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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. Seite 52

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
Seite 52 (sequence 8)
Language
German
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Seite 52. Israelitische Wochenschrift. Nr. 4 in den wiedergegebenen Ausführungen des Herrn Geheimrat Jäger nur ein „Sentiment" ausgedrückt und nicht der leiseste Versuch eines Nachweises gemacht, weshalb die jüdischen Schüler, die „mit sich selbst und dadurch auch mit ihrer Klaffe Ehre eingelegt oder etnzulegen vorzugsweise beigetragen haben", mehr als andere Schüler auf geringere Wurzeltiefe des Erlernten anzusprechen waren. In der „Befürchtung" des Herrn Geheimrat Jäger wollen wir gern den Ausdruck besonderer Anteilnahme sehen, der übrigens — wegen des hervorgehobenen Fehlens jeder Begründung — ohne jeden belehrenden Wert ist. * * (Ist das christlich?) Ein Dresdner Blatt erzählt, daß in einem dortigen Geschäft eine Bestimmung getroffen sei, nach der die Verkäuferinnen mit 50 Ps. Strafe gebüßt werden, wenn es ihnen nicht gelingt, einen Geschäftsbesucher, der sich einen Gegenstand angesehen hat, zum Ankauf zu überreden. Die „Deutsche Handelswacht", die solche Geschäftspraxis mit Recht verwerflich nennt, bedauert, daß das Dresdner Blatt das betreffende Geschäft nicht genannt hat. Die antisemitischagrarische „Deutsche Tageszeitung" übernimmt die Erzählung, versieht sie mit der Ueberschrist „jüdische Geschäftspraktiken", und fügt hinzu: „christliche Geschäftsleute würden aus eine solche Praxis nicht verfallen. Daß unter solchen Umständen der Absatz in den jüdischen Geschäften gehoben wird, ist selbstverständlich". Wir wissen natürlich nicht, ob das Dresdner Blatt die Wahrheit berichtet oder geflunkert hat. Wir sehen aber, daß die „Deutsche Tageszeitung" ohne Weiteres das in keiner Weise benannte Geschäft als jüdisches Geschäft bezeichnet, und die verwerfliche Praxis eine jüdische Praxis nennt. In Wirklichkeit ist die Praxis überaus tadelnswert und somit unjüdisch. Wir wissen, daß sie deshalb auch unchristlich ist. Ist es nun christlich, wenn ein Blatt etwas, das unchristlich ist, jüdisch nennt? Nein, auch das ist nicht christlich — aber antisemitisch ist es, echt antisemitisch. Das Verbreche« min Könitz. Die Aufsindung der Kleider des Gymnasiasten Winter ist eine so offenbare Desavouierung aller von antisemitischer Seite in dieser Angelegenheit ausgehenden Verleumdungen, daß sie die „Staatsbürgerzeitung" zwingt, zu ihrem Spezialrenegaten, ihrem jüdischen Redaktions - Schufterle Zuflucht zu nehmen und von diesem sich Hilfe zu erbitten. Die Hilfe ist auch nicht ausgeblieben, wie nachstehende Mitteilung des genannten Blattes zeigt: „Eines interessanten Umstandes, der zwar nicht unmittelbar mit der Angelegenheit in Zusammenhang steht, wohl aber geeignet ist, ein bemerkenswertes Licht auf sie zu werfen, wollen wir hier noch gedenken. Als die Mitteilung von dem ersten Kleiderfunde bekannt geworden war, schrieb uns ein Jude, der sichlschon mehrfach mit schriftlichen Auseinandersetzungen an uns gewandt hat und auf dem Standpunkt steht, daß die Thäter in jüdischen Kreisen zu suchen seien, wörtlich: „Von Seiten der Chassidim (nach seiner Ansicht die jüdische Sekte, die dem Blutmord huldigt) ist das Erscheinen von Rock und Weste in Szene gesetzt, die Hosen, sowie weitere Bilder (soll wohl heißen: Kleider) folgen". Thatsächlich wurden dann die Beinkleider im Logengarten und der Ueberzieher jetzt auf dem Mädchenschulhof gesunden. Der Mann kennt also seine Leute! Er schrieb dann noch weiter: „Die Unverschämtheit, wie es gemacht wurde, ist tiefer durchdacht. Der naive Christ wird sich sagen: Ein Jude Hat kein Interesse daran, auf ffolche Weise Oel ins Feuer zu gießen, der würde sich hüten. Also mußte es ein Crist und wahrscheinlich ein Antisemit sein . . ." Und der Mann hat auch hierin Recht. Wir haben ja die frechen Beschuldigungen von jüdischer Seite gehört und sehen ja auch, wie viel „name" Christen es leider giebt!" Die hübsche Ausflucht zeigt, daß der Mörder Winters einen „rollenwidrigen Seitensprung" gemacht hat, als er im Vertrauen auf seine antisemitischen Schützer und Komplizen die Behörden durch Ausstreuung der Kleider des Ermordeten zu verhöhnen wagte. Auch die „Kreuzzeitung" beschäftigt sich mit den merkwürdigen Kleidersunden. Sie schreibt darüber: „Daß in Könitz vor kurzem die ganze Kleidung des ermordeten Gymnasiasten Winter in völlig unerwarteter Weise wieder zum Vorschein gekommen ist, scheint dazu angethan, die Hoffnung auf Entdeckung der Schuldigen neu zu beleben, und darf insofern als ein erfreuliches Ereignis gelten. Ganz unbegreiflich ist es jedoch, wie jüdisch-liberale Blätter dazu kommen, die Sache so aufzufaffen, als ob damit die Nichtbeteiligung von Juden an dem Verbrechen nachgewiesen wäre, und dementsprechend laut zu triumphieren. Die Auffindung der Kleider besagt an und für sich nichts, kann weder entlastend noch belastend wirken. Jetzt kommt alles darauf an, festzustellen, wer die Kleider an den verschiedenen Fundorten niedergelegt hat. Bis dies gelungen ist, bleibt die Sachlage dieselbe, d. h. man kann ebenso gut an Juden denken, wie an Christen. Wir unsererseits sprechen deshalb in diesem Zusammenhang gar keine Vermutungen aus, sondern warten die weitere Entwickelung der Dinge und die Ueberraschungen, die sie uns in dem einen oder anderen Sinn vielleicht bringen, ruhig ab. Daß die Kleider in Könitz sein könnten, hat im großen Publikum schwerlich jemand geglaubt. Die Behörde scheint allerdings diesen Verdacht gehegt und ihre Nachforschungen darnach eingerichtet zu haben. Nur so ist der Vorgang genügend zu erklären. Die Schuldigen'haben sich vor unerwarteten Haussuchungen gefürchtet und sich der Sachen deshalb noch rechtzeitig entledigt. Ist dies etwa ein Beweis, daß es keine Juden sind? Ebenso gut könnte man das Gegenteil glauben. Doch wollen wir uns, wie gesagt, nach dieser Richtung hin jeder Vermutung enthalten, indem wir dabei bleiben, daß bei dieser ^geheimnisvollen Angelegenheit, die von Anfang an an einen Schauerroman erinnert, keiner bloßen Annahme, und sei es die scharfsinnigste, das Wort gebührt, sondern allein den Thatsachen selber. Wenn die Judenpresse klüger wäre, als sie sich hier zeigt, würde sie sich auf den gleichen Standpunkt voller Unparteilichkeit stellen, statt ihre innere Beunruhigung durch völlig verkehrte Schlußfolgerungen, wie die oben erwähnte, zu beweisen. Hätte sie von Anfang an anerkannt, daß „Blutmord" als Ausfluß jüdischen Aberglaubens Vorkommen könne, so brauchte sie jetzt vor immerhin möglichen Enthüllungen nicht zu zittern; denn keinem vernünftigen Menschen würde es in diesem Fall in den Sinn kommen, das Judentum als solches dafür ^verantwortlich zu machen. Wie die Dinge jetzt aber liegen, hätte dasselbe allerdings, wenn auch nur im moralischen Sinn, den Verlust einer lange mit unglaublicher Zähigkeit verteidigten Stellung zu beklagen. Das alles ist ja nur „hypothetisch" gesagt. Die Erfahrung lehrt, das geben wir

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