Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 27 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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27 alle deutschen Antisemiten, Hofprediger Stöcker nicht ausgenommen, für sehr schlechte Christen hält. Er arbeitet nicht mit Bomben, ja, er hält dieses sogar für sehr verwerflich, wie jeder anständige Mensch. Aber nur die gemeine antisemitische Verdächtigung, die in jedem Juden einen Dynamitarden erblickt, kann daraus einen Gegensatz zum Judentum konstruieren. Den Juden ist es übrigens nie eingefallen, den russischen Philosophen für sich zu proklamieren. Sie freuen sich seiner wie alle Russen und sie feiern ihn wie alle, die zur Intelligenz zählen. Unser Autor kanzelt im pathetischen Stil weiter: „Der Leu ist alt, ihn umwimmeln die Schakale. Aus seinen Schriften will man ein Geschäft machen, weil er selbst uneigennützig ist, Man drapiert dieses Geschäft mit dem Mäntelchen „für die russische Freiheitsbewegung". Herren der Börse sind die Herren aus Jerusalem, Herren des Theaters auch, und die Presse und die Literatur kennen auch die Klaue des Löwy aus Juda. Ein Geschäft lässt sich auch in politischer Hinsicht machen. Tolstoi ist eine Autorität Tolstoi hat aus christlicher Milde niemals gegen die wahre Krankheit der Menschheit, das Judentum, gewettert; denn er predigte die „Passivität gegen alles Uebel". Darum spielen ihn die Juden für ihre „Gleichberechtigung" aus, sie spielen ihn gegen die christliche Kirche aus, gegen alles Arische. Sie hoflen, die Regierung werde bei diesem Feldzuge kapitulieren." Man weiss wirklich nicht, ob man sich mehr über diese Dreistigkeit ärgern oder über die Dummheit wundern soll. Unseres Wissens sind die Tolstoischen Schriften in keinem jüdischen Verlag erschienen, und wir wissen nicht, wie die Juden mit der Feier Geschäfte machen könnten. Uebrigens spielen die Juden in Russland weder an der Börse, noch am Theater, noch in der Presse eine grosse Rolle. Dass Tolstoi nur aus Milde die Juden nicht bekämpft hat, ist die abscheulichste Verdächtigung des Dichters und Denkers. Jeder weiss, wie oft und wie energisch Tolstoi die antisemitischen Ideen bekämpft hat. Es ist daher lächerlich, ihn zum geheimen Antisemiten stempeln zu wollen. Das ganze jämmerliche Machwerk scheint nur in der Absicht geschrieben worden zu sein, wieder einmal auf alles Jüdische zu schimpfen. Man kann es nicht ertragen, dass die Juden trotz aller Enttäuschungen die Kultur lieben und sich mit den anderen Bürgern für alles Grosse begeistern. Im Grunde hassen die Antisemiten den gebildeten Juden noch mehr als den ungebildeten. Sie möchten dem Juden nicht nur das soziale und politische, sondern auch das Kulturleben verkümmern. Darin dürften sie wenig Erfolg erzielen. Der moderne Jude weiss, dass er nur von der Freiheit und der Aufklärung Gerechtigkeit erwarten kann. F. S.