Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-11-01 · 11 (11.1908) · p. Seite 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
11 (11.1908)
Date
1908-11-01
Page
Seite 25 (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603886-9604221--2098-9604248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

25 Dr. Neumann-Berlin herzliche Nachrufe widmete. Der Redner fuhr dann fort: Bs möge sonderbar erscheinen, dass wir in unserem Vaterlande, in einem Kulturlande, einen derartigen Kampf fähren müssen, dass wir in einem Rechtsstaate noch um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung kämpfen müssen. Wir haben aber in letzter Zeit Fälle genug erlebt, in denen die Gleichberechtigung in erschreckender Weise verletzt worden ist. Der brutale Antisemitismus, wie er in Ahlwardt und Graf Pückler verkörpert wurde, ist allerdings verschwunden. Der gefährliche, der Antisemitismus in Glacehandschuhen, ist geblieben. (Sehr richtig!) Der Redner verweist zur Begründung auf verschiedene Fälle der letzten Zeit. Wir sind kein Verein aus Juden oder für Juden, sondern ein Verein, der für Gleichberechtigung eintritt. Der Landtagsabgeordnete Prof. Dr. G ü n t h e r - München referierte über „Vaterlandsliebe und Bodenständigkeit bei unseren jüdischen Mitbürgern", Oberst a. D. G ä d k e - Berlin über die Zurücksetzung der Juden im Heere. An Stelle der verstorbenen Vorstandsmitglieder wurden Rechtsanwalt Beermann und Herr v. L a s a u 1 x. beide aus Frankfurt a. M., gewählt. Bukarest. (Ein rumänischer Rechtsgelehrter.) Die Antisemiten führen bekanntlcih seii längerer Zeit einen grossen Kampf gegen die Richter der Stadt Jassy, die sie beschuldigen, von den Juden bestochen zu sein. Trotz der klar zutage liegenden Unsinnigkeit einer solchen Beschuldigung, die sich die Richter nur deshalb zugezogen haben, weil sie nicht nach dem Willen der Antisemiten das Recht verdrehen wollten, setzte der Justizminister eine Kommission aus zwei Abteilungen des Kassationshofes ein, um die Sache zu untersuchen. Das Ergebnis war, wie man es nicht anders erwarten konnte, dass alle Beschuldigungen als absolut haltlose Verleumdungen erwiesen wurden. Die Antisemiten sind darüber natürlich sehr ergrimmt und ihre Hauptführer, die Herren Universitätsprofessoren (!!) J o r g a und C u z a geben sich mit einer solchen Untersuchung natürlich nicht zufrieden und führen ihre Angriffe gegen die Jassyer Richter weiter. Zu einer besonders charakteristischen Aeusserung hat sich der Herr Professor C u z a in seinem letzten Artikel im „Neamul Romanese" verstiegen. Dort erklärt Herr Cuiza, Professor der Rechte an der juristischen Fakultät in Jassy, kurz und bündig: Die Behörden und die Richter haben national zn sein und national zu handeln — man weiss, was Herr Cuza unter „national" versteht! Der Richter, sagt Professor Cuza weiter, soll nicht nur nach dem Gesetz urteilen, sondern auch die ganzen sozialen und nationalen Verhältnisse der klagenden Parteien in Betracht ziehen. Wenn er über Juden und Rumänen zu urteilenhat, so mnss er immer den Juden verurteilen, auch wenn dieser durchaus im Rechte ist. So spricht ein Lehrer der Rechte an einer rumänischen Universität. — Dass diese Angriffe einen grossen Eindruck auf die Behörden und die Richter machen, steht ausser allem Zweifel. Durch die in Rumänien zu einer dauernden Einrichtung gewordene Hetze gegen alles, was den Namen Jude trägt, sind die Richter zumeist ohnedies schon gegen die Juden stark voreingenommen. Und da die Antisemiten nun bei uns in den einflussreichsten Stellungen sitzen, so wird sich selbst ein wirklich vorurteilsfreier Richter es in Zukunft zehnmal überlegen, ehe er ein für einen Juden günstiges Urteil abgibt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.