Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 30 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Blutlügen vor Ostern. In dem ungarischen Städtchen Szinervaralja versuchte man einen Ritualmord in der üblichen Weise vor Pessaeh zu fabrizieren: Bei dem Geschäftsführer Isak Bernstein in dem genannten Städtchen ist die zehnjährige Flora Buzilla als Kindermädchen bedienstet. Bernstein lässt das Kind unterrichten. Am 7. April erschien im Hause Bernstein das fünfzehnjährige Christenmädchen Martha Mark und fragte nach der Buzilla. Als sie erfuhr, dass das Mädchen in den Kaufmannsladen geschickt wurde, ging die Mark ihm nach und veranlasste es, anstatt zu seinem Dienstgeber zurückzukehren, sie zu einem ausserhalb der Stadt wohnenden, rumänischen Arbeiter namens Georg Vajda zu begleiten. Dort wurde die kleine Flora in ein Zimmer gesperrt. Auf die Frage des erschreckten Kindes, was man mit ihm eigentlich vorhabe, kam stets die Antwort: „Das wirst du schon erfahren.*' Am nächsten Tage wurde Flora Buzilla ihrer Kleider entledigt und streng bewacht. Selbst die Notdurft konnte sie nur unter Bewachung des Vajda verrichten. Flora weinte den ganzen Tag, denn man verweigerte ihr auch die Nahrung, nur einmal im Tage erhielt sie durchs Fenster ein Stück Maisbrot. Auf ihr wiederholtes Jammern sagte Vajda: „Weisst du denn nicht, dass die Juden zu ihren Ostern Christenmädchen schlachten, weil sie das Blut brauchen? Bleibe du nur ruhig bei uns, wir werden auf dich achtgeben." In einem unbewachten Momente gelang es Flora Buzilla, aus ihrer Haft zu entkommen, aber sie getraute sich natürlich nicht, zu Bernstein zurückzukehren, sondern lief zu ihrer Mutter, die in dem benachbarten Dorfe Borhid wohnt. Als Flora Buzilla am 7. April von ihrem Wege zum Kaufmaun nicht heimgekehrt war, hatte der Dienstgeber Bernstein angenommen, dass sie zu ihrer Mutter nach Borhid gegangen sei. Er schrieb daher unverzüglich an die Mutter, sie möge ihre Tochter ihm zurückschicken, da er ihrer bedürfe. Die Mutter ging auf die Suche nach ihrer Tochter und als sie drei Tage lang vergeblich nach dem Kinde gesucht hatte, schrieb sie an Bernstein, dass er für das Verschwinden der Flora verantwortlich sei und dass sie am anderen Tage die Anzeige gegen ihn erstatten werde, Am anderen Tage war jedoch, wie eben erwähnt, das gesuchte Mädchen im Hause seiner Mutter erschienen. Diese begab sich, nachdem Flora ihre Leidensgeschichte erzählt hatte, mit ihr in die Stadt zu Bernstein, der nun seinerseits den ganzen Vorfall bei dem Oberstuhhichter zui Anzeige brachte. Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab nun den oben geschilderten Tatbestand und die Verführerin der Flora Buzilla, das Bauernmädchen Martha Mark, gestand weinend ein, dass sie im Auftrage des Georg Vajda auch ein anderes Christenmädchen wegzulocken versucht hatte. Was wäre mit der armen Flora geschehen, wenn es ihr nicht gelungen wäre, zu entfliehen? Und