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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. Seite 580

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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J Seite 580. Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. (Ueberall dieselben.) Die im „Reichsanzeiger" wiederholten, aus Befehl des Kaisers abgegeben Erklärungen, die mit einer jeden Zweifel ausschließenden Sicherheit den Hauptmaun Dreyfus von dem Vorwurf entlasten, militärische Geheimnisse verraten oder überhaupt Beziehungen zu Deutschland unterhalten zu haben, sind insofern von Erfolg gewesen, als sie die konservativ-antisemischen Blätter zur Wahrheit zurückgesührt haben. So schrieb die „Kreuzzeitung", nachdem der französische Regicrungskommissar Carriere die Verurteilung des Hauptmanns Dreyfus verlangt hatte, doch ehe diese Verurteilung erfolgt war: „Der Regierungskommissar Major Carrwre beantragte in seinem Requisitorium vor dem Kriegsgericht in Rennes bekanntlich die Verurteilung des Dreyfus, die nach den einen die Todesstrafe, nach den anderen die Deportation zur Folge haben würde. Seine Ausführungen erregten wiederholte allgemeine Heiterkeit. Wie ist es möglich, daß die Wahl der Regierung auf eine für die Lösung der schwierigen Aufgabe so gar nicht geeignete Persönlichkeit fiel —? wer konnte dem Kriegsminister einen solchen Mann empfehlen, dessen rednerisches Ungeschick noch der geringste seiner Fehler ist, der von Esterhazy behauptet, er sei „ein verworrener Kopf", aber „ein glänzender Offizier"? Aber in Frankreich ist eben niemand auf dem rechten Platze und auch darin muß man ein Zeichen des Verfalls erblicken. Die Ankläger haben zum Teil mit Fälschungen und unwürdigen Mitteln gearbeitet, Kriegsminister und Generalstabschef verletzten die Form, als sie dem Kriegsgericht von 1894 ohn Wissen des Angeklagten und seines Vertheidigers vertrauliche Aktenstücke und Kommentare vorlegten, und der Regierungskommissar preist „die Aufrichtigkeit der Mittel" und die bona lides, m't denen man verfahren sei! Doch das mögen die Franzosen unter sich abmachen; ein gutes Teil der Offiziere ist der Republik würdig, der sie dienen. Aber sehr eigentümlich berührt es doch, daß Herr Carriore als Regierungskommissar die Erklärungen des Grafen Bülow und des Grafen Münster einfach ignoriert. Der ehemalige Kriegsminister, General Billot, hatte wenigstens den Versuch gemacht, das Zeugnis Deutschlands dadurch zu entkräften, daß er den Gedanken ausführte: „Ich glaube gern, daß unser östlicher Nachbar mit Dreyfus nichts zu thun hatte und daß er nicht wußte, daß Esterhazy die vertraulichen Schriftstücke, die er ihm auslieferte, von Dreyfus erhielt." Aber Herr Carriore erklärt ausdrücklich, daß er Esterhazy, so viel Tadel sein Verhalten auch im übrigen verdienen möge, des Verrats für völlig unfähig halte. Da er nun seinen Schuldbeweis lediglich auf die angebliche Auslieferung des Bordereaus an Deutschland stützt, anläßlich dessen der Leiter der deutschen Politik gerade seine Erklärung abgab, so kann über das, was er von dieser denkt, um so weniger Zweifel bestehen. Glücklicherweise kann es uns recht gleichgültig sein, was dieser mittelmäßige Herr denkt. Uebrigens war bisher von amtlicher Seite niemals in so durchsichtiger Weise darauf angespielt worden, daß der russische Militär-Attachö den deutschen und italienischen denunziert und den französischen Generalstab auf die falsche Spur gebracht hatte. Derselbe ist bekanntlich seit kurzem versetzt worden. Es ist vielleicht angezeigt, aus einigen Artikeln der Tagespresse nachzuweisen, wie sehr sich Chauvinismus, Spionenfurcht und Verfolgungswahn in den Köpfen vieler Franzosen derart verquickt und festgesetzt haben, daß sie darin absoluten Blödsinn zeitigen. So schreibt der unsagbare Quesnay de Beaurepaire im! „Echo de Paris": „Die Moral des Prozesses ist folgende: Dreyfus! ist verurteilt vom Lande und unterstützt durch die Feinde Frank-! reichs. Der Dreibund will seinen Agenten freisprechen lassen und die Franzosen sind seine Gehilfen . . . Sagte ich nicht mit Recht, das sei ein Prozeß ohnegleichen? Gott sei Dank wird in einigen Tagen alles wieder in Ordnung sein. Man wird in unserer Armee keine Richter finden, welche bereit sind, auf Befehl Verbrecher freizusprechen. Der Verrat wird den verdienten Lohn finden . . Und der „Gaulois": .,Jn Rennes fleht einer der Advokaten Kaiser Wilhelm telegraphisch an, zu bezeugen, daß Dreyfus Frankreich nicht für Deutschland verraten hat. Und seine Depesche findet Kaiser Wilhelm in Straßburg. Die Vorsehung hat solche wundervollen Jronieen. In Straßburg, welche Strafe für Herrn Labori! Haben Sie nicht das Gefühl, daß sich Elsaß zu Frankreich wendet und ihm sagt: „Wie? ein Franzose fragt den Fremden, dessen Joch ich trage, ob Dreyfus Frankreich für meinen Herrn verraten hat, der mich durch Verrat wie durch andere Mittel für immer unterjocht zu halten strebt! Er fordert von ihm, daß er den Verrat leugne, von dem er gegen mich Nutzen zog, um einen anderen dieses Verrats zu beschuldigen, damit die Agentur des Verrates Dreyfus sich von neuem bilden und meine Trauer verewigen könne!" Und mit solchen verächtlichen Mitteln sucht man die Stimmung im Lande aufzureizen und auf die Richter einzuwirken. Man sieht, es geht auch ohne Döroulode." Ein anständiges Blatt hätte nicht anders schreiben können. Einzig die Organe des „reinen" Antisemitismus sind an der Seite der Dbroulode und Genossen, der Meineidigen und Fälscher geblieben. Die „Staatsbürgerzeitung" sagt, nachdem bekannt geworden, daß fünf von sieben Richtern in Rennes Dreysns verurteilt haben: „Wir sind allerdings der Meinung, daß diese fünf die Ehre Frankreichs gerettet und sich als unbestechliche Richter gezeigt haben." Die „Staatsbürgerzeitung" nennt die Erklärung im Reichsanzeiger „höchst überflüssig und mindestens in ihrer Form verfehlt" und behauptet, diese auf Befehl des Kaisers erfolgte Erklärung als ein Beweisstück für die Unschuld des Dreyfus hinzustcllen, sei „eine schändliche Mache des vereinigten Judentums", „eine Nichtswürdigkeit", „eine Frechheit der Organe des Dreysussyndikats", und „diesem Treiben habe die Form der Erklärung im Reichsanzeiger Vorschub geleistet". Die „Staatsbürger - Zeitung" und die gleichgesinnte „Deutsche Tageszeitung" geben sich den Anschein, den Hauptmann Dreyfus des Verrates nicht an Deutschland, sondern an Rußland für schuldig zu halten. Das ist besonders glaubhaft angesichts des Urteils von Rennes, das den Hauptmann Dreyfus für überführt erklärt, im Jahre 1894 Machenschaften angezettelt oder Beziehungen mit einer fremden Macht oder mit einem ihrer Agenten unterhalten zu haben, „um sie zu veranlassen, Feindseligkeiten zu begehen oder Krieg gegen Frankreich zu unternehmen, oder um ihr die Mittel dafür zu liefern". Die genannten beiden Antisemitenblätter versichern also und stellen als notorisch hin, daß Hauptmann Dreyfus Rußland zu einem Krieg gegen Frankreich habe veranlassen wollen! Das ist beinahe so folgerichtig wie das Gesuch des Kriegsgerichts von Rennes, dem Hauptmann Dreysns die Degradation zu erlassen. Wir sceuc-u uns, daß die „Staatsbürgerzeitung" so geschrieben, wie sie gethan; wir möchten um Vieles nicht, daß sie

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