Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 8/9 (August/September 1908)
- Date
- 1908-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatschrift der Oesterreichisch > Israelitiscben Union. Nr. 8—9. Wien, August-September 1908. 20. Jahrgang Auflösung Deutsche und Tschechen empfinden jetzt am eigenen Leibe die Annehmlichkeiten des wirtschaftlichen Boykotts. Jahrelang wurde auf der einen Seite mit dem Rufe : „Kauft nur bei Christen!" auf der anderen Seite mit dem Rufe: „Svuj k svemu!" gegen die jüdische Geschäftswelt gehetzt. So hohe Wellen auch der nationale Hader zwischen Deutschen und Tschechen warf, in den merkantilen Beziehungen der beiden streitenden Nationalitäten machte er sich nur in geringem Masse fühlbar und in der Bekämpfung der unbequemen jüdischen Konkurrenz fanden sich sogar die feindlichen Brüder. Dem niedrigen Brotneid, der ordinären Gewinnsucht wurde freilich auch da ein verhüllendes Mäntelchen umgehängt. Das ist das hässliche Unterscheidungsmerkmal des nationalen Antisemitismus von dem christlichsozialen, dass er, obgleich denselben wirtschaftlichen Beweggründen entsprungen, unehrlich und verlogen, von der „Schweinerei der Rasse" sprach, wo es sich doch nur um Schweinereien des Gelderwerbes handelte. Nicht so sehr der Jude, nicht der Abkömmling eines orientalischen Stammes wurde gehasst, sondern der geschäftskundigere Kaufmann, der tüchtigere Arzt, der scharfsinnigere Anwalt, der beflissenere Fachgelehrte. Man Hess die nationalen Fahnen flattern und die chauvinistischen Posaunen dröhnen, man wetterte und donnerte von Bedrohung der heiligsten Volksgüter, während es doch nur galt, den verwöhnten Sprossen des arischen Bürgertums eine unbestrittene und möglichst mühelose Versorgung zu sichern. Da waren die Christlich-Sozialen wirklich aufrichtiger. Sie bekannten offen, dass ihnen der Jude wirtschaftlich unangenehm sei und dass man ihm den Löffel aus der Hand schlagen müsse, mit dem er als Gleich- \ berechtigter aus der gemeinsamen Schüssel essen wollte. Vor Jahren schon haben wir vorausgesagt, dass die Gewissenlosigkeit und Volksvergiftung, die man den Juden gegenüber für statthaft hält, weitergreifen und zuletzt auf ihre Urheber selbst zurückwirken werde. Das ist jetzt geschehen, drastischer und eklatanter, als wir es geahnt hatten. Dass der Stadtrat von Asch städtische Arbeiten ins Ausland vergibt, damit nicht Tschechen und Juden daran teilhaft werden, und dass der Verwaltungsrat der Prager Wasserleitung die Röhrenlieferung einem französischen i