Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 184 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605972-9656028--8746-9605989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 184. Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. „Ich verstehe Sie garnicht, Herr Baron", sprach Emil sehr ruhig. „Wollen Sie vorerst mal gütigst Platz nehmen" (er selbst ließ sich gemächlich auf einen breiten Samtseffel fallen), „und wollen Sie sich deutlicher erklären! Ich ahne hier ein mir unbegreifliches Mißverständnis. Sie sind mir, seit ich die Ehre Jhrer^, Bekanntschaft genieße,^stets mit großer Freundlichkeit begegnet; ich wüßte nicht, wodurch ich ihre mir völlig unerklärliche heutige Haltung verursacht habe?" Der Baron lehnte mit einer Handbewegung den angebotenen^Sessel ab, er^stand^noch immer wie ein eherner Fels, als er erwiderte: „Ich will Ihnen meine Indignation in dürren Worten zu erkennen geben. Wenn ich nicht den unbegreiflichen Einfall^gehabt hätte, auf dieses^Musikers^Vorschlag einzugehen und Ihre Nichte den höchsten Herrschaften vorzuführen, so hätte Demoiselle^ Stahl diese^,Gunst nicht mißbrauchen können, um sich in Kreise einzudrängen, in die eine Jüdin niemals, ich wiederhole es: niemals hineingehört. Und sie hätte wohl nie die Okkasion gefunden, die Gedanken und Sentiments eines unendlich hoch über ihr stehenden, vornehmen Mannes derartig zu verwirren, daß er seine altadelige Abkunft, den Schmerz einer erhabenen Mutter und den Zorn seines fürstlichen Bruders totalement in die Winde schlägt, um einer israelitischen, bürgerlichen pereonne seine gräfliche Hand anzutragen.... Denn, wenn auch Ihre Nichte, wie allerhöchster Mund sich allergnädigst auszudrücken geruhten, eine ganz airnadle deaute sein mag, sie durfte die ihr von Natur verliehenen elrarrnes nicht noch durch eine ganz ungeheuerliche Koketterie verstärken, wie ich selbst mit eigenen Augen zu meinem größten Verdruß auf dem prinzlichen eoncert bemerkt habe. Es mag ihr wohl eine Lust gewesen sein, mit Augenwerfen und Lächeln einen harmlosen, edlen Jüngling zu berücken, daß der arme verblendete Herr seinen hochgeborenen Verwandten mit Selbstmord gedroht, wenn ihm höchstdieselben hinderlich wären, besagte Kokette zu seiner rechtmäßigen Gemahlin zu erheben. Dennoch würde die intrigante Demoiselle vergeblich ihre Netze nach dem jungen Herrn Grafen ausgeworfen haben, sofern ihr verwerfliches Vorhaben nicht ein dunkles Geschick in diesem illüstren Haus zufällig begünstigte, indem meine gnädige hohe Gönnerin und Patronesse die Frau Fürstin Leuchtenburg leider durch unwürdigen Liebesgram selbst einen erlauchten Bruderverloren haben und die zärtliche Mutter bei dem teuern jüngeren Sohn, der auch sonst durch allzuweiches und empfängliches Gemüt mit dem hochseligen Oheim eine fatale Aehnlichkeit aufweist, eine gleich schreckliche Verirrung befürchten mag." Emil hatte wie betäubt dem Wortschwall des Barons zugehört; bei dem Namen „Leuchtenburg" erhob er den Kopf mit einem Ausdruck von Verständnis in den Augen: So! Jetzt weiß ich wenigstens, von wem du sprichst. Dabei fiel sein Blick über die Gestalt des Barons weg auf die große Sammetportiere, die Wohnzimmer und Salon verband. Der schwere rote Vorhang war halb zurückgeschlagen, denn Postel stand dort und lauschte; sie hatte den Finger auf den Mund gelegt: Emil übersetzte sich diese Geste ganz richtig: Lassen wir beide den Herrn da ruhig ausreden! Der Baron schien auch mit dem niederschmetternden Eindruck seiner Worte auf den lautlos in sich gebückt sitzenden Mann sehr zufrieden und fuhr mit gehobener Stimme fort: „Wiewohl es jedem der Herrschaften ein unerklärlich' Rätsel bleibet, daß Graf Alfred, nach der impres8ion eines Abends von so sterblicher affection für ein Judenmädchen erfüllt werden konnte" — der Baron stöhnte und schüttelte mit allen Zeichen des Entsetzens den Kopf — „dieser äußerst kluge, zurückhaltende junge Graf, so ward mir doch nun — nach längerem Debattieren und Erwägungen über die Affäre von seiten Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin-Mutter der Auftrag, Ihnen mitzuteilen, daß Frau Fürstin mit schwerem Herzen gnädigst einzuwilligen geruhten, dero zweiten Herrn Sohn sein Begehren, die DemoiseAe Stahl mit seiner Hand zu beglücken, zu erfüllen. Naturellement werden Sie begierig sein, die Conditione8 zu vernehmen, an die hohe fürstliche Familie besagte Einwilligung zu knüpfen für gut befanden." Der Baron holte ein Portefeuille aus seiner Brusttasche, entnahm diesem einen langen Zettel und las wie folgt: „ad I. Die Demoiselle Stahl, die einige Tage vor ihrer Verehelichung von Seiner königlichen Hoheit dem Prinzen August allergnädigst in den Adelstand erhoben wird — die Demoiselle reist schon morgen, da ein Aufgeben aller früheren, verwandtschaftlichen Beziehungen unumgänglich verlangt wird, und je eher je besser zu erfolgen hat — in Begleitung des Fräulein von Seidlitz nach Dobberan zu dreimonatlichen Aufenthalt in das adlige Fräuleinstift, allwo der Unterricht in vornehmem Betragen, Etikette, feinen Allüren und auch die Taufe der Demoiselle und ihr Uebertritt zum altlutherischen Glauben zu erfolgen hat." — Mit einem Ruck fiel die Portiere zurück, die Lauscherin trat in den Salon und stellte sich dem Baron so plötzlich gegenüber, daß die Exzellenz vor Ueberraschung Portefeuille und Zettel fallen ließ. „Ich — ich soll mich taufen lassen?! Das ist nicht wahr, das hat Alfred nicht verlangt!". Der Baron kehrte sich gegen Postel und verbeugte sich gezwungen — er wollte nicht unartig gegen die künftige Gräfin Leuchtenburg sein; das war dem alten, feinen Hofmann unmöglich, aber seine finstere Miene galt noch ganz der „kleinen Stahl", dieser intriganten Person, die es wagte, sich in das streng gehütete Heiligtum eines deutschen Fürstenhauses zu drängen. „Ah, die Demoiselle!" und stirnrunzelnd fügte er hinzu: „Sie nennen da äußerst intim einen Vornamen. . . hm. . . hm . . . Da die Sache nun publik. . . hä. . . Es wäre doch einem alten Freunde hoher fürstlicher Familie ganz intereffant zu erfahren, wie weit... hä hä. . . das zarte Verhältnis gediehen ist. . . . Das wäre auch für Sie von Vorteil, mein Kind, und der Diskretion eines Kavaliers können Sie sicher sein!" „Ich verstehe Sie nicht, mein Herr", antwortete Posthum« kalt. „Ich habe kein Liebesverhältnis mit dem Grafen Leuchtenburg, wie Sie anzunehmen sich erdreisten... Ich spreche von Alfred von Leuchtenburg, meinem Jugendfreunde, in dessen Namen Sie eben um meine Hand geworben haben." Der Baron musterte Posthum« durch sein Lorgnon von Kopf bis Fuß. „Mademoiselle scheinen mir sehr erregt. Ich bitte, nicht durch unzeitgemäße Empfindlichkeit sich und mir die Verhandlungen unnütz zu erschweren." „Ich meine, Herr Baron, wenn sich der Graf Leuchtenburg um mich bewirbt..." „Tiens, tiens! Lassen Sie sich sagen. Sie bauen zu viel auf den charme Ihrer Persönlichkeit, mein Kind. Ich komme nicht, für den Grafen um Ihre Hand zu werben, sondern Ihnen zu eröffnen, daß Frau Fürstin von Leuchtenburg huldvollst Ihre Erlaubnis gaben, daß dero Herr Sohn Sie zu seiner Gemahlin erhebe, vorausgesetzt, daß Sie bis aufs Jota die Conditione8 erfüllen, die gnädige Herrschaft Ihnen stellen wird." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Scholem, Berlin 0>, Roßstraße 8.