Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 22 (1910)
- Issue
- 12 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatschrift der OesterreiGhisch - Israelitischen Union. Nr. 12. Wien, Mitte Dezember 1910. Taufe, Rasse, Zukunft. Vortrag, gehalten in der > Oesterreichisch-Israelitischen Union« am 26. November 1910, von Dr. Ignaz Z o 11 s c h a n.) IjWenn ich heute mit der ehrenvollen Mission betraut wurde, über einen derart wichtigen Gegenstand zu sprechen, so mußte ich mich zuerst fragen, ob ich überhaupt das Recht und die Reife dazu besitze, über einen Gegenstand von derartiger Tragweite hier Urteile abzugjeben. Nur der Umstand, daß mein Buch noch in mancher Richtung mißverstanden wurde, und daß mir von der Vereinsleitung das hocheinzuschätzende Anerbieten gemacht wurde, meine Anschauungen hier frei zu entwickeln, selbst wenn sie im Gegensatz zur bisherigen Richtung der Union stehen sollten, nur diese Umstände haben mich dazu bestimmt, der freundlichen Einladung der „Union" Folge zu geben. Es sind namentlich diejenigen Stellen meines Buches, die auf die Judenfrage Bezug haben, Gegenstand mißverständlicher Auffassung gewesen. Ich habe daher eben dieses Thema zum Vorwurfe des heutigen Vortrages gewählt. So oft politische Diskussionen irgend einen Komplex von Problemen als Judenfrage hingestellt haben, ja so oft auch fast alle vorhandenen Geschichtswerke sich mit der Judenfrage befaßt haben, hatte diese Judenfrage stets nur das politische Verhältnis zum Gegenstande, in dem die Judenschaft zu den »Völkern stand, innerhalb deren sie wohnte. War dieses Verhältnis das wirklicher bürgerlicher Gleichberechtigung, so gab es keine Judenfrage, wurde diese Gleichberechtigung vorenthalten, so war die einzige Manifestationsform der Judenfrage der Antisemitismus. Von Italienern, Engländern, Amerikanern, manchmal sogar auch von Ungarn hörte man häufig die Worte: Wir haben keine Judenfrage, denn wir haben keinen Antisemitismus. Der Antisemitismus also gilt jalsf der einzige Feind der Judenheit und sämtliche politische Tendenzen derselben erschöpften, sich bisher darin, seine Bekämpfung und womöglich seine Vernichtung erwirken zu wollen. Diese bisherige