Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Feinschmecker. Wer, wie Sigmund Mayer, trotz seiner Jahre noch mitten in allen Aktualitäten des öffentlichen Lebens steht, dem wandelt sich jedes Erlebnis der Vergangenheit zu einer Lehre für die Zukunft. In diesen „Erinnerungen" wird nicht nur die Summe eines kampfesfrohen und kämpfesreichen Lebens gezogen, es werden auch für die Nachfolgenden oder Nachstrebenden die Klingen geschärft zu neuen Kämpfen und künftigen Siegen. Dieses Buch ist für alle Welt bestimmt, für die Alten und mehr noch für die Jungen, denen ein junggebliebener Greis das Beispiel nie erlöschender Hoffnungsfreudigkeit und nie erlahmender Tatkraft bietet. Was Sigmund Mayer der „Union" war und ist, haben wir erst vor Jahresfrist in jener Festschrift ausgesprochen, die anläßlich des 25jährigen Bestandes unserer Organisation erschien. Als er in unseren Kreis trat, hatte er — um ein gutes Witzwort zu wiederholen — schon eine bedeutende Zukunft hinter sich. Er war Gemeinderat der Stadt Wien gewesen, aber indigniert über die schwächliche Haltung der eigenen Partei in der Judenfrage, hatte er sein Mandat hingeworfen, um sich als einfacher Soldat in Reih' und Glied der Wiener Judensclfäft zu stellen. Durch sein Buch über den „Befähigungsnachweis" hatte er die damals beginnende antisemitische Bewegung, die ihren Stützpunkt in den gewerblichen Genossenschaften hatte, an ihrer Wurzel gepackt und in hohem Maße die Aufmerksamkeit der sozialwissenschaftlichen Kreise auf sich gelenkt. Ein gründlicher Kenner des wirtschaftlichen Lebens, ein scharfer Denker von unerbittlicher Logik, bewertete er Menschen und Dinge nie nach fiktiven Schlagworten, sondern immer nur nach ihrem wirklichen Gehalte. Da die altliberale Partei in der Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden versagte, organisierte er in der „Union" die jüdische Selbsthilfe, indem er zuerst das politische Komitee und dann das Rechtsschutzbureau ins Leben rief. Nach zwei Richtungen bewegte sich die politische Arbeit Sigmund Mayers in der „Union" und durch die „Union". Trotz aller Enttäuschungen war er immer von Neuem bemüht, die noch freiheitlich denkenden Kreise außerhalb der Judenschaft davon zu überzeugen, daß mit dem verfassungsmäßigen Grundsatze der konfessionellen Gleichberechtigung auch alle andern Grundrechte stehen und fallen müßten; und auf der andern Seite war er mit rastloser Energie beflissen, innerhalb der Judenschaft das Selbstbewußtsein zu heben, den Widerstand zu stärken, den Mut und die Kraft zu entschlossener Verteidigung der bedrohten staatsbürgerlichen Rechte zu beleben. Die erste Aufgabe stieß auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Das deutsch-liberale Bürgertum schwankte von Halbheit zu Halbheit, sank von Schwäche zu Schwäche. Es bewahr-