenden hervor. Es war naturgemäß, daß mit dem Eintritt der neueren Entwicklungsperiode, die wir seit Mendelssohn datieren, gerade die Denkkraft vorzugsweise hervortrat, um sowohl ihr auflösendes als wieder aufbauendes Werk zu beginnen und fortzuführen. Man erinnere sich, daß die Zeit Mendelssohns eine philosophierende und populär-philosophierende war. Ihr höchstes Interesse nahm die Diskussion über einen Begriff, eine Definition, die Lösung einer metaphysischen und psychologischen Frage in Anspruch; gemütliche Wärme für das Ererbte fehlte ihr ganz; für Geschichte hatte sie gar keinen Sinn. In dieser ihrer Einseitigkeit hatte sie für die Religion auch sehr nachteilige Folgen. Sie unterwühlte den großen Unterboden der Religion, ihr geschichtliches Leben, und zerschnitt das Band der Entwicklung, das überall, besonders aber in der Religion, Gegenwart und Vergangenheit und so auch die Zukunft zusammenknüpft. Dieser Periode, die bereits ihren Kulminationspunkt erreicht und ihren Wendepunkt überschritten zu haben scheint, entsprangen jene Reformvorschläge, die es entweder deutlich aussprechen, oder denen man es von der Stirn ablesen konnte, daß es ihnen mehr um Akkomodation als um Erhaltung des Glaubens zu tun war, die den Glauben, wenigstens so weit möglich, künstlich zustutzten, daß er dem leiblichen Wohl nie im Wege stehe, d. h. auf das Leben keinen Einfluß habe. Ungeduldig strebte man, jede Kluft zu füllen, jeden Berg zu ebnen, die, zwischen ihrer positiven Religion und ihren weltlichen Hoffnungen stehend, ihren eilenden Schritt hemmten. Die Triebfeder war mit einem Wort der im Sinnlichen befangene Verstand, nicht die vom Göttlichen begeisterte Vernunft. Der Genius der Menschheit steht in seiner Arbeit nie still. Ob er sich auf der Höhe oder auf der Niederung befindet, er ist fort und fort tätig im Schaffen und Arbeiten. Er kopiert nie, aber er wiederholt seine Prozesse mit immer neuen Elementen. Hat er sich eine Zeitlang der Oberherrschaft einer Gelstestätigkeit oder einer Geistesrichtung vorwiegend ergeben, so erwacht in ihm das Verlangen nach einer andern, nach der, die er vernachlässigt hat. Jede Erscheinung in der Menschheit, die eine lange Vergangenheit hat, gibt uns für diesen Entwicklungsgang die vielfachsten Beweise. Auf dem religiösen Gebiet kommt aber noch hinzu, daß die Ueberlieferungen der Vergangenheit den Charakter der Heiligkeit besitzen, daß das Verlangen gestellt wird, alle Arbeiten der früheren Zeiten als unveränderlich, unantastbar, von unbegrenzter Autorität anzusehen. Und dennoch geschieht es auch hier, daß dem Geist und dem Bedürfnis jeder Zeit Rechnung getragen wird, daß bewußt und unbewußt die veränderten Zystände, Verhältnisse und Geistestätigkeiten ihren Einfluß üben und innerlich und äußerlich der Religion eine veränderte Gestalt verleihen. Fragen wir uns, was die Tendenz der neuen Zeit auf dem Gebiet des Judentums sei, so können wir einfach und schlagend sagen: nachdem die Religionsanschauung im Judentum

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