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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 7. (1904) · p. Seite 28

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 7. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Litteraturbericht. Albert Kalthoff, Die Entstehung des Christentums. Eugen Diederich, Leipzig. 155 S. Brosch. 3 M., geh. 4 M. Eine neue Schrift von Albert Kalthoff wird in den beteiligten wissenschaftlichen Kreisen immer freudige Zustimmung oder leidenschaftliche Ablehnung erfahren. Das ist ein Zeichen, daß er den in ihm lebenden Gedanken, als sie in die Buchform übergingen, den Stempel seiner Persönlichkeit aufzuprägen verstanden hat. Wir können von einem Werke über die Entstehung des Christentums schon an sich selbst nicht absehen, da die damit verbundenen Fragen das Judentum lebhaft berühren; umso weniger dürfen wir dem warmblütigen Werke Albert Kalthoffs aus dem Wege gehen, als hier alles in eine neue Beleuchtung rückt. Kalthoff kann sich nicht dazu verstehen, die Entstehung des Christentums auf eine einzige Person zurückzuführen, von deren Dasein die Wissenschaft kaum etwas erkennen konnte und deren Lebensbeschreibung im Neuen Testament durchaus nicht den Eindruck des persönlichen Erlebtseins hervorruft. Christentum heißt Messiastum; Christen sind Messianisten, und in der Gestalt des Messias, des Gesalbten, haben die verschiedensten Kreise des Altertums ihre Zukunftshoffnungen verkörpert. Die wirtschaftlichen Gegensätze des Lebens, keine geistlichen Kirchenfragen haben diese Bestrebungen in Griechenland, Born undPalästina nichtzur Ruhe kommen lassen—-überall war es das Verhältnis zwischen Arm und Reich, Herren und Sklaven, Arbeitgebern und Arbeitern, Gläubigern und Schuldnern, das einen Befreier von den Lasten des Lebens wünschen ließ. Die staatlichen Schriften Platos gehen demselben Ziele entgegen, und wenn Aristoteles eine Sittenlehre des Mittelschlags und Epikur eine Lehre der Glückseligkeit verkündet hat, so ist Glückseligkeit aller Menschen ihr Ziel. In der römischen Welt arbeitet das Vereinsleben in religiöser Gestalt mit seinen gemeinsamen Kassen auf Erleichterung des Einzel- Schicksals durch Unterstützung hin; alle Unglücklichen, die Sklaven insbesondere scheinen durch eine Gemeinsamkeit der Gefühle verbunden, die auf ein glückliches Weltbürgertum statt des Einzelvolkstums abzielt. Ganz besonders wird der Verfasser dem jüdisch-biblischen Geiste gerecht, der in letzter Zeit so viele Verkleinerungsversuche erleben mußte. Die Propheten Israels treten gegen die Ausbeutung der Niedern durch die Großen im Namen des gerechten und allgütigen Gottes auf, ihre Worte werden im Deuteronomion Gesetz, und der Heiligkeitsabschnitt drückt alledem den Stempel des Göttlichen auf und Bücher wie Ruth und Jonas weisen auf die allgemeinmenschliche Berechtigung zum Guten hin, die Weisheitsschriften stellen den Frevel in griechischer Weise als Torheit dar und machen die Persönlichkeit des Einzelnen zur Grundlage der Sittenlehre. Sehr entschieden zeigt Kalthoff Voraussetzungen späterer christlicher Kernlehren im Sirach und läßt Israel so auf den Geist des Messianismus kräftig losarbeiten. Das daraus hervorgegangene Christentum ist eine Kulturerscheinung, die nicht losgelöst von allen anderen beurteilt werden darf. Kalthoff geißelt mit überlegenem Geiste den Widerspruch, mit welchem eine freisinnige Theologie durchaus an der Gestalt eines geschichtlichen Jesus als eines Musterbildes hängt, seine Worte und Ansichten, die unserem Fühlen widersprechen, so lange modelt und feilt, bis sie als ״Wesen des Christentums'־‘ (das zielt auf Harnack) nichts bestimmtes mehr an sich haben und allen möglichen Ansichten zugrunde gelegt werden können. Der Messias kann kein Einzelmensch und Musterbild, sondern nur als Typus das Werkzeug sittlicher Weltentwicklung sein. Das Christentum muß weltlich werden, eine Lehre der Entsagung und Abtötung ist das Widerspiel der vorwärtsstrebenden Menschheit, theologische Drehereien können keine Weltgrundlage werden: Die Religion muß sich verweltlichen, muß sich tatsächlich den Welterscheinungen zugrunde legen, indem sie eins mit ihnen würd und sie gestalten hilft. Nicht in der Vergangenheit, nur in der Zukunft kann der Boden einer Religion liegen. Vor solch einem Standpunkte, wie ihn hier Kalthoff bietet, verschwinden all die kleinen und ewigen Zänkereien um den Gott aller Völker und das Gesetz der Liebe. Eins aber müssen wir betonen: Was Kalthoff hier als Ziel der Re- I ligion darstellt, das ist der Zweck des Judentums stets gewesen. Mit seiner Lehre von einem Schöpfer und Erhalter der Welt, einem Befreier aus Egypten und Gesetzgeber der Gleichheit und Liebe ist es sich stets gleich geblieben, so sehr man ihm andere Lehren als vergeistigter pries. Es wollte sich nicht bis zur Verflüchtung vergeistigen lassen. Sein Gesetz mit den Verästelungen auf das Leben ist nicht das Widerspiel des Gottesgeistes, sondern dessen Anwendung auf das Leben und dessen ewige gesellschaftliche Fragen. Seine Formen, seine Zukunftshoffnungen stehen vor einem solchen Standpunkt mustergiltig da und bedürfen keiner Mau־ serung, ja, können dieselbe nicht ertragen. Der Erdgeruch, der dem Judentum anhaftet, ist darum nicht das Schlechteste an ihm. Eins müssen wir Kalthoff entgegensetzen: Er möchte nicht Palästina und das Judentum als Quelle des Christentums ansehen. Gewiß, der Geist jener Zeit arbeitete von den verschiedensten Punkten auf eine messianische Religion hin! Wie kommt es aber dennoch, daß alle Spuren auf Judäa und das Judentum als Ausgangspunkt des Christentums hinweisen? Daß jene einfachen Fischer Juden waren, daß die Evangelien Midraschform tragen und gerade die Bibel das Glaubensbuch der Menschheit geworden? Konnte aus einer anderen Quelle der Gedanke herkommen, dessen Wurzeln in der Bibel Kalthoff selbst so schön nachweist? Was sich in Hellas und Rom zerstreut fand — in Judäa war es vereint. Also diese Seite seines Buches wird Kalthoff einer genauen Durchsicht unterziehen müssen. Als Tatsachenmensch kann er solchen Tatsachen nicht aus dem Wege gehen. Noch eines blickt aus dem Kalthoffschen Werke, wie aus vielen neuzeitlichen Hervorbringungen heraus: Ein Rest christlicher Gläubigkeit läßt sich, so lange es Gotteshäuser und Prediger des Christentums gibt, mit aller Gewalt nicht vertreiben, so groß oder so klein er ist; er ist ein Bedürfnis des Gemeindelebens, das mit ihm steht und fällt. Auf der anderen Seite stehen die gewaltigen Forderungen der Wissenschaft, die kein Gefühl anerkennen, nur die tatsächlich erweisbare Wahrheit. Ob Harnack oder Zahn — diese Gegensätze sind in ihnen gleich stark da und lassen sich nicht verwischen. Da gibt es nur eine Möglichkeit, die uns von all dem Hängen und Zweifeln befreit und die für alle Religionen mit gleicherKraft verkündet werden muß: Es ist die duplex veritas! Auf einer Seite fesseln uns die Bedürfnisse des Gemüts, das ganz anderen Gesetzen folgt, als die Vernunft sie gibt. Was die Wissenschaft verwirft, ist dem Gemüte gerade die rechte Stütze. Wie viele hat der brennende Dornbusch des Sinai, haben die erhobenen Hände des Mosis im Amalekskampf getröstet! Was kann die Wissenschaft damit beginnen? Können wir ihr diese biblischen Züge opfern, dann entleeren wir die Glaubensquellen gerade des edelsten Gehalts. Die Wissenschaft bleibt dagegen vor nichts stehen und kennt kein noli me tangere, und handelte es sich um die letzten Reste des Glaubens. Die Ergebnisse dieser Wissenschaft, wie folgenreich im ganzen, können nur in Verneinungen bestehen — soweit sie bejaht, nützt sie allerdings auch dem Glauben, aber wie wenig kann sie bejahen? Wann wird man sich dieses in der Sache liegenden Gegensatzes bewußt werden und nicht Wissenschaft mit dem Gemüte treiben und nicht den Mächten des Glaubens mit der Bedingung dienen, daß sie sich vor der Forschung erst zu verantworten haben? Die Forschung wird sie doch nicht aus dem Herzen der Menschen vertreiben. Beides ist gleichberechtigt, hat gleichen Wert. Die Wissenschaft dient dem ewigen Fortschritt, indem sie sich stets erneut, der Glaube und seine Quellen dienen dem Bestehenden, das bei dem Fortschritt der Menschheit als stetig gedacht werden muß. Unwillkürlich werden Glauben und Wissen einander beeinflussen können, aber nicht unbedingt: Dann werden beide irren. Der Forscher wird vor gewissen Ergebnissen zurückbeben, und der Gläubige wird mit der Wissenschaft Ausgleichsverträge schließen. Das möge auch Kalthoff bedenken, wenn er von der Zukunft der Religion spricht. Inhalt der Nummer 7. Wissenschaftliche Aufsätze: Gegenkritik. Von Dr. L. A. Rosenthal. — Litteraturbericht. Recensionen: Albert Kalthoff, Die Entstehung des Christentums. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.

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