Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 5 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2 gehende Duldung entgegengebracht. Leute, die seinerzeit für die berüchtigte Resolution Schmidt gestimmt hatten, wurden trotzdem als freiheitliche Deutsche angesehen und behandelt, da sie versicherten, daß ihre freiheitlichen Grundsätze, namentlich gegenüber dem Klerikalismus, durch ihre Sonderstellung in der Judenfrage keine Einschränkung erführen. Wohl haben die Tiefer- und Weiterblickenden in der Ausschließung der Wiener Freisinnigen Kuranda, Ofner, Hock. Zenker, Neumann und Friedmann auch eine Abschwenkung von der Linie des Antiklerikalismus erkannt, aber man schloß geflissentlich die Augen vor der Tatsache, daß es sich dabei nicht um bloße Personenfragen und vor allem nicht bloß um die Stellungnahm«' zum Antisemitismus handle. Jetzt aber ist es klar heraus, daß der Deutsche Nationalverband ein durchaus unbrauchbares Werkzeug auch im Kampfe um die bürgerliche Freiheit ist und die deutschen Landsknechte des Klerikalismus mit seinem Namen und seiner allerdings schon tief gesunkenen Autorität deckt. Jetzt isl es klar heraus, daß die berechtigten und nahe an die Verwirklichung gelangten Hoffnungen auf die Befreiung Wiens von der Partei der schmutzigsten Korruption, des grimmigsten Judenhasses und des schwärzesten Klerikalismus zertrümmert wurden von Abgesandten des deutschen Volkes, von den nationalen Verbandsgenossen der letzten Reste der einst ruhmvollen deutsch-liberalen Partei. Und das konnte geschehen, ohne daß sich innerhalb des Deutschen Nationalverbandes ein Sturm der Empörung gegen solch’ beispiellosen Verrat erhoben, ohne daß jene „deutschfreiheitlichen“ Abgeordneten, die ihre Mandate zum guten Teile den Stimmen der jüdischen Wählerschaft verdanken. das Tischtuch zwischen sich und der Gruppe Wolf entzweigeschnitten hätten. Das Fazit der Wiener Gemeindewahlen ist die Verlängerung der Herrschaft des brutalsten Judenhasses in der Reichshauptstadt. und die schmähliche Waffenstreckung der deutschen Volksvertreter vor jenem Klerikalismus, der zu seiner Macht und Höhe nur durch den Antisemitismus gelangen konnte. Die Herren scheinen der Meinung zu Sein, daß die jüdische Wählerschaft in Mähren, Böhmen und Schlesien schon zu einer quantite negligeüble herabgesunken sei, daß Brünn, Olmiitz, Leipnik, Budweis, Teschen usw. auch ohne jüdische Stimmen gegen den slavischen Ansturm behauptet werden können. Nun denn, wir wollens abwarten. Die Wiener Vorgänge können nicht ohne tiefgreifende Wirkung bleiben und sie müssen vor allem die Juden in den gemischtsprachigen Ländern vor die Frage stellen, ob und in welchem Maße sie noch fürderhin ihr Vertrauen Leuten schenken können, die unter dem Deckmantel des Deutsch-