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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. Seite 127

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 127 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 8. Israelitische Wochenschrift. Seite 127. Jubal mit seinen Söhnen ward frei. Die Bürger von Damaskus, denen manch einem ehemals Jubal Gutes gethan und geholfen, und die es wurmte, sich von einem so bösen Weib wie die Statthalterin tyrannisieren zu lassen, denn der Statthalter galt nichts, gar nichts, der war nur der Mann seiner Frau, die guten Bürger von Damaskus also hatten es durchgesetzt, daß die Sache des in tiefen Kerkerkellern schmachtenden Jubal und Genossen vor dem öffentlichen Gerichtshof des Volks kam, und nach Prozessieren, Appellieren und Reklamieren, sogar gehörigem Skandalieren die Schuldlosigkeit des armen Juden von ehrlichen, guten Männern bezeugt und bewiesen wurde. Da man nun damals bei diesen unkultivierten Völkern in gerichtlichen Entscheidungen keineswegs preußisch korrekt den Instanzenweg einhielt, so dauerten Voruntersuchungen. Untersuchungen, Gerichtssitzungen, Urteilspruch und endliche Freilassung der Angeklagten auch nicht länger wie heut, und vivat Justitia, nach drei Jahren öffneten sich Jubal und seinen Söhnen die Thore des Gefängnisses. Sie waren frei. Darauf geschah etwas Großes, Unglaubliches, was sich freilich in unfern aus der Blüte der Kultur stehenden und an der Spitze der Zivilisation marschierenden modernen Reichen nie und nimmer zuzutragen pflegt. — Aus dem öffentlichen Staatsschatz erhielt Jubal allen Schaden, den ihm der Brand seines Hauses und die Plünderung durch die syrischen Trabanten verursacht, reichlich ersetzt. Wer nicht will, braucht es mir ja nicht zu glauben, dafür erzähle ich ja ein Märchen. Man war eben damals noch nicht so human und sein gebildet wie heut, wo man denjenigen, der ungeschickt genug, nichts begangen, wofür ihn menschlicher Irrtum und kurzsichtige Unzulänglichkeit hinter Schloß und Riegel büßen ließ, wie einen, mit Verlaub zu sagen, getretenen Hund achselzuckend wieder lausen heißt: „He, du thust mir leid, aber ich geb dir nichts dazu. Marsch, troll dich weiter". „Onkel Berg, dich werden sie wohl auch noch mal einsperren". „Ach, thäten sie es doch, mein Junge. Aber leider, leider über solch kleines Gewürm wie unsereins im Dichterwalde steht der weise Wächter nichtachtend hinweg — mit der gleichen heilsamen Reklame (Haft in Plötzensee, Bücher- und Dramenverbote) werden halt nur die ganz großen Tiere gefüttert. Changeons le theme . . Wie schon erwähnt, Jubal durfte sich gratulieren, daß er nicht in unserm Zeitalter lebte. So ward er allmählich instand gesetzt, seinem Gewerbe nachzugehen, sein Haus wieder aufzubauen und nach langer schmerzlicher Trennung sich sein Weib und sein liebes, kleines Mädchen wieder heimzuholen. Doch auch dies war kein Freudentag für das so lange Freude darbende Ehepaar. Denn drinnen in dem neuen Haus, aus weichen kostbaren Fellen ruhte die kleine Kleo, krank und matt, wie ein unflügges Vögelein von böser Bubenhand mit schwerem Stein getroffen, und am Kopfende ihres Lagers saß, niemandem sichtbar, doch allen fühlbar durch seinen eisigen Hauch, der das Böcklein, das Kätzlein, das Feuer, das Wasser, den Ochsen und den Schlächter bezwingt, der Engel des Todes. Schweigend, thränenlos hielt Abigail das erkaltende Händchen ihres Lieblings. Nicht mehr das sonnenschöne Häßlichkeit ihr teuer, ja teurer wie je. Nur eine verschwindend kurze Frist noch und sie sollte es hergeben für immer. Da zupfte sie etwas am Kleid, es war ihr jüngster Sohn, der bat gar herzbewegend und innig: „Mutter lieb, komm einmal heraus, ich Hab dir wichtiges zu sagen". Und wie sich der Knabe nicht abweisen ließ und nicht aushörte zu bitten und zu quälen, folgte sie ihm und wollte schelten, daß er die Ruhe des sterbenden Schwesterleins störe. Er aber versicherte gar ernsthaft und bedeutungsvoll: „Mutter lieb, ich weiß etwas, das kann Helsen. Wir wollen ihr einen andern Namen geben, da irrt sich der Tod und glaubt, es sei ein anderes Kind". „Einen anderen Namen? wo nehme ich jetzt einen glückbringenden her?" und dunkel regte es sich in ihrem Erinnern. „Noemi, Noemi, wer hieß doch so?" Nun fiel es ihr ein, es war der Name der früh verstorbenen Mutter ihr Mannes. „Noemi, Noemi", murmelte die arme Abigail, „o wie verblendet war ich; vielleicht hätte dieser Name, der das Andenken einer guten, frommen Frau ehrte, meinem Kinde ein glücklicheres Los gebracht". „Noemi, Noemi, das will ich mir merken", sagte der Knabe, faßte seine Mutter an der Hand und zog sie hinein, an das Bett der Kranken. „So rufe sie doch", mahnte er leise. Und gerührt von der frommen Einfalt des Knaben, überwältigt von ihrem eigenen Schmerz, flüsterte sie: „Noemi, mein Kind!" Heiße, glühende Thränen, so heiß, wie sie nur aus dem Herzen einer armen, gequälten Mutter in die Augen steigen, fielen aus der Kleinen Angesicht und Brust, ganz leise, fast unmerklich regte sich noch der zarte Odem. Und wieder hauchte Abigail: „Noemi, mein Kind, lebe!" Da stutzte der Engel. War denn hier ein anderes Kind? Der Knabe aber, der die sanften, leisen Laute Abigails nicht vernommen, und dessen eigenwilliges Köpfchen es verdroß, daß ihm die Mutter nicht schnell genug gehorchte, rief hellen, starken Tons: „Schwester Noemi, stehe aus zu voller Gesundheit mit Gottes Hilfe". Abermals stutzte der Engel: „Noemi, Noemi?" Nicht doch, eine kleine Kleo sollte er holen, so stand es in seinem Buch verzeichnet, und selbst er darf nicht ungehorsam sein, noch Ungehöriges begehen. Er bekam ordentlich Furcht vor dieser hellen, lebendigen Stimme, die wieder und immer wieder nach Noemi ries, und schließlich erhob er die mächtigen Schwingen und floh zum Fenster hinaus, dieweil er hier nichts mehr zu suchen hatte. Da wich das Fieber und alles Böse von dannen, die kleine Nor-mi atmete tief, lächelte und öffnete die Augen. Püppchen von einst, aber auch In der Nacht, die diesem denkwürdigen Tage folgte,'hatte Abigail ein seltsames Traumgesicht. Noemi, die Ahne ihres Kindes, erschien ihr, und Abigail demütigte sich vor ihr und beugte sich tief. Die Traumgestalt aber sprach mit sanftem Lächeln: Ich habe dir nichts zu verzeihen, lerne du es jetzt, dir selbst zu vergeben und wieder glücklich zu werden. Und damit du die lange und schwere Bußzeil freier und fröhlicher vergessen magst, will ich dir die Erfüllung eines Herzenswunsches gewähren. Merke aus: Vor deinem Fenster im Garten wächst ein Pflänzlein in großer Zahl, langstenglich mit krausen Blättern und weißer Blumensternenkrone, — seiner entstellendenMBerusskräutlein ist es genannt. Das sammle in einem großen

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