Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 158 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605303--8088-9605325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 158. Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. aus einer der ältesten und edelsten Familien des Landes stammte. Der stolze, prachtliebende Graf führte ein großes und glänzendes Haus, und das stimmte wohl zum Klang seines Namens, aber nicht zum Stande feines Vermögens. Seine Finanzen waren durch und durch zerrüttet und er sah mit Unruhe in die Zukunft. Unter solchen Umständen hatte der Graf an eine Verbindung zwischen seinem ältesten Sohne und der Tochter von Diego d'Almora gedacht; denn diese Verbindung konnte allein den Glanz seines Hauses wieder Herstellen. Aber zum großen Erstaunen des Grasen hatte Diego d'Almora, statt mit freudiger Dankbarkeit einzuschlagen, aus das so schmeichelhafte Anerbieten unbestimmt und ausweichend geantwortet, und seine Antwort sah einer Ablehnung sehr ähnlich. Der rachsüchtige und jähzornige Gras sah sich in seinen Hoffnungen getäuscht, in seinem Stolz gedemütigt. Er hatte geglaubt, einem einfachen Hidalgo dadurch, daß er ihm eine Verbindung mit seiner Familie antrage, die größte Ehre anzuthun. Deshalb warf er einen heftigen Haß aus Diego d'Almora und schwur, den ihm zugefügten Schimpf blutig zu rächen. In der ersten Aufregung hatte er daran gedacht, ihn als der Ketzerei dringend verdächtig bei der Inquisition zu denunzieren. Nichts war leichter als das, zwei Zeugen, deren Namen während des Prozesses niemals genannt wurden, genügten, einen Menschen in die Gefängnisse des heiligen Gerichts zu bringen, und war er einmal da, so kam er selten wieder lebendig heraus.'" Die höllischen Folterqualen, denen man die Angeklagten unterwarf, ließen sie alles eingeftehen, was man von ihnen verlangte, und wenn einer der Unglücklichen die übermenschliche Kraft hatte, diesen Martern zu widerstehen, so war er erst recht verloren; er wurde als unbußfertiger und hartnäckiger Ketzer verurteilt. Das Vermögen Diegos war übrigens an sich ein genügender Grund, ihn den Verfolgungen der Inquisition auszusetzen. Viele der Unglücklichen, die in den Gefängnissen oder auf den Scheiterhaufen starben, hatten kein anderes Verbrechen begangen als das, daß sie reich waren; denn das heilige Offizium konfiszirte in seinem Interesse alle Güter der Schlachtopfer, deren Nachkommen entehrt, für infam erklärt und unfähig, irgend ein öffentliches Amt zu bekleiden, dem äußersten Elend und der Verzweiflung nahe gebracht wurden. Jedoch das wollte der Gras nicht; er hatte noch nicht ganz auf die Hoffnung verzichtet, trotzdem die gewünschte Verbindung herbeizusühren. Diego hatte formell seinen Antrag noch nicht zurückgewiesen, nichts bestätigte die Gerüchte über die Ehe Fernandos mit Juanita. Der Graf war also entschlossen, eine günstige Gelegenheit abzuwarten und seinen Antrag aus andere Weise nochmals vorzubringen. Übrigens entging ihm die Rache nicht, er konnte sie später noch täglich ausüben. 3. Diego d'Almora bewohnte mit seiner Tochter eines der unscheinbarsten Häuser von Saragossa; Fernando, ein einziger Bedienter und eine Dienstmagd bildeten das ganze Hauspersonal, und außer der Mildthätigkeit gegen die Armen und der Freigebigkeit gegen die Kirchen verriet nichts in seinem Hause den Reichtum, den die Welt ihm zuschrieb; denn er lebte höchst einfach und bescheiden. Einige Tage aber nach der erzählten Unterredung Fernandos mit Mateo gewährte sein sonst so stilles Hans einen belebteren und geräuschvolleren Anblick: die erwarteten Freunde waren angekommen und da sämtliche Gasthäuser der Stadt überfüllt waren, hatten sie die Gastfreundschaft Diego's in Anspruch nehmen müssen. Dieser selbst aber ließ sich in seiner gewohnten Lebensweise nicht stören. So war er denn auch eines Morgens seiner Gewohnheit gemäß mit Juanita zur Promenade in den Garten hinabgegangen. Von Zeit zu Zeit betrachtete er mit glücklichem Stolz die reinen und angenehmen Züge des jungen Mädchens, denen die schwarzen Augen und das üppige, wie Seide glänzende Haar einen eigentümlichen Reiz verliehen. In den Blicken des Vaters lag eine solche Zärtlichkeit und Besorgnis, daß jeder, der ihn ansah, es ahnte, daß er dieses Kind mit doppelter Hingebung liebte. Er mußte ihm die Mutter ersetzen, die Juanita früh verloren; er hatte sie allein erzogen mit all' der Aufopferung, mit all' der Liebe, deren ein Vaterherz fähig ist, wenn sich alle seine Gefühle in einem Wesen vereinen, und Juanita — sie fühlte sich glücklich am Arme ihres Vaters, den sie wahrhaft verehrte und anbetete. Für sie war er der erhabenste Ausdruck aller Tugenden und Vollkommenheiten; sie war stolz daraus, ihm anzugehören, und ihre Hochachtung für ihn war ohne Grenzen, ebenso wie die rührenden Herzensergüsse, mit denen sie ihm immerfort ihre Liebe zu erkennen gab. Aber heute lag noch etwas Durchdringenderes, als gewöhnlich, in Diego's Blicken, wenn er seine Tochter ansah, noch ein zärtlicherer Ausdruck in seiner Stimme, wenn er mit ihr sprach. Eine unerklärliche Unruhe erregte sein ganzes Wesen, und je länger er schweigend und in ernste Gedanken versunken dahinschritt, als ob er die Anwesenheit seiner Juanila gar nicht merke, deftomehr überhäufte er sie mit Liebkosungen; oft hielt er plötzlich in der Promenade inne und wandte sich zu seiner Tochter, als wollte er mit ihr sprechen, aber er schwieg, denn ein neuer Gedanke schien seine Worte aus den Lippen zurückzuhalten. Juanita bemerkte die Aufregung ihres Vaters und fühlte sich dadurch ebenfalls beängstigt. Hundertmal war sie im Begriff, ihn zu fragen, was er habe, und immer vermochte sie, von einer unbesiegbaren Macht zurückgehalten, kein Wort hervorzubringen. Diego war heute schnell müde geworden, denn, nachdem er einigemal die alte Akazien-Allee durchschritten hatte, stand er wiederum still. „Gehen wir hinein", sagte er zu Juanita, „gehen wir hinein, mein Kind, ich fühle mich außerordentlich ermüdet; übrigens muß ich dich sprechen, und was ich dir zu sagen habe, läßt sich besser im Zimmer als hier im Garten abmachen." Wenn Diego ohne Zeugen mit seiner Tochter sprechen wollte, so waren die Umstände dazu gerade jetzt sehr günstig; oder vielmehr er hatte selber diese Umstände herbeizuführen gewußt. Fernando war mit den in Saragosso angekommenen 5. / -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.