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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-08-01 · 8/9 (August/September 1908) · p. Seite 15

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
8/9 (August/September 1908)
Date
1908-08-01
Page
Seite 15 (sequence 20)
Language
German
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15 Aus unserem Rechtsschutz- und Abwehr-Bureau. Die Phantasien eines Gendarmen. Die österreichische Gendarmerie wird mit Vorliebe und mit Eecht eine Mustertruppe genannt. Die Pflichttreue und Hingebung dieses braven Korps hindert aber nicht, dass bei einzelnen Angehörigen desselben konfessionelle Vorurteile in bedenklichem Masse angetroffen werden und dass in solchem Falle der Uebereifer zu sehr gefährlicher Spürtätigkeit ausarten kann. Ein trauriges Beispiel hiefür war der Gendarmerie-Postenführer Klenovec in Polna, der sich durch den Ritualmordwahn beeinflussen liess, so dass seine Nachforschungen durchaus einseitige waren und wichtige Spuren, die den Verdacht des Mordes an der Agnes Hruza von dem unglücklichen Hilsner ab und nach einer ganz anderen Richtung lenken konnten, ganz unbeachtet blieben und im Laufe der Zeit verwischt wurden. Herr Klenovec hat nun in dem vor Kurzem erst aus Kroscienko nach Neu-Sandec versetzten Gendarmerie-Wachtmeister P r e i nd 1 einen Nacheiferer gefunden, dessen Uebereifer arges Unheil anzurichten vermöchte, wenn demselben von seinen Vorgesetzten nicht rechtzeitig Schranken gesetzt werden. Wachtmeister P r e i n d 1 hat in der kurzen Frist seiner Neu-Sandecer Amtstätigkeit schon zwei „Ritualmorde" — „entdeckt". Beide Fälle sind überaus lehrreich für die Naivität und Leichtfertigkeit, mit welcher solche Beschuldigungen in die Welt gesetzt werden. Hier der „Tatbestand" dieser schrecklichen Verbrechen: In Naszciszowa, einem Dorfe bei Neu-Sandez, befindet sich eine Ziegelei, die dem Juden Wolf Reibscheid gehört. In dieser Ziegelei arbeitet schon seit Jahren ein Bauer namens Josef K o c i o t e k aus demselben Dorfe, der auch1 eine Wohnung im Hause des Juden hat. Vorige Woche verschwand nun plötzlich das neunjährige Kind des Bauern. Der Vater erklärte, nachdem das Kind nach einigen Stunden nicht zum Vorschein gekommen war, dass das Kind vom Juden Reibscheid, resp. dessen Schwiegersohn Schreiber ermordet worden sei, der für gottesdienstliche Zwecke christliches Blut in Bereitschaft haben wollte. Ohne viel Ueberlegen machte der Bauer bei der Gendarmerie die Anzeige gegen Reibscheid wegen Ritualmordes. Tatsächlich erschienen auch bald der Gendarmerie-Wachtmeister P r e i n d 1 und ein Polizist in der Wohnung des Juden, hielten ohne richterlichen Auftrag in der ganzen Wohnung strenge Haussuchung, warfen alles durcheinander und zogen die Hausbewohner in ein hochnotpeinliches Kreuzverhör. Herr Reibscheid, der natürlich von nichts wusste. beklagte sich dem Gendarmen gegenüber: „Ich selbst wollte bei der Gendarmerie die Anzeige erstatten, dass der Bauer mir grund-

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