Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 20. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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78 einbarten Preis auseinander, dann galt der Grundsatz: solange der Gegenstand in der Hand des Arbeiters ist, hat der Arbeitgeber den Beweis für seine Aussage zu erbringen; ist der Gegenstand aber in der Hand des Arbeitsgebers, dann muß der Beweis von Seiten des Arbeiters erbracht werden1). Gleichwie alle anderen Handwerker, welche durch ihr Gewerbe vielfach mit Frauen in Verbindung kamen, wie Schneider, Friseure, Wäscher, sollten auch Weber mit Frauen nicht allein bleiben2). Die Verarbeitung von Wolle und Leinen zu einem Gewebe war verboten. Die Verfertigung solcher Stoffe galt, wie jede Vermengung verschiedener Arten, als Eingriff' in den göttlichen Haushalt, als Störung der göttlichen Hausordnung3). Selbst wollene Fransen durften nicht an einem leinenen Gewände angebracht werden4) und Unterdecken aus solchen Mischgeweben durften nicht gebraucht werden5). Frauen, welche Kleider aus Mischstoffen zu Markte brachten, trugen sie auf Stöcken6), damit sie nicht ihren Körper bedecken. Hingegen war es gestattet, Pflaster zum Heilen von Wunden, auch Totenkleider aus solchen Mischstoffen zu bereiten7). (Fortsetzung folgt.) Zur zweiten Auflage eines Meisterwerkes. Dr. Wilhelm Bacher, Die Agada der Taunaiten. Erster Band. Von Hillel bis Akiba. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. Straßburg, Trübner, 1903. VIII, X. 496 S. 9 Mk. Das Bacher’sche Werk, dessen erstes Hervortreten als Ereignis in der Gelehrtenwelt begrüßt wurde, beginnt in zweiter Auflage zu erscheinen, ln der ganzen Anlage ist wrenig geändert, und es wäre auch zu bedauern gewesen, wenn der Verfasser die klare und übersichtliche Anordnung des riesenhaften Stoffes durch eine andere hätte ersetzen wollen, um nur etwas neues zu bieten. Aber seither ist der zweite Band erschienen (bis zum Abschluß der Mischna), die vier Bände der amoräischen Agada, und es galt nun, in Bemerkungen die Beziehungen des hier wieder erscheinenden ersten Bandes zu den anderen zu beleuchten. Wenn Bacher s. Z. auch tüchtige Vorarbeiten vorfand — er erwähnt selbst Zunz, Frankel, Grätz, Weiß, Brüll, Derenbourg —, so hatte man doch die Agada nur als geschichtliches Hilfsmittel benutzt, aber nicht im entferntesten daran gedacht, sie in solchem Maße als selbständiges Gebiet zu behandeln, wie es hier geschehen ist. Da Bacher die geschichtliche Reihenfolge gewählt hat, so läßt sich das Fortscbreiten des agadischen Geistes von den einfachen Sätzen Hilleis bis zu Akiba’s Deutungen genau verfolgen. Wo es irgendwie möglich und notwendig schien, sind die Ansichten des betreffenden 9 ib. 7, 17. 2) Tos. Kil. 5,14. 3) Deut. 22,12; Kil. 9,8 wird שעטנן als Kompositum von טור ישלע und יגוז d. h. geplättet, gesponnen und gewebt genommen; vgl. Sifra 'כלאים;4 הדש wird auch auf Tiere angewandt, Jalk. Gen. 12 כלאים und הרבעה; vgl. Kil. 9,8: wer Schaatnes trägt, bewirkt, daß der himmlische Vater von ihm weicht, vgl. Sifra '2,4 הרש; Tos. Kil. 5,6, wo שעט׳ erklärt wird;•שמלוז עליו אביו שבש׳ ף Kil. 9,9. 5) Joma 69 a. 6) Kil. 9,5, vgl. dag. Tos. Kil. 5,19, wo לגןר st. ל^ו zu lesen ist, vgl. das. 21. 7) Vgl. Tos. Kil. 5,19; 5,26, wo כלאים nicht angeht. Tannaiten nach Gegenständen geordnet. So bei Eliesar ben Hyrkanos bezeichnend ״Israel, Proselyten, Heiden, Juden- Christenu (S. 105 ff.) bei Josua ben Chananja ״Religionsgespräche“ (165)) bei Akiba ״Israel; Polemisches״. Solche Ueberschriften sprechen dem Kenner gegenüber für sich selbst; betreffen sie doch das innerste Wesen jener Lehrer. Und für den Laien sind sie die besten Wegweiser. Ist schon diese Anordnung an sich ein Ergebnis jahrelanger Forschermühe, so galt es außerdem jedem Tanaiten sein Eigentum zuzuweisen. Mit Recht schenkt der Verfasser gleich Zunz hierin der Ueberlieferung Glauben, soweit sie in den verschiedenen Quellen überein stimmt, die ja den Wert mehrerer geschichtlicher Zeugen haben. Genau hat er auch angegeben, wo die Zeugnisse für die Verfasserschaft von einander abweichen. Außerdem waren um die Hauptgestalten die weniger hervortretenden Schüler und Zeitgenossen zu scharen, deren geschichtliches Bild doch auch erkennbar sein mußte. Und diese Aufgaben hat Bacher so meisterlich gelöst, daß man den Weg, den er dahin gemacht, genau verfolgen kann, ohne daß die angenehm zu lesende Darstellung die angewandte Mühe verrät. Vieles liegt unausgesprochen in diesen Hagadareihen da, wras der aufmerksame Leser, besonders der Kenner dem Verfasser nachempfinden muß Das darf er wohl verlangen, zumal er uns aus entlegenen Quellen alles wie ״auf einen gedeckten Tisch" gelegt hat, daß wir die einfachen Folgerungen aus seinen Voraussetzungen ziehen, und je mehr sie sich uns scheinbar ohne seine Mitarbeit aufdrängen, desto besser hat er seine Aufgabe verstanden. Gehe man nur S. 129 ff. durch, w as er über Kosmologisch.es von Elieser und Josua zusammenstellt, so daß es als ein Ganzes erscheint, und doch stammt - f. es aus Joma, Gen-rabbah, Koh. rabbab, Mechiltha, Jalkut, Bechorot, Bababathra; es fallen Schlaglichter auf die Odyssee;» es wird eine Deutung aus dem Griechischen hergeleitet; was wir sonst zerstreut in Zeitschriften als Bemerkung oder gar als Abhandlung finden, hier haben wir alles zusammen, alles einfach und selbstverständlich, wie wenn es gar nicht anders sein könnte. Tatsachen ohne redensartenreiche Bemerkungen, Leistungen ohne anspruchsvolle Ankündigungen — das ist es, was so wohltätig in diesem Buche berührt. Schön ist es z. B., wenn es S. 4 bei dem vielumstrittenen דעלך סני Hillels in Klammern heißt: ״Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Antwort einem Heiden, der Jude werden wäll, gegeben wird, Hillel also unter dem Nächsten nicht den Volksgenossen, sondern den Nebenmenschen verstanden hat״. Wäre das nicht einer Abhandlung wTert? Aber einem Bacher verschwindet dieser eine Hillel’sche Satz vor der unübersehbaren Fülle gleichwertiger Gedanken — ihm liegt jede Verteidigung des Judentums fern, er geht ihr aus dem Wege; sein Gegenstand verteidigt sich selbst. Oder wenn Elieser den Schwerpunkt auf die Beschäftigung mit der Thora legt, Josua dagegen auch das bürgerliche Leben berücksichtigt wissen wäll, wenn Bacher nun dazu anführt, daß Elieser entweder nur Thoralernen oder nur Festesfreude (am Festtage), Josua eine Teilung zwischen beiden wünscht, so hängen die Ansichten fest zusammen, und das Altvertraute erscheint durch die Aneinanderreihung in ganz neuem Lichte. Wenn der Berichterstatter aber in solch einem Werke in Allem mit dem Verfasser übereinstimmt, so gerät er in Verdacht, nur Einzelnes darin gesehen zu haben. Daß das Wort Josua’s RH 2 Ende ״falsche Zeugen sind’s“ mit Aussprüchen über Lügenhaftigkeit vor Gericht zusammenhängt, kann man schwer annehmen, wenn man weiß, daß es sich hier um den Gegensatz handelt: Ist die Zeugenvern e h m u n g Hauptsache oder die vorausgehende Berechnung des Nassi? (Cf. RH20a mehrfach זמאיימין על חעד־־ים wo diese nur als Ueberlebsel erscheinen). Daß ben He und ben Bag der Ger sein soll, den Hillel durch das Alphabet bekehrt, ist wohl geistvoll, aber nur d a s. Von Gamaliel I. stammen viele Tekanoth, und das sind doch immerhin Halachische Ansichten (s. Gittin השולה und 1•(הניןקרן) Und von Gamaliel II (S. 94) soll in Aboth kein Wort stehen? 9 S. unser ״Ueber den Zusammenhang der Mischna“ (Trübner, Straßburg) 1. Teil, S. 60—64, ״die Mischna etc,“ (gleicher Verlag), S. 189 ff. 1