Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 828 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605637--8410-9605649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 828. Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. er von dannen, um seinen einzigen Hammel zu holen, der ihm teuer ist, wie ein leiblich Kind. „Und du. Alte?" wendet sich der Verwalter an ein altes zusammengeschrumpstes, kurzsichtiges Mütterchen. „Honig, Pan, Honig von unserem selbstgezüchteten kleinen Bienenstock." „Friß ihn selbst! In Scheiben bring ihn, und reinen Honigseim! Verstanden? Und dreimal so viel. Fort, altes Luder!" Gleich dem Muschik schleicht sich auch das Mütterchen von dannen, schluchzend, leise vor sich hinmurmelnd. „Nu, Krämerseelen, Schacher-Macher, Trödlerpack vor! Wer, mit was?" Aus dem dichtgedrängten Haufen Juden springt ein kleines, bewegliches Männchen hervor. Unter seinem weiten Kaftan ein Stück bunten Stoffs hervorholend, fuchtelt er damit unverwandt vor der Nase Woickowskis herum und spricht hastig: „Soll der Herr sehen, was ich gebracht Hab für ein schönes Geschenk unserem erlauchtesten Pan. Ich Hab gesagt zu meiner Sara — nein, Sara hat gesagt zu mir: „Hersch, Narr, hat sie gesagt, warum schleppst du unsere beste S'chore*) zu dem Pan auf das Schloß? Und was Hab ich gesagt? Schweig, Sara, Hab ich gesagt. Heut ist ein großer, großer Jontes**): unser Erlauchtester ist worden geboren! Gebe Gott ihm, seiner Panna, seinen . . . Und noch Hab ich gesagt zu Sara: geb Gott Gesundheit auch dem Pan Woickowski; er ist so gut, so . . Das Stück Stoff flog gerade in den Mund des Krämers. „Kattun, du Schelm?! Und das noch solchen, der eine Meile weit stinkt?!" „Was sagt der Pan? Diese S'chore stinkt?! Ich soll so stinken! Der Kattun ist so . . . so . . . Geb Gott mir immer solch schöne S'chore." „Seidenzeug bringe, Hund! Voriges Jahr hast du dich herausgeschwindelt, heut gelingt es dir nicht. Seidenzeug her!" „O weh. Pan, wo soll ich hernehmen Seide? In meinem ganzen Gewölb ist nicht einmal ein seiden Tüchel zu finden. — Soll der Herr hinschicken Nachsehen in meinem Gewölb in Zwantz, ja soll er doch hinschicken." „Gut, mein Lieber! He, Haiduken! Lauft nach Zwantz und schafft den ganzen Kram dieses Menschen her!" „Herr, meinen ganzen Kram sollen sie bringen hierher?" „Gefällts dir nicht?" „Wie kann man das? Wozu ruinieren einen armen Menschen?" „Und was dachtest du denn? Etwa, daß Pan Woickowski zu dir. Hundssott, sich bemühen und in deinen stinkenden Lumpen herumwühlen wird?" „Herr, meine Sara ..." „Schön, schön. Haiduken! schleppt auch seine Sara mit dem Kram her!" „Um Gott . . . Pan, was denkt der Herr?! Ich Hab gesagt ... ich wollte sagen: meine Sara hat ein ganz kleines Stückchen Seidenzeug, was sie hat zurückgelegt für meine- — Tochter Dwore ... zur Hochzeit. Meinetwegen werd ich es bringen dem Herrn." „So scher dich zum Teufel mit deiner Sara und deiner ¥ Dwore, und gehe hin und bringe. Vorwärts!" ' Das Männchen schürzte den Kaftan und lief pfeilgeschwind, um die zukünftige Garderobe seiner Tochter zu holen, während er alle biblischen Flüche heraufbeschwor aus die Köpfe der Pans im Allgemeinen und auf seinen Pan einschließlich seines Verwalters im Besonderen. „Und du, Mastschwein, was hast du gebracht?" frug der Verwalter einen fettleibigen, kurzbeinigen, schweißbedeckten Juden, der eine Kiste mit Flaschen bewachte. „Alten Meth, erlauchtester Pan!" schnarchte der Jude, sich schwerfällig bückend, um sowohl eine Verbeugung zu machen, als auch eine der schimmel- und staubbedeckten Flaschen aus der Kiste zu holen. „Alten, sagst du? Und wie viele Jahre zählt er?" frug der Verwalter boshaft lächelnd, indem er den trüben Inhalt der dargereichten Flasche durchschüttelte und diese prüfend vor ein Licht hielt. „Weiß ich, wie alt er ist? Möglicherweise bin ich ein Kind gegen ihn." „Seht den Gauner! Hat absichtlich die Flaschen beschiert, um ihnen ein altes Aussehen zu geben. Hier, leck, Rindvieh!" — Die Flasche flog zu Boden und zersprang in tausend Stücke. — „Koste, schmeck doch!" brüllte Woickowski, den Juden an den Kragen packend und ihn zu Boden drückend. „Haiduken! Laßt den Juden lecken! Er soll kosten, wie sein Meth schmeckt!" Zwei kräftige Haiduken warfen den Juden zu Boden und drückten sein Gesicht in die Lache, die von der zerschmetterten Flasche sich gebildet hatte. Bedauernswert aber possierlich sah der Jude aus, als er sich mit beschmiertem Gesicht und beschmutzten Lippen erhoben hatte. Pan Woickowski, die Haiduken und sogar die ihres Schicksals noch harrenden Juden hielten sich in die Seiten vor Lachen. (Fortsetzung folgt.) Brief- und Fragekasten. Herrn M. S. in F. a. M. Ich werde mich erkundigen und Ihnen Bescheid geben. — Ungen. in B. Wird geschehen. Gebrannte Kaffees ln Preislagen von Mk. 1,80, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per V» Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. *) Ware. **) Feiertag. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausn für den Inseratenteil: Max Schäffer in Berlin. »erlag Siegfried Sronbach, Berlin W. 67. — Druck: Arthur Scholem, Berlin C., Roßstr. 8.