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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. Seite 676

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 676 (sequence 4)
Language
German
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Seite 676. Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. gesunden. Er hatte unsittlichen Umgang mit verheirateten Frauen und mit Mädchen — was übrigens nicht hinderte, daß das Gymnasium, dem Ernst Winter zur Schande gereicht hatte, den Verstorbenen ehrte, als wenn er das Muster eines wohlerzogenen Jünglings gewesen wäre, der im Kampf für die edelsten Güter sein Leben gelassen. Hier war nachzusuchen. Ein Vater, ein Ehemann, ein Bruder hatte in gerechtem Zorn den Burschen erschlagen, ein Eifersüchtiger hatte ihn erwürgt. Die Fingerzeige waren deutlich sichtbar. Einige Haussuchungen, und man fand die Kleider des Erschlagenen. Es geschah aber nicht, was hätte geschehen sollen. Man ließ die Antisemiten das Städtchen aufregen, verseuchen, verblöden, ohne gegen die anarchistischen Schufte einzuschreiten. Man ließ sich von diesen auf falsche Spuren leiten, von richtigen Spuren abbringen. Der Totschläger, der vielleicht in begreiflichem Affekt gehandelt, wurde von den Antisemiten, vielleicht weil er ihr Gesinnungsgenosse war, in Protektion genommen. . So blieb das Verbrechen unaufgeklärt, das im Verborgenen verübt war, und gleichzeitig durste ein tausendfach schlimmeres Verbrechen aus offener Straße in tausendfacher Wiederholung verübt werden: das scheußliche Verbrechen der „Mordslüge". Und jetzt wollen antisemitische Hallunken uns glauben machen, sie hätten in ihrem Herzen nicht von je gewußt, daß die „Mordslüge" eine Lüge gewesen? und im Hinblick aus Könitz hätten sie des Gutachtens des Danziger Medizinalkollegiums bedurft, um von dem Glauben an einen „Schächtschnitt" abgebracht zu werden?! In der Konitzer Sache sind Gräuel über- Gräuel geschehen, Frevel ist aus Frevel gehäuft worden, und an diesen Gräueln und Freveln haben Teil, die nicht gegen sie einschritten, während sie es konnten. Justizmorde sind verübt worden und nicht wieder ausgeglichen. Geschworene haben „geurteilt", während sie besangen waren, und nicht Geschworene allein sind besangen gewesen. Der Bankbruch der Gerechtigkeit aber ist nicht von Könitz ausgegangen; er ist vielmehr von anderwärts dorthin getragen worden, und sein Ursprung und Kern ist: der administrative Bauernfang, die antisemitische Verwaltungspraxis! * * * (Verurteilt.) Ein Redakteur der „Staatsbürgerzeitung", Dr. Böckler, hatte den Justizrat und Notar Cassel als „jüdischen Notar" durch falsche Nachrede hinsichtlich seiner Amtsführung auf das Gröblichste und ohne jeden Grund beleidigt. Er ist dafür zu sechsmonatiger Gefängnisstrafe verurteilt worden. — Weit schlimmere, infamere, gewissenlosere, gemeingefährlichere Verleumdungen sind straflos geblieben, und die sich nicht gegen einen einzelnen „jüdischen Notar", überhaupt nicht gegen einen einzelnen Juden, sondern gegen alle Juden und gegen das Judentum richteten. * * * (Das Organ der getauften Juden.) „Ueberall hat der „religiöse Fanatismus (in Marokko) seine Stützen in den „zahllosen geistlichen Niederlassungen. Ein zweites Macht- „mittel für ihn ist der allgemeine Rassenhaß und die bestän- „digen Kämpfe der verschiedenen Stämme miteinander, be- „sonders der Araber und Berber. Nächst ihm profitieren „eigentlich nur die von den Muselmanen gehaßten Juden „von diesen Streitigkeiten, denn in ihrer Hand liegt der ganze „Handel nach außen und innen, und sie rächen sich durch „starke Geldopser an den Unterdrückern." Diese freundlichen Bemerkungen finden sich in einem Artikel des „Berliner Tageblatts". Daß das Organ der getauften Juden so von den Juden in Marokko spricht, ist sein gutes Recht. Es ist nur eine Unverschämtheit, gleichzeitig sich das Patronat über die Juden und ihre publizistische Vertretung anzumaßen. * * * (Das jüdische Weltproletariat.) Unter diesem Titel veröffentlicht die Oktobernummer der Revue Blanche einen Artikel von Henri Dagan, der mit der Legende aufräumt, als schwämmen die Juden im Uebersiuß, als bestände unter ihnen die den Christen abgehende Solidarität, als verabscheuten sie Handwerk und Ackerbau. An der Hand von statistischen Berichten aus Rumänien, Rußland, Persien, Marokko, Algerien, Newyork, London und Paris wird die große Not unter den Juden, die zu 7/8 blutarm sind, geschildert. In Paris giebt es 50 000 Juden, darunter mindestens 20 000 Proletarier, Arbeiter und Handwerker. Uebrigens ist der jüdische Arbeiter, zumal in London, mehr als der christliche das Opfer des Schwitzsyftems. In vergangener Woche war erst gemeldet, dann widerrufen worden, daß eine größere Anzahl Fremdbürtiger — natürlich: Juden — aus Posen ausgewiesen worden seien. Ueber diese Angelegenheit erhält die „Posener Zeitung" von Herrn Rechtsanwalt Placzek in Posen folgende Zuschrift: „Ihre geschätzte Zeitung bringt die Nachricht, daß die Mitteilung der „Germania", es fänden z. Zt. zahlreiche Ausweisungen von Juden und Christen hier statt, eine „Ente" sei. Leider ist diese Ente zu wahr und die Köller'sche Dänenpolitik scheint auch bei uns Platz zu greifen, indem man harmlose Leute ausweist. Vor mir liegt eine Verfügung des Polizei-Präsidenten, worin zwei Knaben eines jüdischen Kaufmanns, von denen der eine die Quinta, der andere die Sekunda des Gymnasiums besucht, ausgesordert werden, bis zum 1. November Preußen zu verlassen. Ein jüdischer Reisender, der 10 Jahre in einem hiesigen großen Geschäft thätig ist, muß fort; harmlose jüdische Handelsleute, die seit Jahren hier ansässig sind, haben den Ausweisungsbefehl erhalten. Selbst ein bei der Stadt beschäftigter Ingenieur mit ausgezeichneten Leistungen, dessen definitive Anstellung im städtischen Dienst in Aussicht genommen war, ist ausgewiesen worden. Ich erwähne absichtlich die jüdischen Fälle, weil man doch hier von einer Polonisierung nicht gut wird reden können. Traurig ist es und beschämend, daß ein Staat wie Preußen so allen Anforderungen der modernen Kultur entgegenarbeitet. Soeben erscheint, während ich dies schreibe, ein hiesiger Kaufmann, Oesterrercher, der seit vielen Jahren hier lebt, ein Geschäft erworben hat und es redlich führt, der den ^563447908

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