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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · p. Seite 207

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 207 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 13. Israelitische Wochenschrift. Seite 207. von Babylon aus gebracht war. Auf Grund von Halevy's „DoroLh Harischonim" erzählte er die Geschichte der vier von Piraten gefangenen babylonischen Gelehrten: Schmarja, der nach Aegypten verkauft wurde, Uschiel, der nach Kairnen kam. Mosche und Chanoch, die nach Cordova gelangten. Von den letztgenannten wurde die Blüte der Talmudgelehrsamkeit in Spanien begründet, und dem vor etwa 1000 Jahren stattgehabten Uebersall des maurischen Admirals ist die Größe der Verdienste, die sich die spanischen Juden auch in weltlichen Wissenschaften und Politik erworben, in letzter Linie zuzuschreiben. — Der Vortrag fand vielen Beifall. — Am 13. März sprach an Stelle des verhinderten Landrabbiners Dr. Prager-Kassel Herr Prof. Dr. Sulzbach von hier über den Fettmilch'schen Aufstand in Frankfurt a. M. Im Jahr 1612 empörten sich die Gewerke gegen den Rat, ihre Anführer waren der Lebküchler Vincenz Fettmilch und die Schneider Conrad Schopp und Conrad Gerngroß. Zugleich war es auf die Juden abgesehen, deren Ausweisung sie verlangten. Einmal gelang es den kaiserlichen Kommissaren, den Sturm aus die Judengasse abzuwenden. 1614 aber wurde es ernst. Weil einige Handwerksgesellen aus der Stadt gewiesen werden sollten, ging es gegen die Juden los! Am 22./31. August 1614 Nachmittags 5 Uhr wurde au die Pforten geklopft. Alles sammelte sich aus dem Friedhof, um zu weinen und zu beten, Nachts erfolgte der Sturm. Es gab Verwundete aus beiden Seiten, die Rotte hatte die Ueberhand, bis Nachts wurde geplündert. Am anderen Tag erschienen die Bürger unter Anführung des Bürgermeisters, woraus sich die Ausrührer zurückzogen. Allein in der folgenden Nacht gings wieder los. Fettmilch entbot die Juden auf den Friedhof und befahl ihnen, aus der Stadt zu gehen. Indem öffnete sich eine kleine Pforte, 1380 Personen zogen auss Fischerfeld, von da in Kähnen nach Hanau u. a. O., wo man sie freundlich ausnahm. Auch die ehrbaren Bürger Frankfurts hatten Mitleid mit den Opfern btt Aufrührer, die das Regiment in Händen hatten. Indessen wurde die Gasse weiter geplündert. Kaiser Matthias aber ergriff strenge Maßregeln. Das Jahr daraus wurde den Juden eröffnet, sie könnten wieder nach Frankfurt ziehen, wenn sie wollten. Durch das Los bestimmten die Juden 40 Glaubensgenossen, die nach Frankfurt gingen. Fettmilch wurde samt seinen Genossen verhaftet und ein halbes Jahr in Hast behalten. Am 10. März , 1616 oder 20. Adar, wurden Fettmilch, Schopp und Gerngroß aus das Gerüst geführt und dem Henker übergeben, der ihnen erst die Finger und dann die Köpfe abhieb. Neun andere wurden ausgepeitscht, acht aus der Stadt verwiesen. Die Köpfe wurden aus dem Brückenturm ausgestellt, Fettmilchs Körper aber gevierteilt und seine Gliedmaßen an den vier Seiten der^ Stadt ausgehängt. Sein Haus wurde niedergerissen und durste nie wieder ausgebaut werden; an seiner Stelle wurde eine Schandsäule errichtet. Den Juden aber war gesagt worden, sie sollten sich vor dem Galgenthor (dem späteren Gallusthor) versammeln. Nach der Exekution wurden sie von Soldaten mit Musik eingeholt, wobei ihnen eingeschärft wurde, zu sechs und sechs zu gehen. Die Judengasse wurde feierlich unter kaiserlichen Schutz gestellt, die „Stättigkeit" wurde verlesen, und nun gingen die Juden in ihre Häuser, die allerdings nicht mehr recht bewohnbar aussahen. Der angerichtete Schaden wurde aus ungefähr 180 000 Gulden angeschlagen und auch ersetzt. Dankgebete wurden gehalten, und Abraham ben Elchanan Helen (Wertheimer) verfaßte ein den ganzen Vorgang darstellendes hebräisches Gedicht, das er auch deutsch übersetzte. Die Verhältnisse besserten sich dann etwas, die alte „Stättigkeit" wurde durch eine neue mildere ersetzt, aber der gelbe Ring blieb. Den Bürgern wurde im Bürgereid die Verpflichtung auserlegt, die Juden zu schützen, aber wohl nicht wörtlich befolgt. Erst der Sturm, der Kronen umwarf, brachte auch in Frankfurt das Ende der Stättigkeit. Reaktionen sind nicht ausgeblieben; denn der Fortschritt geht in kleinen Kurven. Aber die letzten Fesseln der Stättigkeit werden auch noch fallen. — (Zu diesem Vortrag ist zu bemerken, daß der 19. Adar aus ewige Zeiten zum Fasttag, der 20. zum Purim eingesetzt wurde, und zwar auch im Schaltjahr im I. Adar, obgleich 1616 (5376) ein gewöhnliches Jahr war. Die Melodie, die die einholenden Trommler und Pfeifer spielten, wird heute noch am Frankfurter Purim zu ]HN, bezw. dem ttf'Hp mtccn gesungen'). Der Sage nach ist ein jüdischer Musiker, die Geige spielend, vor den Juden hergezogen; dessen Nachkommen führen noch heute den Zunamen Geiger.) Bonn, 24. März. (Tod des Rabbiners Dr. Falk Cohn.) Nach beinahe zwanzigjähriger Amtsthätigkeit in unserer Stadt ist Rabbiner Dr. Falk Cohn im Alter von siebenundsechzig Jahren gestorben. Sein ganzes Leben war den Armen und Bedrängten gewidmet, er war allezeit bemüht, ihre materielle Lage zu bessern und ihren Bildungsstand zu heben. Besonders verdient machte er sich durch die Unterstützung armer jüdischer Jünglinge, deren Begabung wissenschaftliche 'Ausbildung erheischte. Dr. Cohn hat dahin gewirkt, daß die hebräische Sprache als Unterrichtsgegenstand für die jüdischen Schüler des Bonner Gymnasiums eingesührt wurde und hat diesen Unterricht selbst erteilt. Zu seiner Beerdigung waren außer den Spitzen der städtischen und Universitätsbehörden dieRabbinen der benachbarten Gemeinden erschienen. Dr. Frank und Dc. Rosenthal aus Köln, Dr. David aus Düsseldorf, Dr. Rülf-Bonn und der Lehrer der jüdischen Schule Herr Baum haben die Trauerreden gehalten. Wien, 27. März. (Lesehalle.) Der jüdische Volksverein errichtet in seinen Räumen Leopoldsgasse 49 eine jüdische Lesehalle, die unentgeltlich zugängig sein soll. Amsterdam, 22. März. (Vorsorge für jüdische Patienten in öffentlichen Hospitälern.) Die Königin- Mutter von Holland hat kürzlich eine Lungenheilstätte in Oranje-Nassau-Oord errichten lassen. Die Rabbincn der verschiedenen Konsistorien Hollands haben darauf der Königin Emma ein Gesuch unterbreitet, das für die jüdischen Patienten dieser Heilstätte die Einrichtung einer koscheren Küche und die Hergabe eines Raumes für jüdischen Gottesdienst erbittet. Die Königin hat dem Vorstand des Sanatoriums das Memorandum der Rabbinen mit der Weisung übermittelt, den darin niedergelegten Wünschen in weitestem Sinn Rechnung zu tragen. Den neu zu eröffnenden Volks-Sanatorien haben die Oberrabbiner dieselben Wünsche unterbreitet und bereits die ') Siehe nbnp v-qi S. 423 und S. 439.

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