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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · p. Seite 772

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
Seite 772 (sequence 4)
Language
German
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Sette 772. Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. dadurch nicht geringer, daß sie keine grundsätzliche, daß sie nur eine thatsächliche ist. Man hat sich bemüht, Abhilfe zu schaffen, doch sind die Bemühungen seither vergeblich gewesen und werden es einstweilen auch bleiben. Der Grund liegt vornehmlich in der Zersplitterung. Wir haben zu viele jüdische Lehrerbildungsanstalten, und deshalb gebricht es den meisten, wenn nicht allen, an der erforderlichen umfassenden Organisation und Ausstattung. Weniger wäre hier mehr, und den Wenigen würde am Ende gewährt werden, was den Vielen aus zureichenden formalen Gründen versagt bleibt. An den Nächstbeteiligten ist es, an den Leitern der in Rede stehenden Anstalten, ihren Lehrern und Mäzenen, nicht zuletzt an den großen Gemeinden und den Gemeindeverbänden, eine Einigung und Vereinigung anzubahnen, damit die verbesserten und allseitig nach Maßgabe der staatlichen Anforderungen ausgestalteten Institute das Recht erlangen, das ihnen zusteht. Freilich bliebe auch das noch Flickwerk. Die Voraussetzung einer dauernden und gleichzeitig alle Gebiete umfassenden Verbesserung ist die Schaffung einer staatlichen Gesamtorganisation des Judenthums. Die Gelegenheit hierzu bietet sich bet der Unifizierung der zwölf in Preußen zur Zeit geltenden Gesetze über die jüdischen Gemeinden. Diese zwölf verschiedenen Gesetzgebungen sind alle ohne Ausnahme unzulänglich, bieten nickt blos dem vorhandenen Bedürfnis keine Befriedigung, sondern bilden sogar ein Hindernis dafür, daß auf dem Weg der Freiwilligkeit Befriedigung geschaffen werde. Ohne solche Gesamtorganisation bleibt alles Flickwerk, das wohl über einzelne Schwierigkeiten hinweghilst, dauernde Besserung aber nicht bewirkt und namentlich eine organische Weiterentwickelung hindert. Ohne Gemeinorganisation ist eine Wahrung und Förderung der Gemeininteressen nicht möglich. * * * (An die Juden-Mtssionen.) England hat zwei große Gesellschaften, die, mit Verzweigungen in allen Teilen der Welt und königlichen Einkünften, sich ausschließlich mit der Bekehrung der Juden befassen. Die eine nennt sich kurz und ehrlich: „Gesellschaft für die Bekehrung der Juden", die andere führt den imposantern Titel: „Gesellschaft für die Verbreitung christlichen Wissens unter den Juden. — Society for the promotion of Christian knowledge among the Jews." Was aber ist das Resultat ihrer ausdauernden und durch kolossale Hilfsmittel unterstützten Anstrengungen? Eine Anzahl verkümmerter Einwanderer, die „um Brod und Stiesel" sich verkaufen, werden beköstigt, unterrichtet, legen automatisch ein Glaubensbekenntnis ab, das ihrem Verstand und ihrer Seele fern bleibt, werden getauft und sind und bleiben — schlechte Juden, durch das Bewußtsein eines seilen Abfalls schlechter gemacht. Wir haben bewährte Berichte von vornehmen Christen, die sich ihres Rangs und Reichtums entäußerten, um den jüdischen Glauben zu bekennen. In solchen Opfern liegt der unerschütterliche Beweis einer gewissenhaften Ueberzeugung. Wer aber durch Uebertritt gewinnt, kann sich nicht wundern, wenn die Reinheit seiner Beweggründe, wenn seine Aufrichtigkeit in Frage gestellt wird. Wo sind die Juden, die nach der Taufe „ihre Habe verkauft und an die Armen gegeben", deren Lebenswandel nach Aufnahme in die christliche Kirche sich in lobenswerter Weise verändert hat? Für 2000 Pfund Sterling — das sind die Durchschnittskosten für einen getauften Juden — könnte man getrost unternehmen, ganz Jerusalem, aus London allein, mit judaisierten Christen zu bevölkern. Was die kostspielige Existenz der Gesellschaft für die Verbreitung christlichen Wissens unter den Juden rechtfertigt, was sie erzielt oder zu erzielen glaubt, bleibt Allen, deren gesunde Vernunft ein ungeregelter Bekehrungseifer nicht stört,'ein unlösbares Rätsel. Wir stellen keineswegs die gute Gesinnung und das menschliche Wohlwollen der Gesellschaft in Abrede, aber ein undiszipliniertes Wohlwollen, das über große Mittel verfügt, kann leicht viel Schaden anrichten. Vergeudete oder übel angewandte Energie ist, an sich selbst, ein beklagenswertes Uebel, und in dieser Hinsicht sündigt die fromme Gesellschaft in höchstem Grad. Sie giebt zu, daß der Dekalog keiner besondern Verbesserung bedarf, daß die ethischen Lehren des Judentums allen weltlichen Zwecken genügen, daß die mosaische Ueberlieserung ganz vorzüglich geeignet ist, den Juden zum trefflichen Bürger zu erziehn, - aber „Teilnehmer^ des Heils, das aus ihm stammt", kann er einzig und allein durch die Annahme ihrer theologischen Lehren werden. Ihn zu dieser Annahme zu bewegen, überschwemmt sie das Land mit einer Sintflut von kindischen Traktaten, die unmöglich einen Menschen von normalem Verstand in irgend welcher Weise beeinflussen können. Wäre es nicht ratsam, ist es nicht hohe Zeit, daß diese beiden und andere ihnen verwandte Gesellschaften ihrer Thätigkeit eine neue und mehr gewinnversprechende Richtung gäben? Der Antisemitismus bietet ihnen ein glänzendes Feld. Es ist doch klar, daß die Antisemiten, mehr als Juden und Heiden, der ängstlichen Aufmerksamkeit der Christen bedürfen, die ihre Religion nicht durch Haß, Neid und Verleumdung geschändet, die nicht die schönsten Lehren des Stifters ihres Glaubens durch Wort und That täglich verhöhnt wissen wollen. Eine „christliche Gesellschaft für die Christianisierung der Antisemiten" dürfte auf Beifall und Unterstützung rechnen. Es mag freilich viel schwieriger sein, aus einem Antisemiten einen wackern Mann und guten Christen zu machen, als einen verhungerten Juden zu taufen; aber das vollbrachte Werk wäre auch ersprießlicher. Das Verhältnis der Patriarchen;»den Fan-rsbmahmn. (Zum Wochenabschnitt.) Bon Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Wenn uns auch von den Staatsordnungen und Regierungsverhältnissen in Kanaan zur Zeit der Patriarchen sehr wenig bekannt ist, über die Stellung, die die Patriarchen dem Gemeinwesen gegenüber eingenommen haben, kein Aufschluß gegeben ist, so ist doch so viel ersichtlich, daß die Patriarchen die Gesetze und Sitten des Landes, in dem sie sich aushielten

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