Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1908) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1908)
Date
1908-06-01
Page
Seite 39 (sequence 42)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9603886-9604092--1982-9604133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

39 enthält manche Daten von geradezu überraschender Prägnanz. Dass Galizien das Hauptkontingent der österreichischen Judenschaft bildet, ist wohl bekannt, aber minder bekannt ist die Höhe des einschlägigen Prozentsatzes. Das österreichische Polen zählt an zwei Drittel der Gesamtzahl dtr israelitischen Glaubensbekenner in Oesterreich. Es ist dies die Folge eines langen historischen Prozesses, der aus der Zeit herrührt, in der Galizien ein integrierender Bestandteil des Königreiches Polen war. Tn diesem Lande gab es anfangs nur in geringem Masse eine regelrechte städtische Bevölkerung. Den Hauptbestandteil des städtischen Elements bildeten in gewissen Zeitläuften deutsche Emigranten und die Abkömmlinge der aus dem Westen ins Land gelangten flüchtigen Juden. Bekanntlich hat ja noch heute ihre Sprache, der Jargon, zahlreiche Anklänge an das Hochdeutsch an der Schwelle der neueren Zeit. Sie fühlten sich während langer Perioden auf polnischem Boden ganz wohl, da sie hier mehr bürgerliche Rechte genossen als anderwärts und insbesondere sich einer ziemlich weit gehenden Autonomie erfreuten War einst die Einwanderung der Juden nach Polen eine sehr starke, so stellt wieder in unseren Tagen die Au^wanderungsziffer eine stattliche Nummer dar. Was österreichische Auswanderer nach Amerika betrifft, stehen die Slowaken an erster, die Juden an zweiter Stelle. Bei der Gelegenheit sei erwähnt, dass unter den aus Amerika nach Oesterreich gelangenden Geldbriefen die übergrosse Zahl, einen Wert von vielen Millionen Kronen repräsentierend, nach Galizien geht. Sie bringen die praktischen Erfolge der Ausgewanderten den Angehörigen in der alten Heimat. Interessante Aufschlüsse gibt das Buch über die Taufbewegung in den Reihen der Juden. Die Zahl der vorwiegend zur katholischen Kirche Uebertretenden ist seit 1868 im grossen ganzen um das Achtzigfache gestiegen. Zu einer nicht ganz so hohen, aber ähnlichen Ziffer gelangt man, wenn man speziell die Taufbewegung unter den Juden Wiens ins Auge fasst. Von acht Fällen der Konversionen, die ehedem jaarüber zur Regel gehö. ten, ist die einschlägige statistische Jahresziffer auf mehr als 500 angewachsen. Das wurde im Jahre 1903 verzeichnet. Seither mag der Prozentsatz ein noch grösserer geworden sein. Petersburg. (Rückblicke auf den Pogromprozess in Bjelostjck.) Der Prozess wegen des Pogroms in Bjelostock ist beendet, das Urteil gefällt und die Verurteilten sehen, ermuntert durch die Presse des Schwarzen Hunderts, ruhig ihier Begnadigung entgegen, die, wie in anderen Pogromprozessen, nicht lange auf sich warten lassen wird. Dass der Bjelostoker Pogromprozess im besten Falle eine Formalität bedeute, die nur den wenigen Verteidigern die Möglichkeit geben konnte, sich über die empörenden Vorgänge zu äussern, war die Ueberzeugung der meisten russischen Zeitungsleser, die interesselos den Berichten der Spezialkorrespondenten aus Bjelostok folgten. Das Wort „Pogrom" hat man in Russland so oft gehört, dass es fast schon seine ursprüngliche Schärfe verloren hat und nicht mehr an die fürchterlichen Greueln erinnert. Immerhin gelangt man, wenn man sich ausschliesslich an die Zeugenaussagen von nur offiziellen Persönlichkeiten, Militärs und Polizisten, hält, zu ganz eigentümlichen Ergebnissen. Obgleich die Anklage von mit den Juden sympathisierenden Gefühlen sehr weit entfernt ist, hat sie doch die Fabel von der in die Kirchenprozes s i o n geworfenen Bombe und ihren Opfern aufgeben müssen und gerade diese Bombe sollte bekanntlich das Signal, die Ursache zum Pogrom abgegeben haben. Die Aussagen des ehemaligen Gouverneurs Küster und des temporären Generalgouverneurs Bogajewski und anderer bestätigen vollkommen, dass die Gewalt aus den Händen der Ziviiadministration in die des Militärs überging, ohne dass die gesetzlichen Formalitäten dabei beobachtet worden wären, also ausserhalb der gesetzlich bestimmten Norm. Naiv und einfach erklärt der Zivilgouverneur diesen Umstand damit, dass er nur Polizisten zu seiner Verfügung gehabt habe, während der General Bogajewski über Militär verfügte, deshalb habe er sich nicht in Unterredungen eingelassen und dem General die usurpierte Gewalt nicht streitig gemacht. Polizeiooerofiizier Bondartschuk bestätigte, dass während der drei Pogromtage die Untersuchung von ermordeten, verwundeten und verhafteten Juden nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.