Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605550--8315-9605554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 708. Israelitische Wochenschrift. Nr."45. seinen Leuten machte es Spaß, und die Gesetzesbestimmung vom groben Unfug findet hier keine Anwendung. Herr Ruppel ist nicht vergessen. Er hat sogar einen Nachahmer gesunden. Dr. Giese ist sein Name. Dieser, eine der Autoritäten des „germanischen Volksbunds" in Sachen der „Mordslüge", hat sich durch die in diesem Blatt von ihm gegebene Charakteristik beleidigt gefühlt und deswegen gegen den Redakteur Klausner Beleidigungsklage erhoben. Im Termin lehnte er einen jüdischen Schöffen als befangen ab. Die Folge war eine Vertagung. — Nun ist dem toten Ruppel nicht mehr zu helfen. Ob man ihn Giese I oder seinen Nachtreter Ruppel II nennt — er muß es sich gefallen lassen. Was geschähe wohl, wenn ein Jude, vor das Schöffengericht geladen, den Vorsitzenden Richter und die Schöffen oder einen von ihnen als besangen ablehnte, weil sie Nichtjuden sind? Der Betreffende könnte ganz nach dem Muster des Dr. Giese verfahren und mit ernster Miene versichern, er teile die Gieseschen Anschauungen und müsse „prinzipiell" die Unbefangenheit eines jeden Nichtjuden in jedem Prozeß gegen einen Juden in Abrede stellen. * * („Wir Christen.") Die „Kreuzzeitung" spricht über die anläßlich der Berliner jüdischen Gemeindewahlen hervorgetretenen Gegensätze unter den Juden und bemerkt dabei: „Wir Christen wissen jedenfalls, daß bei diesem Kampf der Juden unter einander, mögen dabei noch so viele Spähne fliegen, für uns nichts herauskommt, d. h. gegen uns halten sie doch alle zusammen." Es ist eine Anmaßlichkeit seitens der „Kreuzzeitung", namens der Christen zu sprechen. Sie ist legitimiert, namens der Antisemiten zu reden, die Unchristen sind, auch namens solcher Leute wie die Meineidszeugen und Fälscher Ohm und Gödsche und Freiherr von Hammerftein, die schlechte Christen waren, aber namens „der Christen" zu sprechen ist sie trotz des eisernen Kreuzes an der Stirn nicht befugt. Doch diese Nebenfrage bei Seite gelassen — was soll und kann denn bei Parteistreitigkeiten um jüdische Repräsentanten für „die Christen",seien es die der „Kreuzzeitung", seien es andere, „herauskommen?" Es ist eine lügnerische Unterstellung der „Kreuzzeitung", daß die Juden in anderen als in religiösen Dingen sich im Gegensatz zu den Christen befinden, und auch auf religiösem Gebiet ist das Gemeinschaftliche bedeutungsvoller als das Unterscheidende, was bei dem jüdischen Ursprung der christlichen Religion ganz natürlich ist. * * (Die Alliance Jsraelite als Gespenst.) Gegen einen Berliner Stadtverordneten jüdischen Glaubens, Jacobi, sind Vorwürfe erhoben worden, die der Angegriffene als Verleumdungen bezeichnet und zum Gegenstand einer Verleumdungsklage gemacht hat. Die Klage, die noch schwebt, wird Aufklärung bringen. Die „Deutsche Tageszeitung", die agrarisch-antisemitisch ist, hat herausgesunden, daß in Betreff des Herrn Jacobi noch andere Dinge zu enthüllen seien, daß er nämlich der Berliner Vertreter der „Alliance Jsraelite" in Paris ist. „Den meisten seiner Bekannten dürfte er damit eine Neuigkeit sagen, die auch diesen zu denken geben kann." Selbstverständlich druckte die „Kreuzzeitung" diese tiefsinnige Bemerkung nach. Die „Deutsche Tageszeitung" aber, die in größenwahnsinniger Selbstüberschätzung, die übrigens möglicherweise nur geheuchelt ist, so thut, als müsse Jedermann ihre ungebührlichen Fragen beantworten, entrüstet sich darüber oder stellt sich entrüstet, daß Herr Jacobi „über sein Amt in der Alliance Jsraelite bisher nichts hat verlauten lassen. Auch die jüdische Presse ist merkwürdig still darüber." Wir hätten gern gewußt, was es den Bekannten des Herrn Jacobi „zu denken gegeben hätte", wenn sie erfuhren, daß er der Berliner Vertreter der Alliance Jsraelite ist, und haben deshalb herumgesrogt. Die Antwort lautet übereinstimmend: „Wir hätten uns des Todes gewundert, wenn mit jener Vertretung Aufwand und Mühe verbunden war." Das sind aber begreiflicherweise nur freundschaftlich ausweichende Redensarten. In Wahrheit dachten jene Bekannten sofort daran, daß ihr Freund Jacobi im Auftrag der Alliance Jsraelite die Verstadtlichung der Siemensschen Straßenbahnen betrieben habe, und noch anderes mehr, was die „Deutsche Tageszeitung" schon an das Licht des Antisemitismus bringen und die „Kreuzzeitung" bestätigen wird. Und diese künftigen Geschichten der genannten Blätter sind goldecht, wie die goldigsten Erzählungen von Grimm und Andersen, obwohl oder gerade weil Herr Jacobi niemals der Vertreter oder ein Vertreter der „Alliance Jsraelite" gewesen ist. Er zahlt einen Beitrag, weil er darum angegangen worden, und das einen recht bescheidenen. Doch das ist natürlich eitel Spiegelfechterei, um Thoren zu verblenden. Was die „Alliance Jsraelite" überhaupt will, und was sie durch Herrn Jacobi in Berlin betreiben läßt, das weiß jeder gute Antisemit — so wahr er ehrlich ist. * * * (Seit wann?) „Von einem Ritualmord, das sei hier nochmals betont, ist ja unter unbefangen urteilenden Leuten niemals die Rede gewesen." So schreibt wörtlich die „Kreuzzeitung" in ihrer Nr. 506. Da die „Kreuzzeitung" selbst in hundertfacher Wiederholung mit mehr oder weniger verschämter Verklausulierung vom Ritualmord gesprochen hat, so hat sie nach ihrem eigenen Eingeständnis ebenso oft nicht zu den unbefangen urteilenden Leuten gehört, sondern zu denen, die gegen Verstand und Gewissen Verleumdungen verbreiteten. Etwas anderes haben wir von ihr nie behauptet. * * * (Aus König Carols Reich.) Eine Gruppe einflußreicher rumänischer Juden hat die in Bukarest täglich erscheinende Zeitung „Adeverul" gekauft, um darin die Agitation zu Gunsten der Emanzipation der rumänischen Juden zu betreiben. Auch eine Liga von hochsinnigen Nichtjuden hat sich gebildet, die diese Emanzipationsbestrebungen unterstützen wollen. Die übrigen rumänischen politischen Blätter, sämtlich antisemitischer Tendenz, protestieren gegen diese Regung zu Gunsten der Juden und verlangen energische Maßregeln zu ihrer Bekämpfung. * * * (So sind sie alle.) Der Antisemitenhäuptling Max Regis, vordem Führer der algerischen Antisemiten, hat seine Stellung in der Partei ganz verloren und wird mit der Verachtung, die er wie alle seine Genossen verdient, behandelt. In einem