Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 32 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Ritualmordbesciiuldigungen im Gerichtssaal. Vor dem Wiener Schwurgerichte hatte sich am 4. d. M. der 41jährige Reisende Jakob Julius Hitzky wegen Gewohnheitsdiebstahls und Veruntreuung zu verantworten. Hitzky ist bereits neunzehnmal vorbestraft. Der Staatsanwalt gibt bekannt, dass der angeklagte Hitzky in der Untersuchung angegeben hatte, er habe mit einem gewissen Elias an einem achtjährigen Mädchen einen Eitualmord verübt und die Leiche auf einem Friedhof in der Nähe Wiens in einem Schachtgrabe verscharrt. Die Untersuchung ergab, dass an der Geschichte kein wahres Wort sei. Trotz dieser Feststellung bringt der Angeklagte bei der Einvernahme des Zeugen Mendel Elias die Geschichte vom Ritualmord neuerdings in sehr erregter Weise zur Sprache. Ueber Antrag des Verteidigers beschloss der Gerichtshof, den Geisteszustand des Hitzky prüfen zu lassen. Kindesraub zu angeblich rituellen Zwecken. Die „Svobodno Slovo" in Sofia schreibt: „Eine alte Legende, so alt wie das Christentum selbst, bringt von Zeit zu Zeit die Volksmassen in Aufruhr; diese Legende besteht darin, dass die Juden für ihre heiligen Handlungen das Blut minderjähriger Christenkinder verwenden, in dem sie diese stehlen, auffüttern und dann abschlachten. Auch bei uns hat dieses Märchen eine weite Verbreitung gefunden: das Volk glaubt daran, wie an die Strahlen der Sonne. Dies ist die Ursache, dass oft vandalische Gewalttaten gegen Juden verübt wurden, gegen Mitbürger, die seit jeher von geldsüchtigen Elementen zum Gegenstande ihrer Verfolgungen gemacht wurden. Ein Beweis für die Haltlosigkeit dieses Aberglaubens ist überflüssig. Diese Ansichten datieren aus dem Mittelalter, in welchem sie aus kirchlichen Interessen verbreitet wurden. Wir sagen damit nichts Neues; wir müssen uns nur über die Intelligenz jener wundern, welche die Unerfahrenheit der breiten Volksmassen zu Geldspekulationen auszubeuten verstehen. Die Passah-Woche in der Hauptstadt zeitigte eine kuriose Geschichte: zwei Juden raubten angeblich das Kind des Generals Veltchew, welches von Gendarmen oder Soldaten gerettet wurde — ob die Retter Gendarmen oder Soldaten waren, weiss man nicht, weil sich das Kind Veltchew's keine klare Vorstellung von ihnen machen kann; die Zeitungen schlugen Alarm; eine Untersuchung wurde eingeleitet; die „Täfer" wurden in Gewahrsam gehalten; der Untersuchungsrichter, welcher die Verhafteten freiliess, wurde seines Amtes enthoben — mit einem Wort: dem „Raube" wurde jene Bedeutung beigemessen, wie sie nötig ist, um den religiösen Fanatismus der Volksmassen zu erregen. Warum