Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 43 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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43 Stanislau. (Antisemitismus und Antialkoholismus.) Die Antisemiten lieben es bekanntlich, ihren judenfeindlichen Umtrieben irgend einen anderen Namen zu geben, damit man sie nicht gleich als antisemitisch etkennt. Sie gleichen darin gewissen Juden, die sich auch mit allerlei Mäntelchen behängen, um nicht als Juden erkannt zu werden. An Vorwänden für irgend eine kleine oder grosse antisemitische Hetze ist nun natürlich kein Mangel. So wurde in der Schweiz das Schächtverböt im Namen der Bekämpfung ier Tierquälerei von dem souveränen Schweizervolk dekretiert, und so versuchen die Antisemiten jetzt in Galizien, die Mässigkeitsbewegung vor ihren Karren zu spannen. Im Namen des Antialkoholismus wird für die Ausdehnung der Sonntagsruhe auf das Schankgewerbe gearbeitet. Freilich vermag der Anschein, dass hier tatsächlich um ein Ideal gekämpft werde, nur sehr wenige zu trügen und auch diese kaum für lange Zeit. Denn sobald man die Versammlungen dieses Mässigkeitsapostel besucht und sich die Herren etwas näher ansieht, die da mit von Bier und Wein geröteten Nasen für den Antialkoholismus Propaganda machen, bekommt man sofort einen ganz anderen Eindruck von ihren wahren Absichten. Da wird Jedem klar, dass es diesen Herren „Antialkoholikern", die selber ein ganz ansehnliches Quantum Alkohol verbrauchen, nicht im Geringsten um den Antialkoholismus zu tun ist. Ihr einziges Ziel bei der ganzen Agitation ist vielmehr, die paar tausend jüdischen Familien zu ruinieren, die sich vom Schankgewerbe ernähren. Sehr bezeichnend ist es, dass die Herren in ihren Versammlungen ständig die jüdischen Schankbesitzer als die Ursache für die überhandnehmende Sauferei unter den Nichtjuden hinstellen, während in Wirklichkeit die Urheber dieses Uebels doch die polnischen Schlachzizen sind, die das Volk geistig und physisch verkümmern lassen, so dass es schliesslich auch dem Alkoholismus verfällt Natürlich ist bei den politischen Verhältnissen, die hierzulande herrschen, nicht daran zu zweifeln, dass auch diese neueste antisemitische Aktion Erfolg haben wird. Auf dem Lande werden bereits Unterschriftbogen für eine Petition für den Landtag verbreitet, und da man ja weiss, wie hier Wahlstimmen und Petitionsunterschriften zustande kommen, so wird der Landtag gegenüber der „erdrückenden Zahl von Unterschriften" nachgeben und das Gesetz über die Sonntagsruhe auch auf das Schankgewerbe ausdehnen. Ein Komitee der vereinigten polnischen Parteien agitiert ebenfalls hiefür und da der Sonntag nitürlich der Hauptgeschäftstag für dieses Gewerbe ist, so gehen wieder einige tausend jüdische Familien einer trostlosen Zukunft entgegen. Berlin (DasantisemitischeSeebad Borkum.) In der Sitzung des preussischen Herrenhauses vom 31. März brachte der Oberbürgermeister der Stadt Hildesheim, Struck mann, die Zustände im Seebade Borkum zur Sprache, wo seit mehren Jahren die jüdischen Badegäste von einem Teile der einheimischen Bevölkerung boykottiert werden und Spottlieder gegen die Juden zirkulieren, die auch auf Ansichtskarten verbreitet werden. Struckmann sagte: „Dieses Treiben widerspricht aller Sitte und allem Anstände. Ich glaube, es -.handelt sich um einen strafbaren groben Unfug. Was würde der Staat wohl tun, wenn das, was jetzt den Juden gegenüber geschieht, Katholiken und Protestanten gegenüber geschähe? (Widerspruch.) Sie werden mich nicht hindern, so ausführlich zu sprechen. Es handelt sich um deutsche Mitbürger und gerale das Herrenhaus ist der Ort, solche Sachen in Ruhe zu erörtern. Minister des Innern Graf Moltke sagt: Das Borkumlied ist zweifellos eine Beleidigung der Juden. Anders liegt die Sache, wenn das Lied gesungen wird, ohne dass Juden anwesend sind. In diesem Falle ist es nicht möglich, strafrechtlich gegen die Leute vorzugehen. Ich nehme aber keinen Anstand, das ganze Verfahren als grobe Ungehörigkeit zu bezeichnen, zu der nicht einmal Mut gehört. (Sehr wahr!) und habe die mir untergestellten Behörden angewiesen, mit allen möglichen Mitteln e i n z uschreiten. (Lebhafter Beifall.)