Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- Seite 495 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 31. Israelitische Wochenschrift. Seite 495. an den Kutscher und hieß ihn die Pferde ausspannen, wobei Leeb selbst behilflich war und sorgfältig den Flitterkram von den Pferdegeschirren entfernte; denn in drei Jahren, meinte Leeb, wenn es Gottes Wille ist, wird ja alles wieder gebraucht werden. Der Wagen blieb, einem Herkommen gemäß, vor dem Beth-Hamidrasch stehen, und Leeb hielt die Ehrenwache. Vergnügt über den Verlaus des Festzuges schritt Leeb aus und ab; von dem kleinen Zwischenfall abgesehen, hatte ja alles prächtig geklappt. Das aber war sein Verdienst, denn sein war das ganze Arrangement. Leeb war ja vier Wochen Soldat gewesen. Er hatte zwar nicht mit der Waffe zu thun, denn während seiner Dienstzeit lag er krank im Hospital. Dennoch brüstete er sich immer mit seinen militärischen Kenntnissen. Seine Zuverlässigkeit war bekannt; deshalb vertraute man ihm auch die Wache über den sestgeschmückten Wagen . an. Bei solchen festlichen Anlässen ist die übermütige Jugend immer mit allerlei losen Streichen zur Hand, und darum war Leeb der geeignete Mann, Unfug zu verhüten. Der Schammes brachte ihm ein Stück Kuchen und eine Kanne perlenden Weins. Leeb trank selten Wein, er war zu aufregend für seine empfindsame Natur, wie er sagte. Doch an solchem wichtigen Tag wollte er diesen Göttertrank nicht verschmähen. Er stürzte die Kanne Wein hastig hinunter und ließ sich den prächtigen Kuchen trefflich schmecken. Der Schammes hatte sich entfernt und Leeb war sich wieder allein überlassen. Der Wein hatte rasch seine Wirkung gethan, alles drehte sich um Leeb, er fühlte eine Müdigkeit in den Gliedern; teils war es der Wein, teils die Aufregung des Tages, die diesen Zustand bei ihm heroorriesen. Leeb stellte die Sense in eine Ecke und ließ sich auf der Erde nieder. Anfangs kämpfte er mit sich, um nicht einzuschlafen, doch unbekümmert um das, was nun werden sollte, schloß er die müden Lider und streckte fich der Länge nach aus.- Im Beth-Hamidrasch ging es recht lebhaft zu, ein Toast nach dem andern wurde ausgebracht, man ließ einander „hoch leben". Zum Schluß hatte man sich des treuen Wächters Leeb erinnert, und man schickte den Schammes hinunter zu ihm, um ihn auf einige Zeit abzulösen. Bestürzt kehrte der Schammes zurück, denn er hatte weder den Wagen noch Leeb unten angetroffen, beide waren verschwunden, Das war nun das Zeichen zum Aufbruch. Der Morgen graute bereits und eine kühle Herbstluft wehte den Chewre-Männern entgegen. Man durchsuchte alle Höfe nach dem Wagen, doch dieser blieb verschwunden. Man schickte in die Wohnung Leebs, doch auch von diesem war keine Spur zu finden. Die Männer hatten sich indes zur Ruhe begeben, um ihre erregten Gemüter zu besänftigen. Am anderen Tage, es war schon gegen Mittag, der „Gabbe" rieb sich noch die verschlafenen Augen, hielt ein sonderbares Gefährt vor dessen Haus. Es war der Wasserwagen der Gemeinde, aber jeden Schmucks entledigt. — Ein Ochsengespann führte den Wagen, den Landleute morgens am Felde stehend gefunden. „Doch wo war Leeb geblieben?" fragte sich der Gabbe. Er begab sich eiligst zu einem Chewre- Mitglied, um die wunderbare Wiederkehr des Wagens zur Kenntnis zu bringen, und über den Verbleib Leebs Erkundigung einzuziehen. Niemand wußte Rat. wo man Leeb suchen könnte; man nahm an, daß er über Feld gegangen, denn Leeb war ein großer Naturfreund und seine freien Stunden verbrachte er gern im Freien. Diesmal hatte man sich aber in Leeb gründlich getäuscht, er saß nicht im Grünen, er weilte nicht in Gottes freier Natur, er schnarchte tief in der Hinterftube des Gabbe, wohin ihn die berüchtigten Gemeindespaßvögel gebracht, während der Herr Vorsteher aus Leeb toastete. — Der Gabbe war indes von seiner Forschungsreise zurückgekehrt und wollte in die Hinterstube, wo seine Bibliothek war und die „Sesorim" aufgestapelt lagen. Da machte ihn ein kräftiges Schnarchen stutzig — er erschrak im Augenblick, dann faßte er sich ein Herz und erleuchtete die dunkle Stube. Er blieb wie erstarrt stehen, als er einen Mann mit rotem Bart in seinem langen Schabbesrock aus dem Sopha liegen sah. Die Züge kamen ihm so bekannt vor, aber der rote Bart stimmte nicht. „Mensch, steht aus, wer seid Ihr?" rief der Gabbe entsetzt. Der Mann rührte sich aber nicht und ließ sich durch nichts stören. Darob ärgerlich rüttelte ihn der Gabbe heftig, bis der Schläfer endlich sich zu regen begann und sich ausrichtete. Als der Fremde langsam zu fich kam, machte er verwunderte Augen,' denn die Umgebung kam ihm unbekannt vor. Der Gabbe erkannte Leeb sogleich an seinen Bewegungen und an seiner Stimme, da er wiederholt Verwünschungen ausstieß. „Leeb, wie kommst du denn in meinen Schabbesrock und aus mein Sopha?" schrie ihn der Gabbe an. Der Mann war indes ausgestanden und ins andere Zimmer geeilt, wo sein Blick zufällig in einen Spiegel fiel; er erschrak, als er sich mit dem roten Bart sah, und erwiderte dem Gabbe: „Daß Ihr der Gabbe seid, seh ich, aber daß ich Leeb sein soll, will mir nicht einleuchten". Der Gabbe hatte Leeb den Bart abgenommen und führte ihn abermals zum Spiegel, „nun, glaubst du jetzt, daß du „Leeb Haas" bist"? Das war aber für Leeb zuviel, der Gabbe hatte ihn bei seinem Spottnamen gerufen, darob war Leeb wütend und eilte aus dem Haus des Gabbe, diesem den roten Bart zurücklassend. Seit jenem Tag sind viele Jahre verflossen, man mußte sich nach einem anderen „Malach-Hamowes" umsehen, denn Leeb hatte der „Chewre-Kadischah" seine Dienste gekündigt, weil ihn der Gabbe so tief beleidigt. Leeb nahm sich dies so zu Herzen, daß er seit jenem Tag zum Trotz der Chewre- Kadischah Humorist und Vortänzer wurde und keine Leichenbittermiene mehr machte. Er beteiligte sich nachher nur mehr bei fröhlichen Familienfesten, wo er mit der Schellenkappe die Majestät des Todes vergessen machte. Gesonnte Kflftccs Uh_ _^ ln Preislagen von Mk. 1,180, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per »/* Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Max Schäffer in Berlin.