Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitschrift für die Gchmtmtereffe« des Iudentms. Webst dem WeibLcrtt: Züöilcbes LittercrturbLcrtt. Verantw.Redakt.: Lll. A. Klausner, Berlin W., Tauenzienftr. 19 a. Telephon: Amt IX, Ar. 6567. Verlag: Arthur Schalem Berlin 6., Roßstraße 3. Telephon: Amt I, Ar. 5729. Post-Aeitungsliste Ar. 3794. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Oesterreich-Ungarn 3,VVMK. alle anderen Länder 3,50 Mk. Nr. t2. Berlin, 2\. iTtärj \902. ^NhrgclNg XI. Erscheint an jedem Freitag, das jüdische Litteraturblatt monatlich einmal. Zu beziehen durch die Post oder unsere Expedition: Berlin 6. 19, Roß-Straße 3. Anzeigen für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 30 Pf. Bei Wiederholungen Preisermäßigung. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen. Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich an die Adresse: Berlin W., Tauenzienstr. 19a. M. A. Klausner. Inhalt. Artikel: ZumPurimfest. Bon RabbinerDr.B. Selig ko witz- Cöthen. — Glossen zum Neunten Gemeindetag. — Die Kultusbeamten-Ausbildung in Posen. Bon Dr. Joseph Feilchenseld. — Der Fall Herzberg. — Die Psalmen. Von G. Bieneck. — Die Psalmen. Uebersetzt von M. A. K. — Die Politik. (Antisemitische Wahrheitsliebe. — Fromme Statistik. — Eid der Juden.) — Wochenchronik: Wochenkalender. — Berlin: Kinder-Ferienkolonien. — Jüdischer Privatschulzirkel. — Verein „Amicitia". — Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens. — Beisetzung Eugen Rosenstiels. — Gemeindeorganisationsgesetz. — Jubiläum. — Charlottenburg: Siebzigster Geburtstag. — Frankfurt a. M.: Israelitische Religionsschule. — Danzig: Vortrag. — London: Die neuen Dajonim. — Ein Wohlthätigkeitsdiner. — Paris: Die Ecole normale Jsravlite. — Isidore Cahen. — Christiania: Rabbiner Dr. Aschkanaze. — Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. — Vakanzen. — Feuilleton: Spinnen und Fliegen. Von Gregorij Bogrow. (Fortsetzung.) — Geschäftliche Mitteilung. — Inserate. Zum Purimskst. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Das jüdische Volk hat von jeher zwei scheinbar einander widersprechende Eigenschaften an den Tag gelegt. Aus der einen Seite die hartnäckigste' Abwehr alles Fremdartigen, insofern der reine Monotheismus irgendwie gefährdet schien, auf der andern Seite die Geneigtheit, neuen Ideen sich anzuschmiegen, wenn diese sich mit den Grundanschauungen des Judentums verschmelzen ließen, diese vielleicht noch zu stärken geeignet waren. Diese Empfänglichkeit für neue Ideen können und werden selbst die verblendetsten Judenfeinde nicht bestreiten; denn die Weltgeschichte legt Zeugnis davon ab, daß wir keinem schöpferischen Gedanken, keiner neuen Idee jemals uns verschlossen haben. Jede freiheitliche Regung, jede fortschrittliche That wurde freudig von uns begrüßt, jedes neue Samenkorn ließen wir voll und ganz in unserem Geist, in unserm Herzen aufgehen; wir haben nicht bloß aus allen Gebieten mit den modernen Kulturvölkern gleichen Schritt gehalten, sondern wir können uns auch nach dem Ausspruch eines der größten Geschichtskenner als die anregende und treibende Kraft so mancher geschichtlichen Neubildung und Gestaltung betrachten. Auf einem Gebiet jedoch sind wir, wie bereits erwähnt, starr und unzugänglich geblieben, aus einem Gebiet weisen wir heute genau so wie vor Jahrtausenden jede Einwirkung mit Entschiedenheit zurück; und dieses Gebiet ist unsere Religion. In unsere Religion, in unsern Glauben hat keine Zeitströmung, keine weltbewegende Idee auch nur die geringste Veränderung hineinzutragen vermocht. Wir sind trotz der finstern Jahrtausende über so manche Kluft hinweggeschritten, wir selber sind immer und wieder zu hochgelegenen Punkten emporgekommen; aber unser Glaube an den Einig-Einzigen war von dem ersten Augenblick an so rein, so vollkommen, daß er keiner Fortentwicklung, keiner Weiterbildung fähig war. Eines der ältesten und lehrreichsten Beispiele giebt uns hierfür das Verhalten Esthers, deren Thun das Purimfest uns in Erinnerung bringt. Die jüdische Geschichte hat dem Namen Esthers ein besonderes Blatt mit goldenem Rand gewidmet, nicht weil sie eine Krone getragen, nicht weil sie aus dem Thron gesessen, sondern weil sie ein echt jüdisches Herz besaß, weil aus diesem Herzen die persönlichen Wünsche durch die Liebe zu ihrem Glauben und zum Judentum verdrängt wurden. Frühzeitig durch den Tod der Eltern beraubt, kommt sie in das Haus eines Verwandten, Mordechais, von dem ausdrücklich angegeben wird, daß er dem Stamm Benjamin angehörte, der aber zugleich ein Mann aus dem Stamm Juda genannt wird. Der Widerspruch löst sich einfach dadurch, daß die zweite Bezeichnung ihn als einen Mann von ausgeprägter, entschieden jüdischer Gesinnung hinstellen soll. Hier