Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · p. Seite 767

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 767 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605620--8396-9605635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 767. „Dort . . . seht doch, jener Rotharige, der mit dem Wagen jetzt angekommen ist." „Ich glaube, Ihr habt Recht. Das ist er — und der Bösewicht hat auch schon seine Familie mitgebracht. Das heißt also, er ist hergekommen, um schon hier zu bleiben. Und seht, wie stolz er dreinschaut!" Ein wenig abseits von den Wagen ging mit der Regelmäßigkeit eines Wachtpostens ein feuerroter, baumlanger magerer Jude auf und ab. Den rechten Daumen in seinen breiten Gürtel gesteckt, kräuselte er mit seiner linken Hand seine Peies und zupfte an seinem struppigen Bart. „Kommt, Brüder, wollen mal schauen, was das für ein Vogel ist", sagte Chaim und näherte sich dem Roten. Ihm folgten zwei, drei Zwantzer Juden. „§cholauin alechem, Reb Korew!" „Alechem Scholaum!" „Woher führt euch Gott?" „Woher er will." „Seid Ihr auf der Durchreise begriffen, oder . . ." „Geht Euch nichts an, frag ich etwa Euch aus?" „Ihr seid aber so ... so stolz!" „Kommt mir auch zu; bin ich doch ein Ben Talmid- Chochom*), aber wer seid Ihr?" „Wir sind . . ." „Nu, ich sehe es ja: Ihr seid Amerazim**) und ich will mit Euch nichts mehr zu thun haben." „Aber, so hört doch . . „Nu, Ihr wolltet wissen, wer ich bin? Ich hab's Euch gesagt. Ihr wolltet wissen, wozu ich hier bin? Auch das will ich Euch sagen: ich bin euer neuer Rendar. Und nun lebt wohl, bleibt gesund und vergeßt nicht zu schreiben!" höhnte der Rote frech und ging, ein jüdisches Liedchen summend, an den Wagen, wo die neue Zwantzer Rendarin saß. Die Juden, die zurückgeblieben waren, hörten die Unterhaltung Wort für Wort und empfingen nun den verdutzten Reb Chaim und dessen Begleiter mit einem schallenden Gelächter. Nur der graue, rotwangige Fremdling lachte nicht, sondern errötete heftig. „O, dieser bissige Emporkömmling! Mit solchen Leuten muß man ein ernsteres Wörtchen reden!" zischte er. sonderbar lächelnd. Aus der Schenke drang ein Jammern zu den Ohren der Draußenstehenden. Die erwachsenen Kinder Zodeks sahen den neuen Rendar und benachrichtigten ihre Mutter. „Ach, da kommt ja unser Rabbi!" riesen einige erfreut, Gott sei dank! Der wird den roten Hund schon beugen, Ihr werdet es sehen." „Nun, wie stehts?" srug der Rabbiner hastig. „Er wird fortgejagt, Rabbi. Der neue Rendar ist auch schon da mit seiner Familie und seiner Wirtschaft. Wahrscheinlich wird auch bald Woickowski mit seinen Haiduken kommen und die arme Familie an die Luft setzen." „Habt Ihr schon mit dem .. . Neuen gesprochen. Möglicherweise weiß er von dem Unglück Zodeks nichts." *) Sohn eines Gelehrten. **) Korrumpiert: Pöbel — Idioten. „Ach, was wird er nicht wissen! Er ist ein gemeiner Grobian, mit uns wollte er gar nicht reden. Ich, sagte er, bin ein Ben Talmid-Chochom, und wer seid ihr?" „Führt mich zu ihm." Dem Rabbi folgten alle Anwesenden, auch der rotwangige Greis mit seinen Gefährten. Der Rabbi begrüßte den Roten nach jüdischer Sitte; der Fremde dankte nachlässig. „Mein Bruder!" begann der Rabbi, „man sagte mir, Ihr seid ein Ben Talmid-Chochom." „Nu?" brummte der Rote, seine Peies kräuselnd. „Ein Ben Talmid-Chochom muß ein guter Mensch sein." „Nu?!" „Wie könnt Ihr einer armen Familie das Brot nehmen? Ihr handelt ja gegen Gott und sein Gebot." „Wer seid Ihr denn eigentlich?" srug der Rote frech. „Ich bin der Rabbiner der hiesigen Gemeinde." „Pschsch . . . große Sache — ein Dorfrabbiner! Mein Bruder ist Rabbiner in Posen; mein Vater — Friede seiner Asche — war der berühmte Gaon Rabbi Anschel Sorach ben Dow — habt Ihr von ihm gehört?" „Nein." „Er hat Dutzende von Kommentarien geschrieben. Er hat versaßt: Schaare Hapninim und Pt hanochosch — habt Jhrs gelesen?" „Ich habe weder euren Vater gekannt, noch seine Schriften gelesen. Aber das gehört ja auch nicht hierher. Ich will ja mit Euch nur von einer Schenke und einer unglücklichen Familie sprechen." „Wenn Ihr von einem so berühmten Gaon, wie mein seliger Vater, nichts gehört, heilige Bücher, wie Schaare hapninim und Pt hanochosch, nicht gelesen habt, was seid Ihr da für ein Rabbiner? Es paßt mir gar nicht, mit Euch weiter zu sprechen." „Hört, mein Bruder! Wollt Ihr vielleicht mit Absicht einer Antwort ausweichen?" „Hört, Rabbi, oder wer und was sonst Ihr sein möget: Ich weiß selbst, was ich zu thun habe und verlange von Niemandem Rat." „Nicht um Euch zu raten bin ich gekommen, sondern um Euch zu bitten, anzuflehen, im Namen Gottes: mordet Eure Nebenmenschen nicht, bringt nicht eine ganze Familie an den Bettelstab." „Ich bin unserem Gott teurer, als Euer schmutziger Zodek, denn ich bin ein Ben Talmid-Chochom und wer ist er?" „Wenn Ihr Gott teurer seid, dann wird er Euch sicherlich auch ohne diese Schenke nicht verlassen. Zodek wohnt hier schon länger denn drei Jahre und ihm steht auch das Recht der Chasaka*) bei." „Pschsch . . . Mein seliger Vater, der große Gaon, hat sich gegen die Chasaka ausgesprochen, und auch ich erkenne dieses Recht nicht an. Und länger wünsche ich mit Euch nicht zu sprechen!" „Rabbi!" ries es aus der Menge, „thut doch diesen Frevler in Cherem (Bann)!" *) Die „Chasaka" (— Befestigungsrecht) verbot den Juden, etwas zu erwerben, was ein anderer Jude drei Jahre hinterein- ' ander besessen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.