Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 33 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Korrespondenzen. Wien. (Allgemeiner österreichischer israelitischer Bundestag.) Am 21. und 28. April fanden unter Vorsitz des Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern die Beratungen des österreichischen israelitischen Bundestages statt. Nach Eröffnung des des Bundestages gedachte der Vorsitzende des 60jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers und beantragte unter begeisterter Zustimmung die Absendung eines irluldigungstelegramms. in dem es heisst: „Unwandelbar in den wechselvollen Schicksalen unseres Vaterlandes steht die erlauchte Person unseres geliebten Kaisers als ein Hort der Gerechtigkeit, zu dem die Juden Oesterreichs unbekümmert um der Zeiten Missgunst, in hingebungsvoller Anhänglichkeit und Treue emporblicken. Die Juden Oesterreichs flehen den Segen des Königs aller Könige auf das geheiligte Haupt unseres glorreichen Herrschers herab, auf dass er zum Glück und Wohle aller Völker Oesterreichs noch lange in ungeichwächter Kraft erhalten bleibe." Als erster Punkt der Tagesordnung wurde eine zu schaffende „Vereinigung der Gemeinden zu einer autoritativen Gesamtorganisation" in i eratung gezogen. Das Referat erstattete Kultusp äsident Dr. Sonnenschein (Tioppau). Der Referent schläft die Einsetzung eines Komitees vor, in welchem alle im Judentum bestehenden Parteien vertreten sein und dessen Aufgabe e.s sein soll, einen auf die Schaffung einer autoritativen Gesamtorgauisation der Judenschaft Oesterreichs abzielenden Gesetzentwurf auazuarbeiten und einem im Herbst einzuberufenden ausserordentlichen Bundestage zur Beschlussfassung vorzulegen. Nach längerer Debatte wurde eine bezügliche Resolution angenommen und ein Komitee aus Vertretern der Kultusgemeinden der einzelnen Kronläudem gewählt. Doktor Alfred Stern (Wien) referierte über den im Budgetausschusse des Reichsrates angenommenen Antrag des Abgeordneten Professors Schmid, iu dem die Einschränkung der jüdischen Schülerzahl an Mittelschulen gefordert wird. Nach eingehender Begründung wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in welcher die versammelten Vertreter der österreichischen Kultusgemeinden sich der Protestkundgebung der jüdischen Abgeordneten nachdrücklichst anschliessen und von den jüdischen Abgeordneten erwarten, dass sie auch in Hinkunft mit derselben Entschiedenheit wie bisher ihren Stau ipunkt im Abgeorduetenhause vertreten werden. Weiters beschäftigte sich der Bundestag mit der Errichtung einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich. Das Referat erstattete der Sekretär des Bundes, Herr Krausz. Namens des Bundesvorstandes wurde beantragt, diese Anstalt in Wien zu errichten. Die Delegierten aus Böhmen schlugen Prag vor, da für Böhmen und einen grossen Teil Mährens eine jüdische Lehrerbildungsanstalt nur dann einen Wert hätte, wenn die herangebildeten Lehrer die Befähigung erlangen würden, den Religionsunterricht in tschechischer Sprache zu erteilen. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn sprach sich für die Errichtung der Anstalt iu Wien aus, hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Erweiterung des Wiener Präparandistenkurses nicht so viel kosten würde, als die Errichtung eiuer neuen Anstalt in Prag. Was die Sprachenfrage betrifft, so sei es selbstverständlich, dass für diejenigen Schüler, die aus Böhmen und Mähren kommen, ein eigener Kurs für die tschechische Sprache eingeführt werden müsste Auch für Zöglinge aus Triest und dem Küstenlande müssten italienische Sprachenkurse geschaffen werden. Nachdem Redner noch das weitere Programm der zu gründenden Anstalt beschlossen hatte, beschloss der Bundestag, den Bundesvorstand zu beauftragen, alle Vorbereitungen zu treffeD, damit die Lehrerbildungsanstalt in kürzester Zeit errichtet werde. Ueber den Sitz der Anstalt seien die Verhandlungen mit den tschechischen Korporationen fortzusetzen und für den Fall, dass die Anstalt in Wien errichtet würde, sei auf die Spracheuverhältnisse des Reiches weitestgehende Rücksicht zu nehmen. Schliesslich wurde noch die Schaffung eines jüdischen Reichsarchivs beschlossen.