Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 31 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2. Israelitische Wochenschrift. Seite 3t. ginski sich nähernd. Der Pater schickte ihm einen wütenden Blick nach, seine Lippen verzogen sich zu einem teuflischen Lächeln. „Schämen Sie sich, meine Tochter!" flüsterte er dann der Panna Oda zu, und seine unheimlichen Augen versenkten sich tief in die ihrigen, während seine Lippen süß lächelten. „Was habe ich denn verbrochen, mein Vater?" fragte Oda mit bebender Stimme. „Sie verstehn nicht, sich zu beherrschen und schaden sich und uns. Sehen Sie denn gar nicht, daß Ihren feurigen Blicken, gerichtet dahin, wo sie nicht sollen, .die ganze Gesellschaft folgt, und daß Ihr . . . Ihr Freund es schon gleichfalls bemerkt? Sind Sie ein junges Mädchen, das sich nicht zu beherrschen vermag?" „Verzeihen Sie, mein Vater, ich war schwach." „Schwächlinge brauchen wir nicht! Hüten Sie sich; ich warne Sie zum letzten Mal!" schloß Pater Benediktus süß lächelnd und lenkte seine Schritte nach jener Ecke, wo Wanda und Chmielnicki standen. Den Pater bemerkend, entließ Wanda den jungen Menschen und ging dem Geistlichen entgegen. „Meine Tochter!" begann der Pater mit ununterbrochenem Lächeln, „störe ich?" „O nein, mich kann niemand stören, selbst Sie nicht, mein Vater — verzeihen Sie diese Offenheit." „Seelsorger stören nie und niemand; sie bessern nur und Besserung thut allen not, selbst einer so stolzen Dame, wie Panna Wanda." „Mich bessern?!" „Ach ja, meine Tochter." „Ich weiß aber an mir nichts ..." „Die schwersten Sünden sind die, die der Mensch begeht ohne Zweck, ohne Not, ja nicht einmal unter dem Einfluß einer entschuldbaren Leidenschaft. Wahrlich, das heißt dann seine heiligsten Pflichten verletzen und mißachten." „Ich versiehe Sie nicht, Pater Benediktus," und das stolze Mädchen warf keck den Kops zurück und errötete bis über die Ohren. Seine Nachbarin an der Hand fassend und mit der Rechten nach dem in der Ferne emporragenden „Pinte-Wald" zeigend, um so etwaige Beobachter glauben zu machen, daß zwischen ihm und dem Mädchen nur über die Landschaft unterhandelt werde, führte Pater Benediktus das Mädchen in einen abgelegenen Winkel des Balkons und, ohne seinen Blick von der Perspektive abzuwenden, flüsterte er in einem Ton, der dem Zischen einer Schlange frappant ähnlich war: „Zwischen Ihnen, meiner Tochter, der vornehmen Katholikin, Panna Wanda Wischnewiecka, und dem russischen Kosakensohn, dem namenlosen Ketzer, liegt eine weite Kluft, die durch alle persönlichen Vorzüge des jungen Stallmeisters nicht überbrückt werden kann." „Was meinen Sie damit, mein Vater?" „Daß es unschicklich ist, einen unbedeutenden Menschen an sich zu locken und ihm den Kops zu verdrehen. Sie verletzen dadurch die Anderen und schaden ihm selbst. Das ist eine schwere Sünde!" „Mein Vater!" sagte Wanda mit erzwungenem Lächeln. „Sie nennen ihn einen Ketzer und nehmen an ihm trotzdem warmen Anteil; ist das keine Sünde?" „Sie sind ein wenig vorschnell in Ihrem Urteil, Panna Wanda. Ich nehme auch an einem Ketzer Anteil, wosern ich Hoffnung habe, ihn dem Verderben zu entreißen und aus den Pfad der Wahrheit zu führen. Sie aber schaden meinem gottgefälligen Vorhaben. Sie haben mich doch verstanden, meine Tochter?" „Vollkommen. Sie wollen nicht, daß ich Panna Oda betrübe", bemerkte Wanda lachend. „Jawohl, ich wünsche es nicht!" zischte Pater Benediktus und sah das Mädchen mit seinen Krokodilsaugen so durchbohrend an, daß Wanda erblaßte. Süß lächelnd nickte er ihr zu und trat an die Seite. — Allein geblieben, schwankte Chmielnicki einen Augenblick und näherte sich dann Panna Oda. Diese beobachtete von der Seite jede seiner Bewegungen, und als sie sah, daß er sich ihr nähern wollte, wandte sie den Kopf nach der entgegengesetzten Richtung. „Daniello!" winkte Panna Oda einem stattlichen Jüngling, der sich gerade mit einigen Backfischen unterhielt, „kommen Sie doch her, mein Lieber". Seinen Nachbarinnen eine Verbeugung machend, wandte der Angerusene sich graziös zu Panna Oda. Es war dies ein hübscher, sechzehnjähriger Knabe, mit klugem, ernstem Gesicht und tiefschwarzen Augen, und einfach, aber überaus geschmackvoll gekleidet. „Daniello!" sagte Panna Oda mit süßem Lächeln, während ihre Finger liebkosend das Kinn des Jünglings berührten. „Für die morgen stattfindende Jagd ernenne ich Sie zu meinem Pagen." „Zu meinem tiefsten Bedauern, erlauchteste Panna, kann ich von dieser Ehre keinen Gebrauch machen." „Warum, mein Lieber?" „Mein Vater hat mir verboten, an der Jagd, die ich — ich gestehe es — über alles liebe, nicht allein unmittelbar teilzunehmen, sondern selbst da gegenwärtig zu sein, wo andere jagen." „Pfui! Welch ein Despotismus, welch eine unverzeihliche Kaprize!" „Mein Vater, edle Panna, ist weder despotisch noch kapriziös!" „Aber was für ein vernünftiger Grund könnte da angegeben werden, um einem Kind das allerunschuldtgste Vergnügen zu rauben und ihn in seinen ritterlichen Neigungen zu stören?" (Fortsetzung folgt.) Brief- und Fragekasten. Herrn Dr. E. B. in B. Besten Dank für die freundlichen Worte. Ich habe kein Verdienst dabei. Ich habe nur gethan, was mir natürlich war. Daß ich die Gelegenheit dazu hatte, betrachte ich als ein Glück, für das ich Dank weiß. — Herrn M. K. in B. Dank für die freundliche Anerkennung. — Herrn Dr. E. F. in B. Dank für den guten Rat, der befolgt ist. — Herrn Pros. Dr. Th. in F. Vielen