Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 21 (1909)
- Issue
- 1 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2 sondern wir wollen darüber sprechen und beraten, wie es möglich wäre, gegen die gegen die Judenschaft in Oesterreich eingeleitete Aktion aufzutreten und Abhilfe zu schaffen. Staatsbürgerrecht und Boykott — so heisst der Titel des heutigen Referates. Im Jahre 1880 lebte in Irland in dem kleinen Orte Lough Mask in der Grafschaft Mayo ein Offizier, der den aktiven Dienst verlassen hatte und damals den Grundbesitz des Lords Erne verwaltete. Dieser Mann war so grausam gegen die kleinen Pächter, dass die nationale Landliga ein Verfahren gegen ihn einleitete, ein Verfahren der wirtschaftlichen und sozialen Aechtung: Man verkaufte ihm nichts mehr, kein Arbeiter trat in seine Dienste, die Eisenbahnen verweigerten ihm den Transport seiner Güter, so dass er in kurzer Zeit ruiniert war und auswandern musste. Dieser Mann hiess Charles Cunningham Boycott, und nach der gegen ihn geführten Bewegung werden heute die uns allen bekannten Aktionen Boykotte genannt. Wenn wir uns um eine Definition des Begriffes Boykott umsehen, finden wir bei den Theoretikern, dass Boykott nichts anderes sei, als eine Art Verrufserklärung, eine Aechtung eines Unternehmers nach der Richtung hin, dass ein Kreis von Personen sich verbindet, von ihm weder Waren zu beziehen, noch Arbeit zu nehmen. Das ist der ursprüngliche Sinn des Wortes. Aber diese Erklärung ist aus dem Grunde heute nicht mehr ausreichend, weil der Boykott nicht nur als eine Erscheinung der wirtschaftlichen, sondern auch als der sozialen Aechtung gegen ganze Volksgruppen auftritt und sie hierdurch in ihren privaten und öffentlichen Rechten schädigt, aber auch im Verhältnisse der Staaten untereinanider als Kampfmittel zur Anwendung gelangt, wie z. B. unter dem ersten Napoleon die Kontinentalsperre als eine Art des Boykotts als wirtschaftlichen Kampf- und Zwangsmittels in die Erscheinung tritt. Diese Boykottbewegung ist keine Erfindung der neuesten Zeit, wir finden sie schon lange vorher in der griechischen und römisehen Geschichte, später auch in Deutschland während des Mittelalters, wo Gesellenvereine gegen die Meister sich dieses Kampfmittels bedienten, um auf diese Weise günstigere Arbeitsbedingungen zu erzwingen, man nannte dies das Schelten. Was die geschichtliche Entwicklung betrifft, so ist seit dem Jahre 1880, wir wollen alles frühere beiseite lassen, der Boykott ein hervorragendes politisches und wirtschaftliches Kampfmittel, und zwar sowohl in der inneren als auch äusseren Politik geworden. Besonders in der letzten Zeit haben wir viel davon gehört, z. B. der jetzige Boykott in der Türkei, vor einigen Jahren die Tulpenbewegung in Ungarn, durch welche zahlreiche österreichische Kaufleute geschädigt wurden. Auch in Deutschland ist der Boykott häufig angewendet worden. So fand im