Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- Seite 63 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Israelitische Wochenschrift. Seite 63.\^ yrend der ersten Zeit seiner Wirksamkeit vorgeherrscht 'war merklich herabgestimmt. Der Schreiber dieser Erzählung will trotz seines Standes streng unparteiisch sein, und so muß denn ausgesprochen werden, daß die Gemeinde im Recht war. Denn erstlich ermangelten die Predigten des Herrn Reverend des früheren hinreißenden Schwunges und der Ueßenden Diktion, und zum zweiten ließ die Gesundheit des ^errn Sternfield, so hieß der Beamte, viel zu wünschen übrig, ^daß häufig Stellvertreter, Laien zumeist, mit ihren nicht rade musterhaften Leistungen die Geduld der Gemeinde aus recht harte Probe stellten. Die Misere der jüdischen, von der Gemeinde abhängigen ^Lehrer, besonders in kleinen Gemeinden, ist allbekannt, weniger jjedM, daß viele Rabbiner sehr oft mit Fug und Recht dasselbe Liedlein singen können; thun sie es nicht, so muß es ihre größere Geduld und Nachsicht mit der menschlichen ^äche sein, die sie Leid und Kränkung geduldig ertragen Jedenfalls benötigt ein jüdischer Gemeindebeamter mehr anderer Sterblicher der Sanftmut der Tauben, der fit der Schlangen und der Talente eines gewiegten Diplo- Ium das Schifflein seines Amtes ungefährdet durch die ki Klippen und Strudel des jüdischen Gemeindewesens jzulenken. dieser Abschweifung wollen wir sortfahren. Reverend saß eines Feiertags morgens um 7 Uhr Studierzimmer und überlegte die Schlußwendungen ^rgigen Sabbatrede. Er sprach immer ganz frei, Weniger aus eigener Neigung, als um dem Wunsch ^ides nachzukommen, der der Meinung war, daß ^ner ein geborener Demosthenes sei, dem der Born Lschöpflicher Fülle sprudeln, und an dessen Ge- 'man die Forderung absoluter Zuverlässigkeit ite. Der Herr Reverend saß also in seinem Lehnßem Schreibtisch zurückgelehnt und zur Decke empor- ^chte er, seine Gedanken zu ordnen, ein großer, etwas hagerer Mann mit offenem, Icht. Er war nicht viel älter als 35 Jahre, aber sich inmitten seines dunklen leichtgelockten Haares he Helle, und an den Schläfen lag ein grauer «ie gewisse Müdigkeit sprach aus dem Ausdruck ^urz. er sah aus wie ein Mann, auf dem die kft.' des Amtes gar schwär lastete und dem ^tche Erholung sehr nötig gewesen wäre, herein, Sckatz", sagte er, als er ein wohlan an der Thür vernahm, und sein Gesicht der willkommenen Störung. Lieb, ein Brief von Tante Ray!" Ln Brief und sein Gesicht umdüsterte sich sah ihm beim Lesen über die Schulter, ^sahen sie einander eine Weile betroffen an. ^aZj^^sie ratlos. ^mit Nachdruck. morgen vertreten?" Sabbat geschehen, rien. Und du Lnicht einverstanden sind. Sie wollen ihren bezahlten Beamten hören. Uebrigens bist du der festen Meinung, daß ich reisen muß?" Sie seufzte und fing an nachzudenken, wobei sie die Stirn in die niedlichsten Falten zog. Sie schien nicht viel älter als 18 Jahre, dieses schlanke, hübsche Weibchen mit ihrer breiten niedrigen Stirn und dem von dunklem Haar umgebenen Köpfchen, das während der kurzen Ehe schon oft Beweise richtigen Urteils in häuslichen und amtlicben Angelegenheiten gegeben hatte. Dann schmiegte sie sich an ihren Gatten und sagte kurz und entschieden: „Ja, meine Meinung ist, daß du in deinem eigenen Interesse reisen mußt. Es ist ja sehr ärgerlich, daß der Brief heute und nicht im Laus der Woche eingetroffen ist; dennoch wählst du das kleinere Uebel, wenn du reisest". „Aber darf mein persönliches Interesse meine Berufspfltchten zurückdrängen?" Die hübsche Frau errötete. „Allerdings nicht, aber es steht sehr viel für dich auf dem Spiel." „Weißt du mir denn gar nicht anders zu raten?" „Nein, lieber Mann, du mußt dich wieder durch Herrn Delvin vertreten lassen — so gut oder so schlecht, wie er eben kann. Ich gehe zu ihm und bitte ihn recht dringend, und ich weiß, nach einigem Sträuben wird er einwilligen. Dann gehe ich zu den Vorstehern und zu einigen angesehenen Gemeindemitgliedern und entschuldige dich unter Darlegung der zwilWenden Notwendigkeit, die deine Reise veranlaßte. Eine Vergrößerung unseres Einkommens um 500 Dollars Rente würde dir unter den jetzigen Verhältnissen gut thun, mein armes Herz" — und sie seufzte wieder —. Die Sache verhielt sich nämlich folgendermaaßen: Unser Reverend war einer der jüngeren Neffen einer jungfräulichen Tante, die in einem kleinen weltverlorenen Landstädtchen hauste. Sie stand schon im hohen Alter, war sehr launisch, hatte aber ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Der ältere Neffe war lange Zeit ihr Liebling und der bestimmte Erbe gewesen. Er hatte auf die guten Aussichten hin schon wacker Schulden gemacht und seine Gläubiger aus die Erbtante verwiesen. Vor einem Jahr hatte sich aber der Unglückliche zu einigen abfälligen Bemerkungen über die Langlebigkeit der allen Dame hinreißen lassen, geschäftige Zungen hatten es der Tante brühwarm gemeldet, und der jüngere Neffe, unser Sternfield war benachrichtigt worden, daß er sich als alleinigen Erben ihres Besitzes betrachten könne. Er hatte eben geheiratet, und diese willkommene Nachricht hatte in dem jungen Haushalt eitel Jubel und Wonne hervorgerusen. — Und nun war eine weitere Nachricht gekommen, die Aufforderung an den Erben, unverzüglich zu der Tante zu eilen, die gefährlich erkrankt war und ihr Ende erwartete. Sowohl der Gatte wie die Gattin lasen aus dem Brief heraus, daß noch immer Zeit genug dazu wäre, das Testament umzustoßen, und daß sehr viel von dem unbedingten Gehorsam des Erben abhinge, um das Testament in der jetzigen Fassung zu belassen. Es gab keinen anderen Rat, der Reverend mußte reisen, und Grace hatte ihn mit ihrem gewandten praktischen Beistand bald reisefertig gemacht. Sie sah im Fahrplan nach