Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 5 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatschrift den Oesterreichisch-Israelitischen Union. Nr. 5. Wien, Mai 1912. Der deutsch-radikale Verrat. Bei den Wiener Gemeinderatswahlen und deren Nachspiel im Parlamente hat sich ein politisches Ereignis vollzogen, das auf die Gestaltung der inneren Verhältnisse Oesterreichs jvon bestimmendem Einflüsse werden muß. Die Deutsch-Nationalen haben die Christlich-Sozialen vor dem sicheren Verderben gerettet. Die Letzteren waren aus eigener Kraft nicht mehr imstande, ihre Mandate zu behaupten. Fast in sämtlichen Bezirken gerieten sie in Stichwahl entweder mit den bürgerlich Freisinnigen oder mit den Sozialdemokraten. Im entscheidenden Augenblicke aber sprangen ihnen die Deutsch-Nationalen hei, so daß der bürgerliche Freisinn ihnen nur fünf Mandate — darunter jenes Bielohlaweks —, die Sozialdemokratie bloß drei Mandate ahnehmen konnte. Es hieße Herrn K. H. Wolf und seinem Anhang zu viel Ehre antun, wollte man diesen überraschenden Umfall mit der Formel erklären, daß ihr Judenhaß stärker sei als ihre Furcht Vor dem Klerikalismus. Denn in dieser Formel läge ja immer noch ein Widerstreit von Prinzipien. Mit solchen hat jedoch die Politik der tapferen Teutonen von der Kouleur Wolf schon seit den letzten Reichsratswahlen nichts zu tun. Es ist die bare Gesinnungslumperei, die sich da in das Gewand [geschwollener nationaler Phrasen hüllt, es ist die schmutzigste Geschäftspolitik, die nunmehr jene Wahlhilfe bezahlt hat, die im Juni des Jahres 1911 die Christlich-Sozialen dem „Liebling des deutschen Volkes“, Herrn K. IL Wolf, geleistet haben. Von der neuerlichen Befestigung des christlichsozialen Antisemitismus in der Reichshauptstadt, die freilich von uns Juden bitter genug empfunden wird, abgesehen, hätte die Sache nichts weiter auf sich, wenn die Herren Wolf, Seidl, Wichtl und andere deutschradikale Recken nicht mit fortschrittlichen Deutschen, wie d’Elvert, Lecher, Licht, Primavesi, Bachmann, Demel etc„ im „Deutschen Nationalverband“ beisammen säßen und sich von der liberalen Presse konsequent mit dem Ehrennamen „Deutsch-Freiheitliche“ bezeichnen ließen. Bisher hat man in diesem National verbände nur dem Antisemitismus eine weit-