Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 1899 (1899)
- Issue
- Wissenschaftliche Beilage Nr. 10 (10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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80 4. Denn in Nichtigkeit kam er und in Finsternis geht er und mit Finsternis wird sein Name bedeckt. 5. Auch das Sonnenlicht hat er nicht gesehen und Wissen hat er nicht, um zu unterscheiden, ob diese (Seele) mehr Ruhe und Vergnügen findet, als jener (Körper). .6. Und hätte er zweimal tausend Jahre gelebt, aber das Gute nicht geschaut — wahrlich (er gliche der Fehlgeburt auch dann, denn zu einem Orte geht Alles dahin. 7. Alle Mühsal des Menschen für seinen Mund! und dann die Seele, sie wird nicht erfüllt oder gesättigt. 8. Dann, was ist des Weisen Vorzug vor dem Thoren? Was hat der Arme (an Macht und Freiheit), was weiß er, um anzugehen gegen die Lebendigen (und deren Gewohnheiten)? 9. Besser dünkt ihm der Schein der Augen als das Angeben des Willens (der nicht frei.) Daher ist auch dieses (eine Verantwortlichkeit für das Thun) nichtig und eine Windjagd. Erklärung: 1. Koheleth beschleicht ein neuer Zweifel: Der Mensch kann unmöglich verantwortlich gemacht werden für sein Handeln, weil viele in seiner Natur begründete Dinge ihn abhalten, das Gut und damit die Vollkommenheit zu erreichen. Er folgt dem Zwange der Naturnotwendigkeit, der schwer auf ihm lastet, so schwer wie ein Geschoß, gegen welches es sich nicht wahren kann. Das ist ״raah“, ein Nebel, ״werabbah hi al haadam" — ״schenischlachath al haadam bal korcho kemo hachizzim mimatkom acher“, es ist als ob von anderer Seite zwangsweis Pfeile gegen den Menschen geschleudert worden wären, (״rabbah" wird mit ״robeh kaschtoth", Bogenschütze, nach einem Hinweis aus Jbn Esra gedeutet). Fünf dieser Gründe für die Unverantwortlichkeit des Menschen werden hier geltend gemacht: a) Die Sucht nach Genüssen; hierin gleicht der Mensch einer Prinzessin, die sich verwirft, indem sie mit einem niedrigen Knechte ein Seelenbündnis schließt und ihrer Krone verlustig geht. b) Die Anlage, beeinflußt durch Materie, Klima und Lebensgewohnheiten; hierin gleicht der Mensch einem Adler, dem ein Stein am Fuße angebunden worden, sodaß er sich nicht erheben kann. c) Angewöhnung, Erziehung und gesellschaftliche Sitte, die kein Alter und keine Vernunft je völlig bannen können. Hierin gleicht er den Kindern einer Nation, die in denen eines anderen Volkes, mit dem jene Nation in Krieg und Feindschaft lebt, ewig Feinde erblickt, auch wenn Jene unschädlich sind. d) Die zu große Tiefe des ethischen Gedankens, die, weil er sie nicht erfassen kann, ins Gegenteil umschlägt; hierin gleicht er dem, der in die Sonne schaut, und dann geblendet sich das Augenlicht trübt oder es verliert. e) Die Verkennung des Lebenszweckes, die ihn wähnen läßt, er stehe aus einer Tierstufe und sei nicht geschaffen, um engelsgleich sich zu Gott zu erheben; hierin gleicht der Mensch einem Königssohne, der in einem Dorfe erzogen, zur Land- I -^ - Alles dieses gilt von den Menschen, die unmöglich streben können, vollkommen zu werden: Wie kann Gott sie in ihrer Unvollkommenheit bestrafen? Hieraus bezieht Jbn Baruch die folgenden Sätze Koheleths: 2. ״Isch ascher jithen 10"; ich sehe den Menschen, dem Gott irdische Genüsse, Reichtum, Güter, Ehre zuteilt. Das sind Steine des Anstoßes, die da verhindern der Seele Vollkommenheit: ״weenennu lenafscho", sollte dieses nicht die Mangelhastigkeit der Seele herbeiführen? ״Mikkol ascher jithawe“, durch alles, was er begehrt an irdischer Wollust? Gott selbst läßt bei ihm keine Beherrschung in den Genüssen auskommen, ״welo jaschlitenu häelohim leechol“; und da sollte der Mensch verantwörtlich sein? — Wahrlich ״iscli nochri jochlenu hachomer hu NO ehr i elaw“, ein fremder Mann, das ist der materielle Körperteil zehrt alles aus. Wie kann da von Verantwortung für die Unvollkommenheit der Seele die Rede sein? Nein, das ist ״hebe!" und ״choli ra", Eitelkeit und krankhaftes Uebel. 3. Aber nicht nur Genüsse, auch die Anlage ist ein Uebel: Wenn der Mensch hundert Gedanken oder Pläne oder Entschließungen hätte (100 oder 1000 ist eine gebräuchliche Vielheit in der hebräischen Literatur nach Jbn Esra, und bezieht sich hier aus die Mühen des Denkens und Wissens — ״beinjane hamadda“), er würde seine verdorbene Naturanlage nicht verbessern können. Auch nicht, wenn er noch so lange lebte, ״werab schejihju jeme chjaw“, und wenn noch so groß (״gadol rab") die Tage wären, daß selbst die Nächte ihm zu Tagen würden: ״wenafscho 10 tisba lo tihje soba lo hasagatho betoba", seine Seele würde nicht erreichen ״Sättigung am wahrhaft Guten", weil sie im Zuschnitt verdorben ist. Ein Mensch wie Dieser während seines Lebens, das heißt noch ehe er zur Bestattung gekommen (״wegam kebura 10 hajtha lo — im hejotho bechajim"), ist infolge seiner Anlage nicht besser als ״nefel“, das heißt als unförmliches Embryo, ein todtes Lebewesen, das von Gut und Böse nie erfuhr. 4. Die Angewöhnung des Menschen von der Stunde, da er kommt, ״ba“, bis er scheidet, ״jelech", ist in ״hebel" und ״choschech", in Nichtigkeit und Finsternis. Wie sein ganzer Wandel die Frucht seiner Erziehung und Umgebung und Gewohnheit ist, so wird er bei seinem Fortgang aus dem Leben nicht höher dastehen. Denn ״lo jischma tochachoth", er hört nicht aus Mahnungen, die das einmal in der Seele Festsitzende und Gewohnte ihn je beseitigen ließen. Wie sollte sein Name nach dem Tode lichtvoll werden? ״Ubachoschech schemo jechusse", mit Finsternis ist sein Name bedeckt, und man kann ihm nicht das Epitheton eines ״guten Namens" je beilegen. (Fortsetzung folgt.) Verantw. Redakteur: M. A. Klausner, Berlin W., Tauenzienstr. 19a. — Verl. Siegfr. Cronbach, Berlin W. 57. — Druck: Arthur Schalem, Berlin C., Noßstr. 3.