Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 731 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605584--8358-9605597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Gerte 731. datenliste verheimliche, als wenn sie ein Pudendum wäre. — Herr Weinberg hatte den merkwürdigen Mut, für sich und seine Leute Vertrauen zu verlangen! Die Politik. (Russische Juden in der deutschen Sozialdemokratie.) Das Wiener „Jüdische Volksblatt" schreibt: „Auch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, dieser altbewährten, kampferprobten, groß angelegten Organisation, ist nun die antisemitische Krankheit ausgebrochen. — Wer hätte das vor einem Jahrzehnt noch gedacht! Schien doch die Sozialdemokratie deutscher Zunge wie durch eine innere chinesische Mauer vor dem antisemitischen Orkane geschützt, welcher mit seltenem Ungestüm über das scheinbar konfessionell und national indifferente Europa hereinbrach. Die geringe Anzahl jüdischer Proletarier in Deutschland, die überaus große numerische Kraft arischer Intelligenz innerhalb der sozialistischen Strömung, der angeerbte Hang des Deutschen zum Kosmopolitismus, die wahre Theoretikernatur des Germanen — das schienen lauter echte Bürgschaften gegen ein Eindringen antisemitischen Geistes in diese Reihen zu sein. Warum ist es dennoch anders gekommen? Warum ertönten auf dem Lübecker Parteitage von Genossenmunde so liebliche Rufe wie: „russische Juden!"? Warum sprach Heine die Worte aus: „Manche russische Juden könnten einen zum Antisemitismus treiben"? u. s. w. — Daran müssen die Juden nur selbst schuld sein, und in der That, diesen Umschwung haben Parvus, Rosa Luxemburg und Genossen durch ihr Benehmen bewirkt. Die große Anzahl polnischer und russischer Juden, welche im letzten Jahrzehnt die marxistische Sozialdemokratie überfluteten, führten alle schlechten Eigenschaften des entarteten Judentums mit sich. Bar aller Bodenständigkeit, durch eine innere Kluft von den national denkenden und fühlenden Volksgenossen getrennt, in allen geistigen Dingen, wie Kautsky selbst mit einer nicht unfeinen Wendung andeutete, ungeschickt, plump und ungraziös, instinktunsicher, in allen Farben schillernd und schielend, in allen Empfindungssachen schwankend, so sind die Herren und Damen beschaffen, die nach Deutschland kamen, um wirklich hochkultivierten Elementen in Agitation und Organisation eine Stütze zu sein. Ihre innere Unsicherheit verbargen sie durch um so lauteres Herumpoltern, ihre Jnstinktunsicherheit suchten sie durch eine weitgehende Ungezogenheit zu verstecken. Marxistischer als Marx, dogmatischer als die „reinsten" Theoretiker unter den Deutschen, nach rechts und links persönlich werdend, mit schmutzigen Geberden nach den höchsten Idealen greifend, machten sie sich überall in Preußen- Deutschland unangenehm bemerkbar; man lächelte zuerst über sie, man begann sie dann zu bemitleiden — man beginnt sie jetzt zu hassen — die Zeit bricht an, wo man sie verachten wird u. s. w." Ist diese Schilderung von den russischen Juden sozialdemokratischer Richtung zutreffend, was wir nicht wissen, so werden die, die es angeht, die unangenehmen „Genossen" schon zur geziemenden Bescheidenheit zu bringen verstehen. Deswegen aber von Antisemitismus innerhalb der deutschen Sozialdemokratie sprechen, ist eine Flunkerei, die dadurch nicht gerechtfertigt werden kann, daß sie im Dienst des Zionismus verübt wird. * * * (Auch eine „Geschichte".) In der „Kreuzzeitung" finden wir folgenden Erguß, der ohne jeden aktuellen Anlaß und darum so ungemein charakteristisch für Gesinnung und Wesen der Urheber ist: „Auch das Mittelalter hatte seine Judennot! In welcher Weise aber jüdische Frechheit und Intoleranz das christliche Volk herausforderten, davon erzählt ein englischer Geschichtsschreiber, Green (-j- 1883), in seiner „History ok the English people“ (4 Bde.) — einem in England sehr geschätzten und vielgelesenen Werke — das Folgende aus der Regierungszeit König Edua-ds I. (1272—1307) (Wir übersetzen wörllich): „In England war das Benehmen des Juden beinahe bis zuguterletzt (d. h. ihrer Vertreibung) ein Benehmen hochmütiger, selbst frecher Herausforderung. Er wußte, daß die königliche Politik ihn befreite von der allgemeinen (common) Besteuerung, der allgemeinen Justiz, von den allgemeinen Verpflichtungen der Engländer. Wucherer, Erpresser, wie das Land ihn ansah, würde die Königliche Justiz ihm die Wiederbezahlung seiner Verschreibungen (repayment of his bonds) sicherstellen. Ein königlicher Befehl (cornrnission) suchte mit schweren Geldstrafen heim jeden Ausbruch von Gewaltthätigkeit gegen des „Königs Eigentum" (the King’s chattels). Wilhem II. (1087—1100) verbot thatsächlich die Bekehrung eines Juden. Wir erkennen in solch einem Fall, wie dem in Oxford, die Frechheit, die aus dem Bewußtsein des Königlichen Schutzes herauswuchs. Hier, so wie anderswo, war die Judenschaft eine Stadt in einer Stadt, mit ihrer eigenen Sprache, ihrer eigenen Religion, ihrem eigenen Gesetz, ihrem eigentümlichen Verkehr (pscnliar commerce), ihrer eigentümlichen Kleidung. Kein städtischer Beamter (city bailiff) durfte eindringen in das Viertel (stpiaro) von kleinen Gäßchen, das hinter dem heutigen Stadthaus (Hall) liegt. Selbst die Kirche war machtlos, zu verhindern, daß eine Synagoge sich in hochmütiger Nebenbuhlerschaft (rivalry) gegenüber dem Kloster der h. Frideswide erhob. Prior Philipp beklagte sich bitter über einen Hebräer, der vor seiner Thür stand, als die Prozession der Heiligen vorbeizog, indem er über die Wunder spottete, welche an ihrem Altar (shrine) geschehen sollten. Lahmend, und dann wieder fest auf seinen Füßen einherschreitend, seine Hände zeigend, wie von Lähmung zusammengeballt, und dann wieder seine Finger offen ausstreckend, verlangte der Jude Gaben und Opfer von dem Volkshaufen, auf den Grund hin, daß solche Wiedergenesung von Leben und Glied ebenso wirklich sei, wie alles, was Fredeswide je bewirkt habe — aber keine irdische Macht, weder geistliche, noch bürgerliche, scheint sich an den Juden herangewagt zu haben.Als die übliche Prozession der Studenten und Bürger am Himmelfahrtstage 1268 zurückkehrte, sprang plötzlich ein Jude aus der Gruppe seiner Genossen vor der Synagoge hervor, und dem Träger das Kruzifix entreißend, trat er es unter die Füße. Aber selbst angesichts solcher Beschimpfung schützte die Furcht vor der Krone die Oxforder Juden vor jedem Ausbruch der Volksrache. Der König verurteilte sie zur Errichtung eines Marmorkreuzes auf dem Platz selber, aber auch dies wurde nachgelassen, und ein weniger mißfälliger (offensive) Platz gesunden.". War es da zu verwundern? 1290 wurde verbannt, was sich nicht taufen ließ; 1654 aber ließ Eromwell die Juden wieder herein. Aus der Mark Brandenburg wurden die Juden 1573 verbannt, 1670 hob der Große Kurfürst dies Dekret durch Zulassung einiger Familien der aus Oesterreich vertriebenen Juden auf. 1682 hatte Berlin wieder einen Judenkrawall; 1893 zählte Berlins Judenschaft (Brockhaus II, 792 b) 79 000 Köpfe, 1881 gab es in ganz Groß-Britannien und Irland (Br. IX, 980b) 60 000 Juden." Das englische Buch, auf das hier Bezug genommen wird, ist uns nicht bekannt. Wir können deshalb auch nicht kontrolieren, ob die Uebersetzung zutreffend oder nach antisemitischem Schema zugestutzt ist. Wir haben nach der Art,