Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 831 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 831. wegfällt. Eine nicht minder seltsame Erscheinung ist es, daß eben die, die den jüdischen Gottesdienst und das Judentum selbst nicht genug mit christianisierenden Momenten und Einrichtungen füllen können, sich gegen die Uebernahme eines ausgezeichneten äußeren christlichen Brauchs sträuben, die Kirchen für Jedermann, der eintreten mag, offen zu halten und nur eine Minderheit von Plätzen darin zu vermieten. Diesen Brauch wollen wir übernommen wissen. Den finanziellen Einwand würden wir für Berlin als nicht durchgreifend anseheu, selbst wenn die Neueinrichtung mit einem beträchtlichen Einnahmeausfall verknüpft wäre. Ein solcher Einnahmeausfall aber ist, wie wir an dieser Stelle mehrfach dargethan haben, gar nicht zu besorgen. Wenn in unfern -großen Synagogen von 1800 Plätzen 1400 freigegeben und die übrigen -400 (je 200 Männer- und Frauenplätze) vermietet werden, so kann man die Miete auf je 100 Mk. jährlich feststellen, und der Ertrag wird höher sein, als der bisher erzielte. Sogar eine Abstufung im Preis (300, 200, 100 und 60 Mk.) könnte man einführen und dadurch den Ertrag noch steigern, während trotzdem das Prinzip des freien Synagogenbesuchs festgehalten wäre. Den Reichen und Opferwilligen gebe und gönne man verschlossene Synagogenstühle. Das ist um so ratsamer, als nach dem Urteil des obersten Gerichts ein Anspruch auf einen bestimmten Synagogen- (Kirchen-) Platz hinfällig wird, wenn der Berechtigte sich nicht bei Beginn des Gottesdienstes einfindet. Der von dem Repräsentanten Professor Levin gestellte Antrag, in jeder Synagoge etwa 2 bis 400 Stellen unvermietet ru lassen und unentgeltlich abzuaeben. traf den Kern der Sache nicht. Die bezahlten Plätze müssen die Ausnahme bilden, die freien Plätze die Regel. So wird auch kommen. Die Repräsentanz wird sich allmälig an den Gedanken gewöhnen, unser Vorschlag wird über kurz oder lang angenommen werden. Berlin, 27. Dezember. (Vom Rabbinerverband.) Der Ausschuß des Deutschen Rabbinerverbandes hat heute in Berlin getagt, Berichte erstattet und entgegengenommen. — Die Berichte betrafen die Petition wegen Einführung obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts, die Lehrmittel für den Religionsunterricht, die Gründung einer Pensionskasse und die Kommunalbesteuerung der Rabbiner in Preußen. Berlin, 24. Dezember. (Krankenhausgebühren.) Das Krankenhaus der hiesigen jüdischen Gemeinde hat, den? Beispiel anderer Berliner Krankenhäuser folgend, die Kur-Verpfleguugskostensätze vom 1. Januar 1900 ab für in Berlin ansässige Patienten von 2 Mk. auf 2,50 Mk., für auswärtige Patienten von 2,50 Mk. auf 3 Mk. erhöht. Berlin, 24. Dezember. (Festmahl.) Am vorigen Dienstag Abend haben die Mitglieder der Armenkommission, der Fürsorgekommission und der Kommission für Durchreisende in den Sälen des Brüdervereins zu gemeinsamem Mahl sich vereinigt, um den persönlichen Verkehr zwischen den Männern zu fördern, die im Dienst des Wohlthuns auf stetes Zusammenwirken angewiesen sind. Den Vorsitz führte Herr- Martin Simon, der als Mitglied des Gemeindevorstands allen öffentlichen Einrichtungen des Nnterstützungswesens nahesteht und diesem in verdienstlicher Weise seine organisatorische Kraft widmet. Die Herren Martin Simon, Gustav Löwenberg, Bruno Steinitz, Emil Ptneus und Julius Grünwald hielten Ansprachen, die ernst und launig, eindringlich und heiter, in gebundener Rede und in Prosa den Zweck der Zusammenkunft darlegten, die Aufgaben der einzelnen Kommissionen und ihren inneren Zusammenhang mit einander und mit den Vorschriften der Humanität, die überall zugleich Vorschriften der jüdischen Religion sind, beleuchteten. Auch an musikalischen Darbietungen fehlte es nicht, deren Leitung Herr Martin Lefser übernommen hatte. Die prächtige Zeichnung der Tischkarte und der die Carmina enthaltenden Rolle war von Herrn Julius Bodenstein entworfen und ausgeführt. Das Titelbild, besonders ansprechend, zeigt im Mittelgrund eine Frauengestalt — die Armenkommisston — die sich mütterlich der Kinder annimmt, rechts die Figur eines Pfleglings, dessen Antlitz in stummer Beredsamkeit sagt, daß er der Fürsorgekommisston anbesohlen ist, links zwei russische Auswanderer: der Mann mit dem charakteristischen Gepräge jenes östlichen Menschenschlags, den das Gottvertrauen unter allen Umständen ausrecht erhält, das Mädchen von der gleichen Gesinnung getragen, lieber das Ganze fließt aus dem sechsgeeckten Davidsstern mildes Licht. Die Vervielfältigung der schönen Zeichnungen (Goldgravüre) ist bei A. Liebmann (Friedrichstr. 74) bis zur Erschöpfung der Auflage nachgefordert worden. Bei den etwa 80 Teilnehmern des Festes hat die Veranstaltung solchen Anklang gefunden, daß für das kommende Jahr eine Erneuerung unter Einbeziehung aller Gemeindekommisstonen in Aussicht genommen worden ist. Berlin. 25. Dezember. lVon der Adaß-Jsroel-Gemeinde Die Adaß-Jsroel-Gemeinde hat heute eine allgemeine Versammlung ihrer Mitglieder gehalten, in der die Wahl eines Rabbiners durch Zettelabstimmung vorgenommen wurde. Es waren 59 Mitglieder anwesend, von denen 5 unbeschriebene Stimmzettel abgegeben wurden. Ein Stimmzettel lautete auf Herrn Dr. Meyer Hildesheimer, 53 trugen den Namen des Herrn Dr. Esra Munck, der somit zum Rabbiner gewählt ist. Näheres über Herrn Dr. Munck haben wir mitgeteilt, als wir seine bevorstehende Wahl ankündigten. Herr Dr. Meyer Hildesheimer bleibt Prediger der Gemeinde. Jnowrazlaw^ 25. Dezember. (Aus dem Beerdigungsverein.) Der hiesige Beerdigungsverein hat das diesjährige HIEB' '2 besonders feierlich begangen. Die Morgenandacht wurde nach festtäglichem Ritus abgehalten (alle Mitglieder des Vereins beobachteten an diesem Tage strenges Fasten), nach der Andacht begab man sich auf den Friedhof, um dort für die Verstorbenen zu beten. Abends versammelten sich die Vereinsmitglieder im Bethamidrasch, wo Rabbiner Dr. Kohn eine dem Tag angemessene Predigt hielt. Um 8 Uhr fand im Vereinslokal Festtafel für alle Mitglieder und zahlreiche Gäste statt. Der Vorsteher Herr N. Lachmann sprach Worte herzlichen Willkommens. Während der Tafel hielten die Herren Rabbiner Dr. Kohn, Dr. Tietz und Bamberger Ansprachen, Herr Dr. med. Warschauer ließ sich über das Wesen des Vereins vernehmen. Memel, 24. Dezember. (Ans dem Literaturverein.) Am vorigen Donnerstag hielt Herr Leon Scheinhaus in einer zahlreich besuchten Sitzung des Literaturvereins einen Vortrag über „die Vorzeiten der jüdischen Geschichte in Rußland". Der Vor-