Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 509 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605499--8273-9605512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 609. plötzlich an einem Herzleiden gestorben ist. Ihr Gatte, der Senator G. Montefiore Levi, befand sich eben aus der Heimreise von London, wo er als einer der Delegierten die belgische Regierung auf dem Tuberkulose - Kongreß vertreten hatte. Frau Montefiore Levi war eine geborene Bischoffsheim, eine Schwester der Baronin Clara von Hirsch. Sie hat wie diese einen großen Teil ihrer Zeit und ihres Vermögens für philanthropische Zwecke verwendet, hat aber ihre Wohlthätigkeit fast ausschließlich aus ihr Vaterland Belgien beschränkt. Der Provinziallandtag von Lüttich, welchen Bezirk Herr Montefiore Levi im Senat vertritt, hat dem Senator in einem Kondolenzschreiben sein Beileid zu dem großen Verlust ausgesprochen und eine Deputation zur Beerdigung entsandt. Paris, 5. August. (Alexander Zeitlin.) Der hier ansässige jüdische Bildhauer Alexander Zeitlin ist nach London berufen worden, um die Portraitbüste des Malers Alma Tadema zu machen. Zeitlin ist erst 29 Jahre alt und hat trotz seiner Jugend schon Hervorragendes als Portrait-Btldhauer geleistet. Er ist in Tiflis geboren, hat in Petersburg studiert und danach vier Jahre in Wien gearbeitet, wo er die Büsten des Kaisers Franz Joseph, des Erzherzogs Otto und noch gegen zweihundert andere Porträtbüsten schuf. Jetzt lebt Zeitlin in Paris und hat bei der im vergangenen Jahr zum Besten der durch den Brand des Theatre Francais Geschädigten veranstalteten Portrait-Ausstellung durch seine Büsten großes Aufsehen erregt. Emile Zola, der Astronom Camille Flammarion, Dr. Julius Oppert haben ebenfalls ihre Büsten von dem jungen jüdischen Bildhauer machen lassen, dessen besondere Kunst in der Wiedergabe des Gefichtsausdrucks der von ihm Portraitierten besteht. Sein gleichfalls in Paris lebender Landsmann und Glaubensgenosse Antokolsky hat seinen Erfolg als Bildhauer auf anderem Gebiet erworben. Er besaßt sich vornehmlich mit der Ausführung historischer Entwürfe. London, 4. August. (Armen-Einwanderung.) Am Mittwoch voriger Woche hat im Unterhaus eine Sitzung der Armen-Einwanderungs-Kommisfion ftattgesunden. Die Kommission besteht aus 52 Parlamentsmitgliedern und hat sich noch durch die Abgeordneten des Londoner Oftends verstärkt. Unter dem Vorfitz von Sir Howard Vincent wurde nach einstündiger Beratung der Beschluß gefaßt, noch einmal bei Lord Salisbury wegen Maßnahmen gegen übermäßiges Einwandern Bedürftiger vorstellig zu werden und ihm die Wiedereinführung der Gesetze von Lord Hardwicke und Lord Salisbury, besonders der Klauseln 3 und 4 des letztgenannten Gesetzes zu empfehlen. Diese Klauseln lauten: „3) Von der Handelskammer angestellte Inspektoren sollen jedes an einem regelrechten Hasen ankommende Schiff besuchen, das Einwanderer an Bord hat, und die Passagiere inspizieren. Jeder Inspektor hat das Recht, das Landen solcher Fremden zu verbieten, die Idioten, krank, arm oder sonst geeignet find, der öffentlichen Armenpflege zur Last zu fallen, oder auch an einer gefährlichen oder ansteckenden Krankheit leiden. 4) Jeder aus einem der vorstehenden Gründe vom Landen ausgeschlossene Fremde soll gemäß den von der Handelskammer zu erlassenden Vorschriften nach dem Hasen zurückgeschickt werden, von dem er gekommen ist. Die für seine Rückkehr erforderlichen Kosten müssen vom Eigentümer des Schiffes getragen resp. erfordert werden, das ihn hergebracht hat." Zu Beginn der Kommissionssitzung war dem Vorsitzenden mitgeteilt worden, daß ein Mitarbeiter der „Jewish Chroniele" im Nebenzimmer auf den Schluß der Sitzung warte, um dann einen Bericht darüber für seine Zeitung zu schreiben. Sir Howard Vincent ließ den Herrn hereinrufen und begrüßte ihn mit folgender Anrede: „Ich bin sehr erfreut. Sie hier zu sehen, denn ich möchte jeder möglichen Meinung entgegentreten, daß die von uns beratene Angelegenheit eine antisemitische Grundlage haben könnte. Es ist keine Spur von Antisemitismus dabei. Im Gegenteil. Wir haben die größte Achtung vor den Juden, wir bewundern den thätigen Anteil, den sie am Krieg genommen, und die von uns beabsichtigte Aktion liegt ebenso im Interesse der Juden selbst, wie in dem irgend eines anderen Teils der Bevölkerung. Meine Ansichten darüber sind genau dieselben wie die Ihres Glaubensgenossen," — dabei zog Sir Howard einen Ausschnitt aus der „Jewish Chroniele" aus der Tasche und las der Versammlung den Bericht über ein Interview mit dem jüdischen Abgeordneten H. S. Samuel vor. Die Worte des Vorsitzenden hatten einen so beredten Ausdruck oor Aufrichtigkeit und Herzlichkeit, daß Jeder, der vorher anderer Meinung gewesen sein könnte, nicht mehr im geringsten hätte glauben dürfen^- daß auch der fanatischste Anhänger der Einwanderungsgesetzgebung von antisemitischem Vorurteil geleitet war. Danach nahm das Parlamentsmitglied für Stepnay,^Majvr Evans Gordon das Wort: „Es giebt keinen größeren Freund und Bewunderer der Juden als ich es bin. Der Vorsitzende des Konservativen Vereins für Stepnay und viele andere meiner Anhänger sind Juden. Alle Vorwürfe, die man gegen Ihr Volk richtet, sind Unsinn. Ich bewundere seine Tüchtigkeit und die Begabung, die zu solchen Erfolgen führt, wie sie bei einem Disraeli, einem Herschell, einem Rothschild zu Tage getreten. Ein guter Teil der Feindseligkeit, der die Juden ausgesetzt sind, läßt sich thatsächlich aus bloßen Neid zurückführen. Nein, in der uns vorliegenden Bewegung ist keine Spur von Raffengegnerschaft. Wenn es sich um arme Christen handelte anstatt um arme Juden, würde ich genau dieselbe Stellung einnehmen. Wir wollen im Gegenteil gerade einen Ausbruch von Antisemitismus vermeiden, und dieser Ausbruch wird unvermeidlich, wenn die Gesetzgebung nicht einschreitet. Die beklagenswerte Möglichkeit einer Judenhetze ist es, die uns zum Handeln zwingt." „In England", wendete der Berichterstatter der „Jewish Chroniele" ein, „ist doch aber Raum für eine ganze Menge Juden. Wie wäre es, wenn wir zu decentralisieren anfingen und der schrecklichen Uebersüüung des Ostens ein Ende machten?" „Darum allein handelt es sich ja", meinte Major Gordon. „Decentralisierung würde die ganze Frage lösen. Gegen die Einwanderung an sich haben wir gar nichts; nur die Einwanderung in bestimmte Distrikte führt zu großen Nebeln. Wenn die Londoner Judenschaft über die ganze Stadt verbreitet wäre, statt zum größten Teil in einem einzigen Stadtteil zusammengepfercht zu sein, würde man sie kaum merken. Und noch weniger, wenn sie aus das ganze Land verteilt