Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Juden bisher beobachtet haben. Mehr als je ist es notwendig, dasssichdieJudenOesterreichs einignn, wie es ihre Abgeordneten jetzt getan hab»-n. Redner erinnert daran, wie die Kirche immer, wenn sie am heftigsten angegriffen wurde, alle ihre Kräfte gesammelt habe, um umso schroffer und rücksichtsloser gegen ihre Feinde vorzusehen. So sei es nach der Reformation geschehen, so zur Zeit Josefs II. Auch jetzt rüstet sich die Kirche zu einem neuen Vorstoss und neben Bayern ist vor allem Oesterreich das Land, welches vom Klerikalismus für reif befunden wurde, wieder sein Reich aufzuschlagen. Der Beschluss des Budgetausschusses ist nur eine Folge dieser erneuten klerikalen Herrschgelüste. Der Katholikentag und der „Katholische Schulverein", das sind die eigentlichen Veranlasser dieser Resolution. (Beifall.) Reichsratsabgeordneter Hotrat K u r a n d a erinnert daran, welche Falschheit die Forderung nach Herstellung des perzentuellen Verhältnisses in sich birgt. Wir sind ausgeschlossen aus allen Reichsämtern, aus allen Landes- und Kommunalstellen, aus dem Offizierskorps usw. Alle Berufe, die der Staat bezahlt, sind uns verschlossen; so erfüllt der Staat seine pflichtgemässen Leistungen an uns. Wie aber steht es um unsere Leistungen an den Staat? Der ganze Kultus wird von uns selbst bezahlt, während bei den anderen Konfessionen der Staat die Kosten des Kultus trägt. Wir erhalten selbst unsere Spitäler, Armenhäuser etc.; und dazu kommt noch, dass die Pflichten des Besitzes nirgends so so stark empfunden werden, wie bei uns. Ueber all das wird stillschweigend hinweggegangen, zu allen Ungerechtigkeiten aber, die wir schon erlitten haben, will man eine neue hinzufügen. (Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler: Der Beschluss des Budgetausschusses stellt einen Faustschlag ins Gesicht des jüdischen Volkes in Oesterreich und damit einen Faustschlag ins Gesicht der modernen Kultur dar. Das Beschämendste daran ist, dass für diesen Antrag Abgeordnete gestimmt haben, welche sich auch jetzt noch nicht schämen, den Ehrentitel „freiheitlich" für sich in Anspruch zu nehmen. Klar und deutlich aber sehen wir nunmehr, dass wir auf uns selbst angewiesen sind und nichts zu erwarten haben von allen Parteien und Völkern der Monarchie. Diesmal haben die Tschechisch-Radikalen gegen den Antrag gestimmt. Wer aber wollte sagen, dass diese Partei ein zuverlässiger Bundesgenosse für uns Juden ist? Müssen wir nicht vielmehr fürchten, dass sie uns vielleicht schon morgen anfeinden wird, wie heute die Deutschen aller Schattierungen? Es ist hoch an der Zeit, dass wir all die alten Zwistigkeite n begraben und uns einigen zur Politik der Selbsthilfe. Deshalb sind wir Jüdisch- Nationalen heute als Gäste in Ihrer Versammlung erschienen, um