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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · p. Seite 212

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
Seite 212 (sequence 17)
Language
German
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Seite 212. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. schrak vor seinem Blick. „Sie sind unwahr!" stieß er jäh hervor. „Wenn Sie wirklich mein Weib werden wollten — fragten Sie den Teufel nach der Meinung der Leute und dem Urteil der Welt. Denn in Ihrem Innern wissen Sie sich mir ebenbürtig, und Sie sind viel, viel hochmütiger als wir alle. Der Widerstand der Meinen gegen unsre Verbindung war leicht zu brechen; denn Mutter und Bruder lieben mich und wollen mein Glück — aber Sie . . . Sie stellen sich mir entgegen. Sie sträuben sich und sagen mir kalt und unerbittlich Nein. Warum? Weil Sie mich nicht lieben, weil Sie eine Kokette sind ohne Gefühl und Herz; Sie sind grausam, boshaft, und es befriedigt Ihren Hochmut, mich auszuschlagen." „Alfred!" Sie sah ihn traurig an. „Sie haben es leicht, mich zu beleidigen, da Sie doch recht gut wissen, daß ich mich gegen Sie nicht wehren kann!" Da löste sich sein künstlicher Groll, er warf die Peitsche von sich, sein Kopf sank auf ihre Hände, und er weinte, weinte, der große Junge, wie man mit zwanzig Jahren weint, wenn man seine erste Liebe, dieses holdeste Licht unserer Jugend, verlöschen sieht . . . Und je reiner und besser solch ein Jünglingsherz ist, desto erbarmungsloser rüttelt an ihm der Schmerz . . . Unerbittlich fordert das Schicksal die Erstlingsblüte desHerzens, aber ihr Duft durchzittert unvergänglich die Erinnerung. Postel benahm sich tapferer, als man von ihr erwarten mochte. Sie würgte die eigenen Tränen mutig hinab; es war ihr furchtbar, Alfred so fassungslos und elend zu sehen, aber sie ließ ihn eine Weile ruhig sich ausweinen, denn sie merkte, daß ihm dabei leichter wurde. Dann sprach sie zu ihm, und ihre Stimme ward so weich und zärtlich, wie die einer Mutter, die ihr krankes Kind liebkost: „Blondel, Du lieber, alter Blondel, sei doch vernünftig! Weißt Du nicht, daß ich lieber einen Herzbluttropfen geben wollt' für jede Deiner Tränen? Erinnere Dich! Als ich, ein ungeberdiger Wildfang, aus dem Elternhaus lief, da warst Du es, der mich auf den rechten Weg brachte; Du nur hast damals Fürsorge und Besinnung und Verstand für mich bezeigt. Heute ist es an mir. Dir den Freundschaftsdienst zu vergelten ... Ich darf es nicht dulden, daß Du Dich um mich lossagst von den Deinen. Der alte Mann sprach wahr: Deine Mutter, Dein Bruder, sie haben viel heiligere Rechte an Dich. Es war eine böse Sünde, das, was Du ihnen gedroht; hast Du denn gar nicht bedacht, daß Du dann auch mein Leben verdüstert hättest, und daß mich Dein Tod unglücklich gemacht haben würde für immer? Versprich mir, daß Du zu den Deinen zurückkehren und ihnen alles Böse durch doppelte Liebe vergüten willst!" Sie hatte ihn sanft aufgerichtet; sein Kopf lehnte an ihrer Schulter, die Augen standen ihm noch immer voller Tränen „Ich kann Dich nicht vergesien", stöhnte er leise. „Geh doch. Du hast es ja noch gar nicht versucht!" „Ich werde nie wieder ein Mädchen finden, das Dein süßes Lachen hat, und das so verständig sein kann und so drollig dumm wie Du." „Mädchen gibt es wie Wolken im Winde, jeder Frühling bringt mit den Rosen immer schönere hervor. Ich bin ja auch viel zu alt für Dich. Wenn Du dreißig Jahr sein wirst, wirst du eine Prinzessin heiraten von zwanzig Gott weiß, wo Dir ein herrliches Königskind erzogen und für Dich behütet wird. Du sollst es nicht von Dir werfen, was das Leben Dir an Vorrechten und Vorzügen geschenkt. Du steige höher und höher und lasse Dich nicht herabziehen durch eine Ehe, die Dir nur Unsegen brächte und Unfrieden mit den Deinen! Denn siehst Du, ich würde nicht gedeihen in Euren Kreisen; Du hast ganz recht: ich bin hoffährtig und stolz — ich könnte es nicht ertragen, daß man meine Herkunft wie einen Makel ansieht oder gar über meinen Glauben lacht." „Das ist eben das Schreckliche, daß Du solch' ein eingefleischtes Judenmädel bist!" „Aber, Alfred, habe ich Dir jemals Dein Christentum verübelt? . . . Nun lachst Du endlich mal, Gott sei Dank, ich aber sollt' mit Dir schmollen, daß Du meine Toleranz so wenig zu würdigen weißt." „Deine Toleranz!" sagte er bitter. „Die Meinen hätten sich mit Dir abgefunden, aber Du mit ihnen nie!" „Sei gerecht Blondel! Du zuerst würdest mich weniger achten, wenn ich mich abtrünnig zeigte und charakterlos. . . Ich mag auch meinen Angehörigen keinen Schmerz bereiten. Dem Onkel verdanke ich so unendlich viel. Ich weiß recht gut" — ein schalkhaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht — „er soll ehedem ein großer Viveur gewesen sein, aber mit dem Tage, da ich in sein Haus kam, hat er den ehrsamen Philister angezogen und sich an Schlafrock und Pantoffeln gewöhnt. Und immer hat er treu und gut für mich gesorgt, wie ein Vater für sein Kind." „Dein Onkel gilt Dir mehr als ich, weil Du mich nicht liebst." „Ich liebe Dich, Alfred, viel, viel mehr als Du glaubst... In einem alten Buch Hab' ich's mal gelesen: In urvergangener, grauer Vorzeit, da die Erde noch jung war und wenige Geschlechter auf ihr wandelten, da stiegen die Söhne der Geister aus einer anderen Welt zu ihr herab und schenkten ihre Liebe den Menschentöchtern. Du bist das Wunder in meinem Leben, das Seltene und Unvergängliche. Wenn Du einst ein großer und hochberühmter Mann sein wirst, werde ich zu Dir aufschauen, wie zu einem lichten Stern, und mein Herz wird jubeln: „So groß ist er geworden, weil ich ihm zu entsagen die Kraft gehabt." (Fortsetzung folgt.) Berichtigung: In dem Artikel der vorigen Nummer „Tolstoi ein Essäer", Seite 189, dritter Absatz, dritte Zeile, muß es „Moralagitator" statt „Wahlagitator" heißen. Brief- und Lragekasten. Herrn Dr. B. in I. Ich glaube nicht an einen materiellen Erfolg. Per Mensch levt nicht von dem, was er ißt, sondern was er verdaut. Was nützen selbst die nahrhaftesten Speisen dem Körper, wenn sie infolge mangelhafter Zubereitung nicht gern gegessen und deshalb nur schlecht verdaut werden? Antwort: Garnichts, sie gereichen ihm vielmehr zum Nachteil, denn sie „ernrüden" das Verdauungssystem. Der Volksmund sagt dann zutreffend: „Es schlägt ihm nichts an." Nimmt man aber einen kleinen Zusatz von Maggis Würze, so erhalten schwache Suppen und Speisen augenblicklich einen seltenen Wohlgeschmack, so daß sie gern gegessen und leicht verdaut werden: Dann „schlagen sie auch gut an." Für die Sensions- und Delikten - Kasse preußischer Hinböiner gingen ferner ein: Emden (3. Sammlung) . . . M. 108 Ulm . . . . . . . . . „ 1000 Stettin (Schluß-Sammlung) . . „ 330 Frankfurt a. M. 150 Bingen a. Rh. . . ... „ 960 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Scholem, Berlin C., Roßstraße 3.

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