Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605652-9605744--8512-9605749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 10. Israelitische Wochenschrift. Seite 149. \ Die fmiiimiriniiidiiömiitg in England. Die vor einem Jahr begründete British Brothers League in London hat zu ihrem Stiftungsfest eine Versammlung abgehalten, die sich unter dem Vorsitz des Begründers Mr. W. T.SHaw mit der Fremdeneinwanderung in England beschäftigte. Nach Beendigung der einleitenden Formalitäten schlug Vir. I. L. Silver folgende Resolution vor: Diese Versammlung von britischen Bewohnern des Ostends protestiert gegen die Apathie der aufeinanderfolgenden britischen Regierungen gegen den nach Großbritannien kommenden Strom von armen Fremden, die aus Veranlassung und zum Vorteil von ausnützenden Arbeitgebern und Hauswirten hierhergebracht worden. Dieser Zufluß hat sett zwanzig Jahren zugenommen, hat einen allgemeinen Niedergang in der Lebensführung der arbeitenden Klassen herbeigesührt und die erste Veranlassung zur Wohnungsnot gegeben. Die Versammlung verlangt sofortige die Einwanderung einschränkende Gesetzgebung. In seiner Rede zur Begründung der Resolution spricht Mr. Silver zuerst sein Bedauern über das Fernbleiben des Abgeordneten T. R. Dewer aus, der mit Leib und Seele dieser Bewegung angehört, es aber für richtiger hält, der heutigen Zusammenkunft nicht beizuwohnen, weil er sich um die Mitgliedschaft bei der königlichen Kommission bewirbt, die eine Enquete über die vorliegende Frage veranstalten soll, und weil er dafür lieber unparteiisch bleiben und der Sache aus einem andern Platz besser nützen will. Heute sei der erste Geburtstag der Liga, die schon viele Schwierigkeiten überwunden habe und mehrere Tausend Mitglieder zähle. Die Liga habe den Zweck, alle getreuen Briten unter ihrem Banner zu vereinen und der Regierung die große Notwendigkeit begreiflich zu machen, daß sie eine Gesetzgebung über Fremdeneinwanderung erlasse. Er bedauere, daß die klar und einfach vorliegenden Zwecke der Liga zu Mißverständnissen Anlaß gegeben haben. Man habe sogar behauptet, die Liga wolle alle in England lebenden Fremden heimschicken. Es thäte ihm zwar leid, daß viele der Einwanderer unter sehr traurigen Verhältnissen hier lebten, aber sie sollten nur ruhig hier bleiben, es handelte sich nicht um sie, sondern um den künftigen Zufluß. Man hat auch gesagt, die Liga arbeite gegen die Juden. Dies ist eine falsche und absurde Behauptung und wird durch die Thatsache widerlegt, daß ein Jude in unserem Vorstand ist und daß wir viele jüdische Mitglieder haben, die in ihrem Gewerbe die Konkurrenz der Fremden sehr drückend empfinden. Der Redner betont mit großem Nachdruck, daß es sich hier um keine jüdische Frage und nicht um Antisemitismus handele — wäre dies der Fall, so würde er nicht aus der Rednertribüne stehen. Die Mitglieder der Liga würden die letzten sein, die ihre Hand gegen Juden erheben. Wenn allerdings die Juden ihren Beistand zur Bekämpfung des Uebels versagen, wenn sie es für richtig erklären, daß durch übermäßige Einwanderung die Engländer aus ihren Häusern vertrieben werden, so könnte in diesem Sinn wirklich eine jüdische Frage entstehen. Im letzten Januar sind allein 4132 Fremde mit der Absicht der Niederlassung in England angelangt; diese Ziffer beweist die Dringlichkeit eines Einwanderungsgesetzes, und die Liga wird nicht ruhen, bis die jetzige oder eine künftige Regierung ihren Wunsch erfüllt. Am meisten übervölkert ist der Stadtteil Stepney, in dem 100 000 von 300 000 Einwohnern in den engsten Verhältnissen leben Das ist nur die Folge der unbeschränkten Einwanderung. Der Sanitätsinspektor der jüdischen Armenverwaltung sagt in seinem Bericht, daß in manchen Häusern dieses Distrikts mehrere Personen, Männer, Frauen und Kinder in einem Raum leben. In einem anderen Haus wohnten in einem Kellerraum ein Mann, eine Frau und drei Kinder. Die städtischen Schulen in Stepnay werden von 10 350 Kindern besucht, die entweder im Ausland oder von ausländischen Eltern geboren sind und für deren Unterricht die hiesigen Steuerzahler sorgen müssen. — Nachdem der Vorsitzende nochmals betonte, daß die Tendenz des Vereins durchaus nicht gegen die Juden gerichtet ist und daß die nichtjüdischen Einwanderer genau so störend wirken, wie die jüdischen, wird die Resolution angenommen und die Versammlung geschlossen. Israel 7-, Unsere Leser kennen den Schriftsteller Israel Zangwill, der unter den zeitgenössischen jüdischen Schriftstellern in vorderster Reihe steht. Wir haben sein Hauptwerk „Die Kinder des Ghetto" in diesem Blatt veröffentlicht, auch pine seiner leichteren Arbeiten: „Der König der Schnorrer". Wir bringen heute das Bildnis Zangwtlls, das wir der kollegialen Freundlichkeit der Londoner „Jewish Chronicle" verdanken. Israel Zangwill hat sich bis in das reifere Alter in ungewöhnlichem Maß Empfänglichkeit für neue Eindrücke gewahrt. Das kann für den Dichter von großem Segen sein. Es ist zu hoffen, daß er das mit lebendigem Gefühl Aufgenommene in sich verarbeiten, daß er es zu erfreulichen künstlerischen Darbietungen gestalten wird. Seine große Empfänglichkeit , eine Tugend des Schriftstellers, macht ihn auch sehrmandlungssähig in seinen Anschauungen. Das muß in den Kauf genommen werden. Denn nicht der^Politiker, sondern der Schriftsteller Zangwill ist von Bedeutung. Des Politikers^Ansichten haben rein persönlichen, nur was er als Schriftsteller leistet. wm %'tm 9894