Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 68. Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. § 2. Ter Sberpräsident der Provinz Hessen-Nassau ist befugt, durch endgültigen Beschluß nach Anhörung der Beteiligten beit Bezirk der früheren Stadtgemeinde Bockenheim dem durch den Bezirk der ehemaligen freien Stadt Frankfurt a. M. gebildeten Synagogengemeindebezirk einzuverleiben und die hierauf bezüglichen Verhältnisse zu ordnen. In diesem Falle läuft die im 8 1 bezeichnete dreimonatliche Frist, insoweit dieselbe mit Inkrafttreten dieses Gesetzes beginnt, anstatt von diesem Zeitpunkte von dem Tage der Einverleibung ab. Das Abgeordnetenhaus hat nicht für nötig gehalten, den Entwurf zur Vorberatung in eine Commission zu verweisen, sondern will ihn einfach annehmen. Die jüdischen Mitglieder des Abgeordnetenhauses haben sich an der Debatte über den Gesetzentwurf bisher nicht beteiligt. * * * (Tschechische Juden.) Im österreichischen Abgeordnetenhause hat es wieder einmal eine wüste Lärmscene gegeben. Die „Vossische Zeitung" berichtet darüber: „Thätiger und leidender Hauptheld des unerfreulichen Zwischenfalls war der Abgeordnete Wolff, der in leidenschaftlichem Ungestüm dem tschechisch-jüdischen Journalisten Peniczek gegenüber, der sich ungebührlich benommen hatte, die Pflichten eines Galeriedieners ausüben wollte und darüber in einen Faustkampf geriet, in dem er eine zeitlang allein gegen ein ganzes Rudel Tschechen stand. Politische Bedeutung hat dieser Zwischenfall nicht, da er sich außerhalb des eigentlichen Parlamentsraums abspielte, aber er läßt erkennen, bis zu welchem Grade die Sittenverwilderung am Wiener Franzensring unter dem Einfluß der nationalen Kämpfe bereits gediehen ist. Ein deutscher Abgeordneter, der einem Journalisten gegenüber den Saaldienern ins Handwerk pfuscht, tschechische Abgeordnete, die sich haufenweis — Mann gegen Mann zu kämpfen ist einmal nicht tschechische Art — auf diesen einen Deutschen werfen, der dann durch einige befreundete Abgeordnete aus dem Gedränge herausgehauen werden muß — das ist ein trauriges Bild, das ein Gegenstück nur noch in den abscheulichen Szenen vom November 1897 findet, als die in den Parlamentssaal eingedrungene Polizei einen oppositionellen Abgeordneten nach dem andern „wie einen Sack Kartoffeln" zur Thüre hinausschleppte und schleifte. Veranlassung zu dem gestrigen Vorfall gab der Berichterstatter der „Narodni Listy", Herr Peniczek, der für seine journalistische Thätigkeit vor einiger Zeit mit dem Titel „Kaiserlicher Rat" ausgezeichnet worden ist. Dieser Herr Peniczek ist der Typus einer besonderen Gruppe innerhalb des Tschechentums, die außerordentlich viel zur Vergiftung der nationalen Gegensätze in Böhmen beigetragen hat, nämlich der sogenannten „tschechischen Jzrden". Bis in die siebziger Jahre hinein kannte man diesen Begriff nicht. Von jeher waren die Juden in Böhmen treue Anhänger des Deutschtums gewesen, das der Träger der freiheitlichen Ideen war, und diese Zugehörigkeit erschien auch den Tschechen als etwas geschichtlich Gegebenes und so Selbstverständliches, daß ihr beliebtes Schimpfwort „Zid“ (Jude) unterschiedslos auf alle Deutschen angewandt wurde und jedes Anschwellen der tschechisch-nationalen Bewegung sich zunächst in Pöbelangriffen auf Juden und jüdische Geschäfte, Wohn- und Gotteshäuser äußerte. Erst in den siebziger Jahren begannen einzelne jüdische Studenten sich auf Tschechen aufzuspielen; in Prag wurde ein „Verein tchechisch-akademischer Juden" begründet, der, von den sonst ungemein judenfresserischen tschechischen Blättern sorgsam gehätschelt, durch unablässige Agitation es allmählich dahin brachte, daß ein freilich noch immer kleiner Teil der böhmischen Juden der Sache des liberalen Deutschtums abtrünuig wurde und ins tschechische Lager überging, wodurch den Deutschen einzelne politische Positionen, so z. B. die Mehrheit in der Pilsener Handelskammer, entrissen wurden. Aus den Reihen jener tschechischen Juden sind einige der verbissensten Hetzer gegen das Deutschtum hervorgegangen, wie der jungtschechische Abgeordnete Dr. Strensky, Leute, die durch die Art ihrer politischen Bethätigung viel Schuld daran tragen, daß der Nationalitätenkampf in Böhmen und Mähren so gehässige Formen angenommen hat. Es ist recht bezeichnend, daß es ein Anhänger dieser tschechischen Gruppe war, der, nachdem er jahrelang Tag für Tag in den „Nar. Listy" die schlimmsten Hetzereien gegen die Deutschen verübt hat, sich gestern von der Journalistentribüne herab so herausfordernd gegen die deutschen Abgeordneten benahm, daß Herr Wolff sich gedrungen fühlte, ihn eigenhändig an die Lust zu setzen. Während des Gefechts auf der Tribüne hat es, wie ein Bericht angiebt, Herr kaiserlicher Rat Peniczek ratsam befunden, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen und in einem vorsichtig verriegelten Anstandsort den Ausgang des Zwischenfalls abzuwarten. In den „Nar. Listy" freilich wird es wohl anders zu lesen sein." In diesem Bericht bemerken wir mit Bedauern zwei Lücken, die als tendenzlos hinzustellen nicht ganz leicht sein wird. Zwar die Unterlassung der Erwähnung, daß Herr Peniczek getauft ist und somit des Zusammenhanges mit dem Judentum entbehrt und als „tschechischer Jude" nicht angesprochen werden kann, beruht möglicherweise aus Unkenntnis der von den anderen Blättern gleichz/itig gemeldeten Thatsache von dem Religionswechsel Peniczek)'; denn unmöglich kann angenommen werden, daß die „Vossische Zeitung", die zutreffend registriert, wie „die Juden in Böhmen von jeher treue Anhänger des Deutschtums gewesen, das der Träger der freiheitlichen Ideen war", die Ursachen nicht kennt, die einzelne Juden aus dem deutschen in das tschechische Lager getrieben haben. Die „Vossische Zeitung" muß wissen und weiß, daß in Böhmen, und dort nicht allein, das Deutschtum ausgehört hat, „der Träger der freiheitlichen Ideen" zu sein, daß dort das Deutschtum antisemitisch durchseucht worden ist, und demzufolge die Juden in Böhmen in der Zwangslage waren, ihr Deutschtum gegen antisemitische Deutsche und Tschechen zugleich zu verteidigen. Wir haben keinerlei Sympathie mit getauften Juden und die geringste mit tschechischen Juden. Aber Gerechtigkeit zwingt zu der Anerkennung, daß die Juden, die sich tschechisieren, wenigstens die Entschuldigung äußerster Bedrängnis haben, auf die beispielsweise die in „Svarcmbrg" umgewandelten Fürsten Schwarzenberg und andere fränkische Adelsgeschlechter, die zum Tschechentum übergelausen sind, keinen Anspruch erheben können. Es ist ein Unrecht, Herrn Penizek, der das Judentum verlassen hat, uns Juden an die Rockschöße zu hängen, ein doppeltes Unrecht, von dem Typus der „tschechischen Juden" zu sprechen, an dessen Bildung der deutsche Antisemitismus die Schuld trägt, und dabei nicht den ungleich häßlicheren Typus der tschechischen deutschen Fürftengeschlechter zu erwähnen, die ihr Deutschtum nicht in Not und Drang ausgegeben, sondern freiwillig verkauft und verraten haben. Die „Kreuzzeitung" findet die oben wiedergegebene redaktionellen Auslassungen der „Vossischen Zeitung" ganz nach ihrem Geschmack. Sie druckt den Artikel ab und fügt die Bemerkung hinzu: „Dieser Bericht zeigt eine auffallend klare Erkenntnis von dem dekompositorischen Charakter des Judentums, wie wir ihr in