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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 511

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 511 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 511. die er dann selbst auf Holzspähne kunstgerecht spannte und trocknete, was in seiner niedrigen Stube keinen zu angenehmen Duft verursachte. Er kaufte überhaupt alles, was sich ihm bot und was er billig erstehen konnte. Einmal kaufte er eine alte monströse Kalesche, um sie zu zerlegen und ihre Bestandteile einzeln zu verwerten. Es war gerade an einem Erew Pessach, als er das an Altersschwäche gebrochene Vehikel in den Hofraum schob, da an eine Zerlegung vor dem Fest nicht mehr zu denken war. Er wollte die Arbeit erst nach den Feiertagen in Angriff nehmen. Doch Kalme hatte sich eine schöne Suppe eingebrockt. Während der Feiertage, an denen die Schuljugend Ferien hatte, waren die Kinder der Gasse nur mehr im Hos Kalmes versammelt, um das Unding von Gefährt, das einmal den Stolz eines fürstlichen Wagenparks gebildet haben soll, anzustaunen. Bei dem Anstaunen blieb es aber nicht; ein jeder mußte auch probieren, wie es sich in dem Wagen sitzen ließe. Wer im Innern des Wagens nicht Platz fand, setzte sich auf die riesengroßen Lederfeden, oder gar aus die Decke. Trotz des Festes ließ sich die ausgelassene Jugend nicht abhalten, die Demolierung des Wagens vorzunehmen, so daß nur mehr ein Gerippe übrig blieb. Kalme Leeb war gerade in der Schul, als sich das Unerhörte ereignete. Bestürzt über die Nachricht, die ihm seine Ehehälfte Jule überbrachte, eilte er an die Stätte der Verwüstung, wo von den Missethätern nichts mehr zu sehen war. Nun fing er aber an, auf Jule loszudonnern: warum sie so unverläßlich sei und den Schwarm Kinder unbeachtet gelassen habe, anstatt ihn an seinem gottlosen Thun zu hindern! Er sei ruiniert, schrie er, er sei ewig unglücklich, und an allem sei nur diese Jule schuld, weil sie immer nur mit der Tchine in der Hand säße. Jule mußte stets das Bad ausgießen und schon seit ungefähr fünfzig Jahren bekam sie dasselbe zu hören: wenn er sie nur nicht geheiratet hätte, und er werde die Sache doch noch ändern! Jule antwortete nie, sondern saß ruhig am Fenster, blickte Kalme sanft durch ihre Brille an und las abwechselnd in der Tchine, die ihre Lieblingslektüre war. Diese fromme Ergebenheit bezähmte Kalme. Er tröstete sich dann damit, daß er die Kalesche doch hätte zerlegen müssen und die Kinder ihm eine Arbeit erspart hätten. Aber daß diese nichtsnutzigen Rangen ihr Zerstörungswerk gerade am Jontes vollbrachten, erregte ihn. Begütigend sagte er: „Ja, ja meine gute Jule, die Welt wird immer schlechter, wir passen schon nicht mehr her". Als Jule diese zärtliche Anrede vernommen, legte sie ihr Erbauungsbuch fort und glückstrahlenden Blickes schritt sie auf Kalme zu, mit den Worten: „Nicht wahr, Kalme, du wirst ja doch nicht von mir gehen, jetzt hast du es so lang mit mir ausgehalten, Hab noch eine Weil Geduld, lang dauerts ja nicht mehr". Bei dieser Anrede wurden Kalmes Augen feucht, er schämte sich seiner vorigen Redensarten und erfaßte Jules Hand, die er an sich zog und innig drückte. Kalme war wieder mit Jule und mit der ganzen Menschheit ausgesöhnt. „Wir waren als Kinder auch nicht anders", bemerkte er noch, und der ganze Vorfall war vergessen. Das Pffsachfest nabte seinem Ende, und von einem Jahr zum andern hatten die Alten vergessen, was der Brauch der Jungen war. Diese hatten sich aber schon lange vor Pessach zusammengethan, um über den „Chomezdigen Borchu" zu beraten. Es war dies ein strenges Amtsgeheimnis, denn von einem Jahr aufs andere hieß es, daß infolge des sich stets wiederholenden Unfugs das Umhertragen des „Borchu" unterbleiben sollte. Danach fragte aber die ausgelassene Jugend nicht, sie hielt am alten Brauch fest. Ausgangs Pessach nach dem Mincha-Gebet kamen sie aus dem Lohberg des Gerbers, der hinter der Gasse seine Gerbgruben hatte, zusammen. Der eine brachte eine alte Hose vom Vater, der andere einen altmodischen langen Rock, ein dritter vom Urgroßvater einen Cylinderhut, der bereits seit Jahrzehnten aus dem Boden unter altem Gerümpel gelegen. Ein vierter schleppte Stroh und Bindfaden herbei. Nun wurden die Kleider ausgestopft, der Körper erhielt zur würdigen Ergänzung seiner äußeren Erscheinung eine Larve, aus deren Augenhöhlen Stroh, nichts als Stroh hervorlugte. Ein heldenhafter Schnurrbart verlieh der Larve einen echt männlichen Ausdruck. Das war der „Chomezdige Borchu". Mit dem Erscheinen dieses Popanz in der Gasse trat der Chomez wieder in seine Rechte. Johlend und schreiend zogen die Jungen bei eintretender Dunkelheit durch die Gasse, den Einzug des „Chomezdigen Borchu" verkündend. Zwei auserlesene, besonders heroische Jungen trugen die ausgestopfte Puppe an einem durch die Beine gesteckten Stab, während die anderen das Schreien tüchtig besorgten. Es ging wiederholt die Gasse hinaus und wieder herunter, bis sich die Schreier verliefen, oder von ihren Vätern in nicht besonders sanfter Weise nach Haus geschoben wurdem„Die Träg-r.des „Borchu" hielt-«- am längsten Stand, bis sie mit ihm im Dunkel der Nacht verschwanden. * * * Kalme war eben von der Schul gekommen und saß an der Seite Jules. Er erzählte ihr wieder von der verderbten Jugend, von den unverbesserlichen Knaben, die trotz des strengen Verbots des Rebb Salme am heiligen Jontew den chomezdigen Borchu hergestellt hatten und mit Geheul durch die Gasse zogen. Jule schüttelte mit bedenklicher Miene ihr Haupt und zündete das Oellämpchen an. Sie machte sich hierauf in der Küche zu schaffen und bald brachte sie Kalme den ersten „Chomez" zum Abendessen. Nachher begaben sich die alten Leute zur Ruhe. Es währte aber nicht lange, da störte sie ein Rascheln aus dem Schlummer, es rührte sich etwas am Fenster. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male. Das beunruhigte Kalme; er stand aus, zündete ein Licht an und ging mit diesem ans Fenster. Ein namenloser Schrecken erfaßte ihn, als er ein durchs Fenster starrendes Gesicht erblickte. Doch er verlor die Fassung nicht, kleidete sich rasch notdürftig an, weckte Jule, erfaßte die an der Wand hängende eiserne Elle und eilte wie ein mutiger Krieger mit den Worten: „Gott soll schomer umazil sein!" hinaus. Am Fenster stand die Gestalt noch immer regungslos, nur das leuchtende Antlitz mit dem martialischen Schnurrbart zeugte davon, daß es ein männliches Wesen sei. Kalme drang unerschrocken aus den Mann ein und versetzte ihm mit sicherer Hand einen wuchtigen Schlag auss Haupt, daß der Körper leblos zur Erde sank. Mit einem Aufschrei des Entsetzens kehrte Kalme in die Stube zurück, vervollständigte in hastiger

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