Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- Seite 624 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 624. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Eine eiligst angestellte Untersuchung stellte die Thatsache fest, daß 20 000 Thaler der Kassa entnommen worden waren. „Wer hat das gethan?" flüsterten die bleichen Lippen des Bankiers. Als sollte seine Frage sogleich Beantwortung finden, und als habe Gott selbst gesprochen, fiel sein Blick aus einen am Boden liegenden^Gegenstand. Schnell bückte sich der Bankier, um ihn aufzuheben. Es war ein kleiner goldener Ring mit grünem Stein. Beim Erblicken desselben stieß der Bankier einen Schrei aus und verbarg ihn hastig in seiner Tasche. I jj Stunden waren verflossen, man suchte den Bankier im ganzen Haus, endlich fand man ihn im Kassazimmer mit leichenblassem Antlitz, mit geröteten Augenlidern. Alle, die ihn gesucht hatten, sahen die hier herrschende Unordnung, und wußten auch bald, daß der Bankier bestohlen worden sei, doch als sie auch^vernommen hatten,^welche Summe eigentlich fehlte, konnte es sich doch niemand erklären,"weshalb dieser Verlust, der doch^im Verhältnis zu dem Vermögen des Bankhauses wirklich unbedeutend zu nennen war, ihn so sehr niederdrückte und der Verzweiflung nahe brachte. Sie hatten Recht, der Verlust des Geldes war es'nicht, was^ihm Thränen erpreßte, es waren Thränen der Scham und des^Schmerzes, er glaubte zu wissen, wer der Dieb sei, und der durfte es nicht lein, sollte j'nichtdie Ehre und der Kredit des^Hauses auf das Aergste geschädigt werden. 3. Im Spielhaus. In der Nähe des Stadthausessteht ein kleines zweistöckiges Gebäude," dort wird er wahrscheinlich sein, hatte Abraham geantwortet, als ihn Sidonie über den Aufenthalt Alphons' befragte, und dorthin richtete auch Abraham seine Schritte, als er das Haus des Bankiers verlassen hatte. „Die letzte Stunde war entscheidend für mein ganzes Leben," sagte er vor sich halblaut hin, „ich bin verloren, wenn der Bankier es erfährt, och, er muß es ja erfahren, denn es ist ein Schatz, den ich ihm gestohlen, jawohl gestohlen. Mit Recht kann er mich einen Dieb schelten, mich aus seinem Haus jagen, und ich, ich darf nicht ein Wort zu meiner Verteidigung sagen, ich muß schweigen, muß die Schmach ruhig ertragen, wenn er mich des Undanks zeiht, denn er hat recht. Ehrlich mußte ich sein, mußte ihm alles bekennen, und von ihm wäre dann die Entscheidung abhängig gewesen. Und dennoch, ich konnte ja nicht anders, es war ja nur ein kurzer Augenblick des Glücks, und von diesem ließ ich mich hinreißen. Oh! er hat ein gutes Herz, er wird verzeihen und alles kann noch wieder gut werden." Und er bemerkte es nicht, daß leise hinter ihm ein kleines, kaum 5 Schuh hohes Männchen folgte, und aufmerksam diesen Worten lauschte. „Warte nur, hoffärtiger Jude," sagte dieser, „dir werde ich es vergelten, daß du so gut zu rechnen verstehst. Der frühere Buchhalter des Bankiers sah gar manches durch die Finger und ich hatte einen artigen Nebenverdienst. Der — der Handelsjud aber, denn nichts anderes ist er ja, da sein Vater nichts anderes kann, als den ganzen Tag sein „Handelswos" schreien —, der hat mir einige Mal schon auf die Finger geklopft, und mir sogar gedroht, mich dem Bankier zu denunzieren, weil er zu ehrlich ist, der dumme Teufel Aber warte nur, dir will ich es jetzt eintränken, mit Zinses« zinsen dir deine Höflichkeit zurückgeben. So, also ein Dieb ist er! Was hat er denn nur gestohlen? Doch gleichviel, er hat gestohlen, er sagt es ja selbst, paß aus, paß aus, wir werden ja bald quitt werden. Wohin geht es denn nur so spät? Ei, ei, Herr Abraham Beer, man geht, wenn man mich nicht täuschen will, aus der Judenstadt hinaus, so, und wohin jetzt, über den Rathausplatz und jetzt bleibt er stehen. Ei, ich Dummkopf, wo hatte ich denn nur meine Gedanken, der seine Herr geht ins Spielhaus, also muß man auch Geld haben und zwar viel Geld, denn dort wird sehr hoch gespielt, ei, ei, Herr Abraham Beer, ich glaube, wir werden quitt werden, und meine Schuld soll endlich beglichen sein. Er geht wirklich hinein, wie ich es mir gedacht habe, gut, ich folge ihm, er soll mir heute nicht entgehen, ich muß dahinter kommen, mir wessen Geld er spielt." Schadenfroh rieb sich der kleine Mann die Hände und beschleunigte seine Schritte, „'s ist doch wirklich eine rechte Freude," schmunzelte er, „wenn man so einem Juden ordentlich beikommen kann." Im ersten Stockwerk des bezeichneten Gebäudes befanden sich mehrere elegant dekorierte, hell erleuchtete Gemächer, in denen die mit grünen Tüchern überspannten Tische, die Bestimmung derselben genugsam kennzeichneten. Es war ein Spielhaus der schlimmsten Sorte, in dem sich allabendlich die jüngeren Söhne der Aristokratie und der Kausmannswelt Rendezvous gaben, um dem Gott Mammon zu opfern, um dort die oft in Thränen und Schweiß ihrer Väter erworbenen Summen zu verspielen. Und wie alle Tage, so hatten sie sich auch heute eingesunden, sich an den verschiedenen Tischen niedergelassen und gar bald dem in vollem Gang befindlichen Spiel ihre ungeteilte Aufmerksamkeit gewidmet. Und deshalb bemerkte auch niemand, oder beachtete es nicht, das Oeffnen und Schließen der Thür, und niemand gewahrte den Eintretenden, der zögernd am Eingang stehen blieb, forschend seinen Blick im Gemach umherschweifen ließ und sich dann leise einem der Tische näherte. Und abermals wurde die Eingangsthür geöffnet und durch dieselbe schob sich das kleine Männchen, das vorher so beharrlich den Schritten Abrahams gefolgt war. (Fortsetzung folgt.) untz Gekonnte Kotfccs ln Preislagen von Mk. l,«0, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per Vs Ko. Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Max Schäffer in Berlin. Verlag Siegfried Eronbach, Berlin W. 67. —• Druck: Arthur Schalem, Berlin C., Roßstr. ».