Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 729 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 729. anlaffung, die inneren Angelegenheiten unserer Gemeinde bis in ihre Einzelheiten hier zu erörtern; nur das Eine betonen wir noch: „Niemand hat Herzberg aus dem Amt verdrängt, Niemand ihn brotlos gemacht." Er konnte mit denselben Funktionen, mit demselben Gehalt wie seither, Lehrer bleiben, allerdings zweiter Lehrer. Da wir, dank der Agitation seiner Freunde, gezwungen wurden, einen ersten Lehrer anzustellen, ist es selbstverständlich, daß dies eine erste Kraft sein muß. Jene Agitation hatte den Landrabbiner veranlaßt, zum 1. Mai 1902 den Unterricht aufzugeben, der uns seither eine erste Kraft ersetzte. Nun haben seine Freunde dem Lehrer Herzberg eingeredet, die ihm vom Vorstand angebotene Stellung sei für ihn eine „amtliche und gesellschaftliche Degradierung." Herr Herzberg vertraute blindlings seinen Freunden, ignorierte den Vorstand, beantwortete dessen Schreiben nicht, ließ den Termin, bis zu dem er sich entschließen sollte, unbeachtet, ließ dagegen seine Freunde einen Zeitungsskandal in Oldenburg Hervorrufen, alle amtlichen Schreiben veröffentlichen und rief dadurch ein Rischus hervor, wie man es hier vordem nie gesehen. Nur seine „Freunde" haben Herzberg auf dem Gewissen. Herr Dr. Mannheimer, der doch aus innerstem Herzen unaufhörlich im Landes-Gemeinderat für die Hebung des Lehrerftandes und seiner sozialen Lage sorgt, dem das Lehrerpensions-Gesetz, die lebenslängliche Anstellung u. s. w. zu verdanken ist, hat wahrlich solche Angriffe nicht verdient, wie aus diesem Anlaß gegen ihn gerichtet worden sind. Zum aktenmäßigen Beweis legen wir Ihnen das Protokoll der fraglichen Sitzung des Landes-Gemeinderates vom 10. Oktober 1901 im Original vor. (Daraus ist der oben mitgeteilte Auszug entnommen. Die Red.) Dies ist der wahre Sachverhalt. Es ist also unwahr, daß der Landrabbiner Dr. Mannheimer die Entfernung Herzbergs veranlaßt hat. sondern der Vorstand hat sogar gegen den Willen des Landesrabbiners gehandelt. Es ist ferner unwahr, daß der Vorstand nur den Intentionen des Landesrabbiners folgt. Der Vorstand weiß allein, welche Pflicht und Verantwortung er hat. Es ist schließlich unwahr, daß Herr Lehrer Herzberg brotlos gemacht wurde. Es ist ihm einzig und allein unter Berücksichtigung seiner langen Amtsthätigkeit eine sehr angenehme Stelle als zweiter Lehrer vom Vorstand angeboten worden, die er ruhig hätte annehmen können. Dies ist die Darstellung des „skandalösen Falles" in seinen allgemeinen Umrissen. Auf jede weitere Anzapfung gehen wir nicht ein. In den hiesigen Zeitungen haben wir überhaupt nichts erwidert, in der jüdischen Zeitung halten wir es für unsere Pflicht. Oldenburg, 7. November 1903. Der Synagogen-Gemeinderat. L. S. Weinberg." Wir hoffen, daß man zu einer endgiltigen Erledigung der Angelegenheit kommen wird, die alle Teile befriedigen kann. Ein Lehrer, der 171/» Jahre an einem Ort sein Amt jedenfalls so geführt hat. daß man ihm ein gleiches Amt noch weiter an derselben Stelle übertragen wollte, verdient unter allen Umständen Rücksichtnahme und milde Beurteilung, wenn er im Eifer sich im Ausdruck vergriffen oder aus Ratgeber gehört hat, die ihm nicht gut geraten haben. Herrn Herzberg ist zu Gut zu halten, daß er die ihm angebotene neue Stellung als eine Degradation auffaßte, was sie durchaus nicht sein muß. Ueberall wird ein Lehrer, dem ein jüngerer Kollege vorangeftellt wird, das Gefühl der Zurücksetzung haben; aber nirgend ist das ein Grund, die Kabinetssrage zu stellen, das Amt auszugebcn. Nur im preußischen Osfizierkorps findet > man solchen Brauch, und selbst hier giebt es zahlreiche Ausnahmen. Herrn Herzberg ist ferner zu Gute zu halten, daß ihn der Gedanke erbittern mußte, daß nach so langer Amtsführung seine Verabschiedung (ohne disziplinarischen Grund) überhaupt in Frage kommen konnte. Herr Herzberg wird aber auch einsehen und bekennen, daß er Herrn Landrabbiner Dr. Mannheimer sachlich und in der Form schweres Unrecht gethan hat. Wir wünschen Herrn Herzberg bessere Verteidigung, als er bisher gefunden. Vor der Kollegialität, deren Pflege gar nicht genug empfohlen werden kann, haben wir alle Achtung. Doch auch die kollegiale Gesinnung muß gewisse Formen wahren und ist der Pflicht der sorgfältigen und unparteiischen Nachprüfung nicht überhoben. Den Beteiligten ist am wenigsten damit gedient, wenn es zur Gewohnheit wird, daß auf jeden Konflikt zwischen Gemeindevorstand und Lehrer sofort eine Mobilmachung der gesamten Lehrerschaft folgt mit Proklamationen nach Lord Kitcheners Muster. Das heißt die thatsächlichen Machtverhältnisse arg verkennen, und damit leistet man denen am wenigsten einen Dienst, denen man doch beiftehen möchte. M. A. K. Die Kertiner ~ ' k V . Am vorwöchigen Donnerstag Abend hat wieder eine von dem sogenannten Centralverein veranlaßte Wählerversammlung ftattgesunden. Etwa hundert Personen waren der Einladung nach den Andreas-Festsälen gefolgt. Die Verlockung, Herrn Rechtsanwalt Levinsohn zum zweiten Mal über die Bedeutung der bevorstehenden Gemeindewahlen reden zu hören, muß also nicht sehr groß gewesen sein. Herr Leviusohn machte sich auch keine erheblichen Unkosten: er wiederholte beinahe wörtlich, was er in der Woche zuvor in einer anderen Versammlung gesagt, und was er damals bereits ohne Quellenangabe diesem Blatt entlehnt hatte. Dem ersten Ausguß gegenüber machte er nur insofern eine Variation, als er das angebliche Wirken der Centralvereins - Männerchen in der Gemeinde wie in der Repräsentantenversammlung noch derber herausstrich und noch nachdrücklicher die Wahl der Kandidaten empfahl, die die Herren Bergel, Salinger, Wedell, Caro, Salz — wir haben hier die intellektuelle und gesellschaftliche Blüte des Centralvereins genannt — ausstellen wollen. Wer diese Erlesenen der Herren Bergel und Genossen sind, das ist der Oeffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden, wir können es aber hier verraten: Die abgewirtschafteten Repräsentanten sollen sämtlich bis aus einen einzigen wiedergewählt und dieser einzige soll durch Herrn Hirsch (Messingwerke) ersetzt werden. Die Kandidatur dieses Letzteren ist dazu bestimmt, der ganzen Liste einen orthodoxen Hautgout zu geben, der den Geruch der anderen Herren deckt. Herr Levinsohn begann seine Darlegungen mit der Versicherung, daß die große Berliner Gemeinde vollkommen verrottet und, bis aus einige Wohlsahrtsinstitute — von denen er, ausgerechnet! das jüdi che Krankenhaus nannte — verwahrlost wäre, wenn nicht die Privatgemeinden durch ihre jedes Ruhmes Maß erschöpfende Thätigkeit den gerechten Zorn des Himmels einigermaßen beschwichtigt 2333^314