Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 3 (3.1908)
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9603963--1837-9603991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
26 er die Sache dem akademischen Senate vorlegen und dieselbe unterstützen werde. Rektor Professor Vortmann versprach, persönlich beim Unterrichtsminister zugunsten der Bestrebungen der jüdischen Studenten zu intervenieren. Eger. (Ein getaufter Jude gegen die Juden.) Gerechte Entrüstung ruft hier die Schamlosigkeit eines getauften Juden hervor, der sich so weit erniedrigte, in öffentlicher Gerichtsverhandlung seine Stammesgenossen in abscheulicher Weise zu beschimpfen. Am 24. Februar fand vor dem hiesigen Schwurgerichte eine Verhandlung "gegen die Schneidersgattin Barbara Fritsch aus Zebrau statt, die beschuldigt war, ihrer jüdischen Dienstgeberin Wolfner zwei Sparkassebücher entwendet zu haben. In seinem Plaidoyer bestritt der Verteidiger Dr. T r a u b, der Sohn eines hiesigen getauften Landesgerichtsrates, die Glaubwürdigkeit der Zeugen Eduard und Julius Wolfner. Dr. Traub, der selbst noch als Jude zur Welt kam, sagte wörtlich: „In der Familie Wolfner herrschte Misstrauen. In der Bibel wird schon erzählt von dem Tanze um das goldene Kalb; ob mit Recht oder Unrecht, hat der grösste Jude des 19. Jahrhunderts, Karl Marx, eine ungünstige Charakteristik des Judentums geboten, wonach der weltliche Gott des Judentums Geld sei. In einer Familie, wo Misstrauen herrseht, ist ein günstiger Boden für Familiendiebstähle." Der Vorsitzende liess diese Pauschalverleumdung gegen das Judentum ungerügt. Das ist auch charakteristisch für den Geist, der gegenwärtig die österreichische Justiz durchtränkt. Gegen Dr. Traub, den strebsamen Sohn seines strebsamen Vaters, steht uns keine andere Genugtuung offen, als dass wir diesen Herrn dem Urteile aller anständigen Menschen, ob Christ oder Jude, überantworten. Leipa, (Unsere „Deutschfreiheitlichen") haben ihre eigenen Begriffe über Freiheit. In dem benachbarten Laugenau sollte die erledigte Distriktsarztensstelle neu besetzt werden. Ueber erfolgte Ausschreibung lag nur ein einziges, mit allen denkbaren Empfehlungen belegtes Gesuch des Med. Univ. Dr. Julius Schneider vor, für dessen Ernennung sich die Gemeinden Langenau und Sonneberg lebhaft einsetzten. Die „deutsch-freiheitliche" Bezirksvertretung in Haida lehnte aber nicht nur den mittlerweile erfolgten Vermittlungsvorschlag, die erledigte Stelle einstweilen provisorisch durch den genannten jüdischen Arzt zu besetzen, ab, sondern sie beschloss auch mit grosser Stimmenmehrheit, den Posten zu dem Zwecke neu auszuschreiben, um einen christlichen Bewerber zu erhalten. Und diesen Herren haben wir Juden jahrzehntelang politische Gefolgschaft geleistet!